Die Schokotherapie
„Hau ab. Weg hier... Hundevieh", hörte ich es aus dem Nachbarzimmer grollen. Irgendwie musste ich grinsen.
Nebenan versuchte Sabine, die neue Kollegin, gerade Liu einen unserer Bewohner, unter die Dusche zu bekommen.
Sabine ist eine ausgebildete Fachkraft, hatte zwei Kinder und war ca. doppelt so alt wie ich, was in ihrer Akzeptanz mir gegenüber deutlich zu spüren ist. Schon der Blick als ich ihr erklären wollte, wie der morgentliche Ablauf bei uns ist, zeigte, dass sie nicht gewillt war sich von der 'süßen kleinen Praktikantin' irgendetwas sagen zu lassen.
Nun gut, in Ruhe zog ich Susanne, ihre elendigen Stützstrümpfe an, während diese gut gelaunt, von ihrem Bruder Alfred plapperte, der heute zu besuch käme, mit ihm Lene, die alle ihre Kinder ermordet hätte. Gemeinsam planten wir Lene nach all den Jahren endlich zu Gericht zu bringen. Ich genoss Susannes gute Laune. Erstens weil diese selten ist und zweitens weil Susannes blaugrauen Augen, bei ihren herrlich blutrünstigen Geschichten strahlten und mich immer wieder mitrissen.
Nebenan tobte eine Stimme: „Neee, weg hier, muss Schlagen". Vor meinen inneren Auge, sah ich Liu. Die eine Hand im Mund, die andere um-sich-schlagend. Leicht nach vorne gebeugt, um Sabine besser treffen zu können. Ganz diplomatisch und mit strenger Stimme versuchte Sabine es mit: „Nein Liu! Ich möchte nicht, dass du mich schlägst." Mein Grinsen wurde immer breiter. Liu hat schonmal so seine Momente. Da könnte der Präsident vor ihm stehen, oder Herr Dr. Professor Soundso persönlich, oder der Papst oder sonst wer.. Liu nimmt das dann gar nicht wahr. Er ist auf einem Auge blind und kann bestimmte Bewegungen nicht erkennen. Dann reagiert er mit Geschrei und Schlagen und naja - ist ein wenig 'unkooperativ'. Liu hat eine lange 'Klinikkarriere' hinter sich und auch die schwarzen Zeiten der Klinikgeschichte miterlebt. Er ist ein Angstbeißer. Verständlich, in Zeiten von 50, damals noch Patienten, in einem Haus und nur sehr wenig Personal herrschte das Gesetz des Stärkeren. Liu gehörte nicht zu den Stärkeren. Ein Zeichen davon ist das linke blinde Auge, was nicht angeboren ist.
Nunja, wenn Liu nicht will, dann will er nicht und dann lässt man ihn, oder man riskiert ein blaues Auge. Der Satz: „Nein Liu! Ich möchte nicht, dass du mich schlägst.", hat ungefähr die Wirkung, wie einen Eimer Wasser in ein brennendes Haus zu werfen. Liu hatte sie wahrscheinlich noch nicht einmal gehört.
Ich überlegte derzeit, ob ich mit Susanne ein Lied anstimmen sollte. An so einem schönen Tag.. Mein Grinsen erlangte schon fast Kreis-Ausmaße, als Sabine in der Tür stand. Sie hatte ein leichtes Beben in der Stimme, irgendwie klang sie verzweifelt. Ob wir tauschen könnten, sie macht Susanne weiter und naja, Liu habe heute wohl kein Vertrauen zu ihr, ob ich..? Fairerweise und weil ich gerade so viel Spaß mit Susanne hatte, versuchte ich Sabine zu erklären, dass Lius Reaktion nichts mit ihr zu tun hat und das seine Launen personenunabhängig sind. Sie bestand trotzdem darauf zu tauschen. Oook..
Ich ging ins Nachbarzimmer, all meine gute Laune im Gepäck und begrüßte ihn fröhlich. Liu sah mich aus den Augenwinkeln an, sein Blick war abwartend. Irgendwie hatte ich Verständnis für ihn. Ich bin auch ein Morgenmuffel und würde mir nicht von jedem sagen lassen wollen, wann ich ins Bad muss, oder duschen soll, dann ist das Wasser nicht sofort immer warm und auch Liu muss morgens durch die 'Stützstrumpfprozedur'... Er beobachtete mich finster weiter. Auf meinen fröhlichen Tonfall reagierte er mit einem: „Setz die hi" und klopfte auf den Platz neben sich. Das hörte sich vielleicht nach einem positiven Zeichen an, aber bei Liu, ist das die freundlichere Variante, um zu sagen, dass er nicht gewillt war, aufzustehen. Nunja, irgendwie war es zwar gemütlich so neben Liu zu sitzen und ihm Geschichten von einer Maus, mit möglichst munterer Stimme zu erzählen, jedoch erinnerte mich Lius Geruch an die absolute Notwendigkeit einer Dusche.
Außerdem warteten noch andere Bewohner darauf geduscht zu werden, das Frühstück musste zubereitet und der allgemeine morgentliche Stress bewältigt werden. In einem kurzen Kriseninterpräventionsgespräch mit mir selber, lief ich zielstrebig Richtung Küche. Sabines strenger Ton und mein Einfühlungsvermögen hatten versagt und ihn zum Duschen zwingen, sowas mache ich nicht. Das Gesetz des Stärkeren hatte in seinem Leben lang genug geherrscht, zudem wollte ich liebend gern ohne blaues Auge nach Hause. Ich hatte mich für eine vollkommen unterschätztes und wissenschaftlich bis lang ignoriertes Therapiefeld entschieden. Ich hielt Liu ein Stück Schokolade vor die Nase. Liu schob die Unterlippe vor und schaute mir mit kleinen verschlafenen Augen ins Gesicht. „Koomm mein Sternchen, na kooomm.", lockte ich. Ganz langsam streckte sich seine Hand nach der Schokolade aus. Ich wünschte mir zutiefst, dass mich keiner beobachtet. Bei der Methode könnte man meinen ich hätte mein Examen im Lotto gewonnen. Liu schnappte sich schnell die Schokolade und steckte sie sich hastig in den Mund. Dann erschien wieder das typische 'Sternchen-Liu-Schmollmundgesicht' und die Hand streckte sich erneut aus, diesmal begleitet von einem fordernden: „Bonbon." Ich legte mir wieder ein Stück Schokolade in die Hand und zog diese jedoch Richtung Bad als Liu danach greifen wollte. Zögerlich saugte er die Luft durch die Zähne und schaute mich prüfend an. Er schien zu ahnen, dass diesem Braten nicht zu trauen war. Grinsend beobachtete ich seinen inneren Kampf. Schließlich erhob er sich langsam und bedächtig und folgte mir Schokostück für Schokostück Richtung Bad.
Einige Minuten später streckte Sabine ihren Kopf durch die Badezimmertür. Möglichst gelassen und freundlich plapperte ich Liu eine Geschichte vor. Die Variante der Schokotherapie erfuhr sie dann erst später.
Manchmal heiligt der Zweck eben doch die Mittel.






Kommentare
..toll!! lieb und einfühlsam. kompliment.
08.04.2008, 22:11 von miralii*lach*
03.04.2008, 17:25 von RedSonjajaaaa.. kommt mir irgendwie so bekannt vor.
schön erzählt.
aber wäre auch ohne die figur der sabine eine schöne geschichte gewesen.
:D
...wunderbar erzählt!
02.04.2008, 23:21 von Kiyan