Mrs.McH 03.05.2012, 19:01 Uhr 6 3

Die Situation

Du lässt Dich gehen, fängst an zu riechen. Ich dulde es, weil es eine Art Liebe ist.

Es ist eine Art Hassliebe.

Das Wort für sich ist ein Widerspruch, doch wenn mich jemand nach meinen Gefühlen zu Dir befragen würde, wäre dies meine spontane Antwort. Spricht das nicht für Leidenschaft? Wer von uns beiden leidet wohl mehr?

Seit Jahren habe ich Dich in der Hand. Du bist mir ausgeliefert und ich benutze Dich, wann immer und wie es mir beliebt. Ich nehme mir von Dir, was ich will und ich genieße es. Ich liebe es, Dich um mich zu haben, jederzeit bereit. Und dann gebe ich mich Dir hin, fühle Dich auf meiner Haut, spüre Deine Wärme, schnuppere Deinen Dir so eigenen Duft, den ich so sehr mag. Ich möchte in Dich hineinkriechen und wühle mich in Dein Innerstes. Wenn wir so sind, dann bin ich glücklich.

Doch dann kommt irgendwann die Zeit, da habe ich Dich nicht mehr im Griff. Du lässt Dich gehen, fängst an zu riechen und meistens siehst Du dann ganz verknittert und ungewaschen aus. Ich nenne es „die Situation“. Dieses Wort ist für Außenstehende wertfrei, doch für mich drückt es alles aus. Es widert mich an, wenn diese Zeit anbricht. Bis heute konnte ich diesen elendigen Kreislauf nicht durchbrechen. Immer wieder stehen wir vor dem gleichen Problem.

Du sagst, es liegt an mir. Ich würde Dich nicht beachten, ja fast ignorieren. Das alles würde nicht passieren, wenn ich mich richtig um Dich kümmern würde. Aber sobald es schwierig und mit Arbeit verbunden sei, würde ich kneifen.

Leider hast Du recht. Ich werde es nicht schön reden.

Heute war wieder einer dieser Tage, an denen „die Situation“ völlig außer Kontrolle geraten ist. Du lagst nur herum, Dein Geruch wurde immer penetranter. Da bin ich durchgedreht.

Ich erschrak über mich selbst und die Selbstverständlichkeit, die sich einstellte, nachdem der erste Ekel überwunden war.

Es war so einfach Dich zu zerteilen.

Doch der Geruch hat natürlich davon nicht nachgelassen. „Die Situation“ hatte sich somit nur unwesentlich verändert.

Also wusch ich Dich.

Jedes einzelne Stück. In diesen Augenblicken, wo ich Dich, im wahrsten Sinne des Wortes, in der Hand hatte, fühlte ich mich befreit und gleichzeitig erfüllt. „Die Situation“ war überstanden.

Ich habe Dich nun zu kleinen Häuflein aufgestapelt und betrachte zufrieden mein Werk. Dein nun wieder frischer Duft betört mich. Zärtlich streichele ich das ein oder andere Teil von Dir, nehme eines und schmiege sanft meine Wange daran. Es erinnert mich an gute und schöne Zeiten.

Nur langsam dämmert mir, dass „diese Situation“ nun zwar bereinigt ist, ich aber erneut vor einem Problem stehe. Was mache ich nun mit Dir? Wenn ich Dich so liegen lasse, wirst Du bald wieder anfangen zu stinken. Außerdem geht das gar nicht, wenn Leute zu Besuch kommen. Da würde ich ganz schön in Erklärungsnot kommen und peinlich wäre es auch. Also tue ich das, was wohl jeder andere auch in dieser Situation tun würde.

Ich räume Dich weg.

Fein säuberlich, Teil für Teil, Stück für Stück.

Ich lasse es mir nicht nehmen an jedem noch einmal ausgiebig zu schnüffeln. Schrank zu, Affe tot. Hihi, wie passend.

Erleichterung. Endlich ist die Wäsche wieder gemacht.

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6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Hat mir sehr gefallen.


    So kann Bügeln zum Krimi werden :) Originell dein Text.

    05.05.2012, 19:15 von Jackie_Grey
    • 1

      Danke, mein Herzchen :) Ich hatte gehofft, dass Du es liest, dachte aber, Du hörst auf bei "Es war so einfach Dich zu zerteilen." ;-) Ich bin begeistert!!

      05.05.2012, 19:38 von Mrs.McH
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  • 1

    Das rettet mir heute den Tag..danke für diesen Text! Super :)

    04.05.2012, 17:31 von Frauuzi
    • 0

      Danke Dir mal wieder! Hätte nicht gedacht, dass Schmutzwäsche mal so hilfreich sein kann :)

      05.05.2012, 07:14 von Mrs.McH
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  • 1

    Na das ist mal etwas anderes, danke dafür! :)

    03.05.2012, 21:11 von ladolente
    • 0

      NIX zu danken, aber für die Lesezeit und das Herz :)

      04.05.2012, 06:29 von Mrs.McH
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