coquette 04.04.2012, 20:30 Uhr 1 4

Die Nacht und ich.

Die Nacht und ich, wir sind Freunde.

Draußen ist Dunkel und Stille. Drinnen bin ich. Neben mir ein Kaffeetassenchaos. Ein Stilleben, das aussieht, wie ich mich fühle: Verbraucht und fertig. Irgendwann werde ich noch an meinem Kaffeekonsum zu Grunde gehen. Ich weiß, dass ich Entzugserscheinungen bekomme und mich wie ein Junkie auf der Suche nach dem nächsten Schuss fühle, wenn der Kaffee wider Erwarten länger als 24 Stunden am Stück ausbleibt. Aber Kaffee ist legal und derzeit habe ich andere Sorgen, als dass ich mich sofort um mein möglicherweise vorhandenes Suchtproblem kümmern könnte. Oder kümmern wollen würde. Jedenfalls irgendwas mit ganz viel Konjunktiv. Konjuntiv ist ein bisschen wie "Aus den Augen, aus dem Sinn": jedenfalls ganz weit weg.
Jan Weiler schreibt irgendwo in "Mein neues Leben als Mensch", dass man das Kaffeetassenchaos als Zeichen seines Savoir vivre verstehen solle. Gerne würde ich das auch von mir sagen. Aber ich fürchte, ich habe mein Savoir vivre verloren. Ich lebe nicht mehr, ich bin.

Draußen ist Dunkel und Stille. In mir auch. Stoisch greife ich zum nächsten Buch, das sich ganz oben auf dem Turm links neben mir befindet. Auch rechts ist ein Stapel, der verglichen mit dem anderen wie dessen kleiner verwaister Bruder wirkt. Was aussieht wie Chaos hat unerwartet viel System. Zumindest ein bisschen. Rechts vollzieht sich ein Turmbau zu Babel, der sich aus all jenen Seiten speist, deren Inhalt bereits in mein Hirn übergegangen ist. Okay, meine rudimentären Bibelkenntnisse wissen natürlich, dass das eine ziemliche Selbstüberhebung ist. In der Bibel straft Gott das Turmbau-Vorhaben mit Sprachverwirrung. Offenbar hat auch mich dieses Schicksal bereits ereilt, denn auch ich bin verwirrt. Schillers Kategorie des Erhabenen löst bei mir Brechreiz aus. Der Gedanke an die ästhetische Erziehung des Menschen macht großes Unwohlsein in meinem Bauch. Ästhetisch wäre es, ins Bett zu gehen. Am besten mit einem großen "Examen, du Arschlochkind!". Aber dafür bin ich nicht cool genug und im Grunde auch viel zu panisch. Aber Examen ist nicht nur Intelligenz, sondern auch 'ne Menge Coolness.

Draußen ist Dunkel und Stille. Hinter mir kratzt die Nadel über das Vinyl. Die Platte läuft auf Dauerschleife. So, wie Vinyl halt auf Dauerschleife läuft: umständlich. Die Musik klingt schon lange nicht mehr nach Sommer, Freiheit und dem Gefühl, alles tun und erreichen zu können, wenn man nur selbst fest genug daran glaubt.
"We stayed in the sun too long, suffered a terrible burn. Now everybody learns from disaster." Statt Sonnenbrand ist mir das Chaos geblieben. Eine Katastrophe in Form von Bücherstapeln und Wissenslücken, die eine solche Spannweite erreicht haben, dass sie nicht mehr als Wagemut durch gehen, sondern als Wahnsinn. Oder beides. Ich bin Wagesinn.

Draußen ist Dunkel und Stille. Ich erinnern mich an die Worte, die der Professor mir als gut gemeinten Rat mit auf den Weg gab, als er mich nach einer seiner letzten Sprechstunden bestimmt aus seiner Tür schob: "Seien Sie geduldig!". Geduld ist eine Tugend, die sich schon lange nicht mehr in meinem Besitz befindet. Ich kann nicht verstehen, wieso ausgerechnet ich nicht mit einem photographischen Gedächtnis gesegnet sein sollte. Wieso ausgerechnet ich mir nie merken kann, was ich zwanzig Seiten zuvor gelesen habe. Alles, was ich nicht habe, ist Geduld - vorallem nicht mit mir selbst. Papier ist geduldig. Viele Male habe ich schon versucht, die gelben Lektürebändchen im Klo zu versenken. Zwei Mal war der Hausmeister deswegen da. Die Bücher leben noch. Zwar ist der Schnitt nun wellig und Torquato Tasso musste ein paar Seiten einbüßen, aber sie leben. Die Erneuerung des Badbodens hat hingegen einen Krater in meine Haushaltskasse gerissen.

Draußen ist Dunkel und Stille. Die Nadel kratzt nicht mehr über Vinyl, vermutlich hat sie sich kampflos ergeben und möchte den letzten Rest der Nacht noch auskosten. In die Stille hinein dringt ein Wummern. Ich höre meinen Herzschlag, er ist lauter denn je. Mein Herzschlag ist mein Takt. Der Takt, der mich Jahreszahlen wiederholen lässt: 1759 Schiller da, 1805 Schiller tot. 1749 Goethe da, 1832 Goethe tot. 1799 Weimar: beide da. Im Grunde ist Schiller wie Goethe. Nur anders.

Draußen war Dunkel und Stille. Die Stadt erwacht in ihr Chaos. Draußen Chaos, drinnen Chaos.

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1 Antworten

Kommentare

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    Schöne Schreibe. Schönes Chaos.

    05.05.2012, 14:44 von Jackie_Grey
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  • Wie siehst du das, Stefan Bachmann?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

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    Millionen Syrer sind auf der Flucht. Doch was passiert mit denen, die blieben? In Aleppo versuchen ehemalige Kämpfer zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

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