Die man nicht riechen kann
Netz. Hals. Maul.
Was mich jagt, was mir Angst macht, mich wach hält, fern hält, einsperrt: Ich bin überzeugt, tierisch aus dem Mund zu stinken. So lächerlich das auch klingt: so groß ist der Schmerz, dass, wann immer ich unter Menschen bin, wann immer mich jemand nach dem Weg, nach Feuer oder nach meinem Befinden fragt, ich mich wegdrehe, aus den Augenwinkeln rüberschiele und durch die Rillen zwischen meinen Fingern eine Antwort nuschle. Ich sehe dabei gestört aus, unsicher, verzweifelt. Man lässt mich in Ruhe. Wer mich schon erlebt hat, meidet mich.
Man wird denken: Dann nimm doch die Hand vorm Mund weg, schau ihnen mit beiden Augen ins Gesicht. Aber lieber werde ich für gestört gehalten und lebe in der stillen Gewissheit, dass ich es nicht bin, als den Menschen ins Gesicht zu atmen, dass sie denken, ich hätte anstelle von Mandeln ein Rattennest im Hals. Oder eine Kinderleiche.
Was frisst dieser Mann bloß, dass er so aus dem Hals stinkt, würden sie denken. Putzt er sich nicht die Zähne? Meine peinlich gepflegten Zähne würden jederzeit Zeugnis ablegen können, wie genau ich die Mundhygiene nehme, doch wer würde mir schon auf die Zähne schauen wenn ihm die Luft von fünf Müllhalden wie ein Lastwagen vor die Nase knallt?
Eine Weile geht das schon so. Darum habe ich Buch geführt, Listen erstellt, mitgehalten, was ich tue, esse, denke, mit wem ich mich umgebe bis ich bin an den Punkt gelange, zu verstehen, woher der Gestank stammen muss.
Während Buddha das Unglück der Welt in sich aufnimmt und dadurch immer dicker und glücklicher wird, kann ich meine Linie halten, doch alle Scheiße, die sich in meiner Umgebung ereignet, jeden Müll, den ich mitbekomme, jeden Schwachsinn, den ich höre, bin ich unfähig zu filtern oder zu ignorieren, nein, ich sauge ihn ein, ich sauge ihn auf. Und weil ich mich nicht wehren kann lagert sich all diese unfassbare Scheiße in meinem Magen an. All das, was ich nicht verdaue, weil es unverdaulicher Mist ist, rottet dort vor sich hin und tritt über meinen Mund als Gestank zurück nach außen.
Ich gehe mit meiner Mundmaske also zum Arzt, der mich erst nach Hause schicken möchte, als ich ihm erzähle, was mir fehlt. Aber schnell bemerkt er den Ernst der Lage, bittet mich, meinen Mund weit zu öffnen, schiebt mir ein Holzstöckchen in den Hals.
„Gleich fällt er tot um“, denke ich zitternd, doch nichts dergleichen passiert. Er fängt an zu lachen, setzt sich wieder zurück an seinen Schreibtisch und strahlt „Nichts fehlt ihnen. Eher werden sie bei ihrem intensiven Eukalyptus-Menthol-Odeur von einer Koala-Familie angefallen und gefressen, als das jemand ihretwegen tot umfällt.“
Ich erkläre also: „Aber es nützt ja nichts, wenn ich den Gestank immerzu rieche. Selbst wenn ich der Einzige bin. Diese Welt und diese Menschen, die ich so sehr lieben würde. Man denke nur an all die Dinge, an denen ich Spaß haben könnte, würde ich nicht so tierisch aus dem Mund stinken.“
„Sie müssen an ihrer Haltung zur Welt arbeiten oder einen Psychologen aufsuchen, der ihnen auf die Sprünge hilft. Dann stinken sie auch nicht so aus dem Maul... entschuldigen sie die Wortwahl. Was ich als kostenlose Vermutung äußern kann: Der Gestank, den sie sich einbilden, entspricht ihrem Weltekel. Und würden sie sich nicht mehr ekeln – vor sich selbst oder der Welt, wer weiß – würde er vergehen.“
Der Schritt zum Psychiater scheint mir als zu gewaltig, ich gehe es eine Nummer kleiner an und suche bei Netdoctor einen Berater, der mir vorschlägt, mich bei einer sozialen Plattform anzumelden und so mit Menschen in Kontakt zu treten, damit ich sie lieben lerne. Die Scham , nicht selbst auf diese Idee gekommen zu sein, stinkt kurz und heftig, aber nachdem ich mich erhole, geht das Abenteuer los.
Für eine ganze Weile friste ich mein digitales Dasein als stiller Beobachter. Ich verfolge, was die „User“ so treiben, worüber sie sich unterhalten, auf welche Art sie diskutieren. Ein Schlüsselfaktor zu ihrem sozialen Erfolg scheint das Profil, das die meisten mit Fleiß gestalten. Bei manchen, denke ich, verhält es sich wie mit meinem Mund: Mit großer Hingabe gepflegt und dennoch zum Himmel stinkend und komme zu einem ersten Urteil: Wäre die Welt auch nur ansatzweise so voll mit fantastischen, gebildeten, schlauen, sensiblen, attraktiven, wortgewandten, verrückten Menschen, hätte es mir selbst mit meiner Kontaktstörung irgendwann auffallen müssen. Meine Verwunderung schlägt um in Enttäuschung, schlägt um in Wut.
Ich schreibe den Vollidioten unter ihre Beiträge wie unfassbar scheiße sie sind, wie viel besser die Welt wäre, wenn sie sich bequemen würden, an sich zu arbeiten und einzusehen, wie falsch sie liegen. Erkläre ihnen, was sie lesen müssten, was sie wissen sollten, was zu lassen sie hätten, um dem zu entsprechen, was sie in ihren Profilen und Ansagen vorzugeben meinen.
Ich werde als Troll beschimpft, was mich nicht wundert, denn Trolle, so finde ich per Recherche heraus, sind widerliche Bestien und auch ich bin eine widerliche Bestie... zumindest rieche ich so.
Dem Netdoctor teile ich mit, dass sein Plan ordentlich am Arsch sei, ich mich nur zerstritten hätte und der Gestank in meinem Mund zeitweise so unerträglich wird, dass ich kaum noch schlafe aus Angst, daran zu ersticken.
Er antwortet mir: „Haben sie sich mal selbst ein Profil erstellt? Ein positives, bejahendes, spannendes? So können sie sich in ein besseres Licht rücken!“
Nach ausführlicher Lektüre alle Angaben, die andere von sich machen, muss deren Alltagstauglichkeit überprüft werden.
So marschiere ich in eine Fleischerei, sage mit Bestimmtheit „Ich möchte Wurst!“ –„Was für Wurst?“ –„Gute Wurst!“, stelle aber fest, dass ich mich vertan habe, ich hätte in ein Restaurant gehen sollen um „gutes Essen“ auszuprobieren. Ich rufe beim Reisebüro an um einen „klasse Urlaub“ zu buchen, ich frage den Türsteher vor der Disco, in die ich mich durch den digital erreichtes Rückgrat endlich traue, ob es dort auch „hübsche Frauen“ gäbe, im Saturn verlange ich vom Verkäufer, dass er mir „tolle Musik“ raussucht, ich trotte zur Partnerberatung und bitte um ein Date mit einer Dame, die nach eigener Aussage zwar verrückt aber eigentlich ganz lieb ist, am besten verträumt und eine solche, mit der Mann Pferde stehlen kann, damit sie mich in meinem klasse Urlaub bei toller Musik, guten Kaffee und leckeren Essen begleiten wird. Reichlich Sex inklusive.
„Eure Welt funktioniert für mich nicht“, schreibe ich mir mit Kugelschreiber auf den Unterarm und gehe zum Tätowierer, damit ich mit schwarz-weiß-Fotos meiner selbstoffenbarenden Körperkunst ein paar Freunde gewinnen kann, setze zu den Fotos ins Profil:
Ich bin: weder verrückt noch ganz lieb
Ich bin nicht: sicher
Ich mag: meine Haut und meine „Tatts“
Ich mag nicht: Guten Kaffee, tolle Musik, klasse Urlaub, lecker Essen...
Was man mit mir kann: Durchatmen kann man mit mir nicht
Was man mit mir nicht kann: Pferde stehlen, Sterne zählen, fünfe grade sein lassen
Nach wenigen Minuten landen zahlreiche neue Nachrichten in meinem Postfach: von Frauen, die sich von mir verstanden, angezogen, positiv provoziert fühlen. Eine Nachricht darunter von einer, deren Profil meinem eindeutig ähnelt.
Sie schreibt, ich stinke und damit ich sie nicht missverstehe, reiht sie ein kokettes Smiley dahinter. Wir frotzeln hin und her, sie ist bescheuert, aber bietet mir bald Sex. Das sei hier üblich und ich solle mich nicht so anstellen. Den Sex absolvieren wir zunächst über das Postfach. „Trockenübung“, denke ich.
Ich schreibe meinem Netdoctor, dass ich Menschen gefunden hätte, dass er Recht hatte mit dem Bejahen und dem Profil und es so aussehe, als solle man einem geschenkten Gaul nicht so genau ins Maul schauen. Auf die Frage, ob sich das nun auf meinen Mundgeruch und meine psychologische Verfassung auswirken würde: Wen interessiert das schon im Internet?






Kommentare
Hatte heute an diesen Text denken müssen und lang überlegt, bei wem ich ihn gelesen hatte. Dabei war er in meiner Empfehlungsliste.
02.04.2012, 23:02 von Sterling4everEine wirklich gute Story.
diese formulierungen. herrlich.
06.01.2012, 00:33 von mo_chroider Geil Ist Geil Markt hat gute Musik?
08.11.2011, 11:05 von 0dBklasse
07.11.2011, 22:05 von kattili"die wahrheit ist ein bitt'rer tank
07.11.2011, 17:10 von schaubyund wer sie braut hat selten dank
denn der menge schwacher magen
kann sie nur verdünnt vertragen."
wenn's kein fehlender biss am faulen zahn is, is es der bauch, alles is es der bauch.
einstieg, story sehr amüsant und würzig :) zum ende bißchen ungesalzen.
ich find den text sprachlich toll flüssig.
07.11.2011, 13:54 von halbkindmfPaderborn passt.
07.11.2011, 01:19 von DASkannNICHTklappendu kannst also auch komisch!
06.11.2011, 22:53 von Gluecksaktivistinsehr fein!
der text bringt mich irgendwie zum schmunzeln, weiß auch nicht warum... hihi
ja. mhm. vielleicht beantwortest du trotzdem mal die frage ohne Negationen: Was kann man mit Dir?
06.11.2011, 20:53 von Sterling4everdie frage ist weniger: was
07.11.2011, 00:40 von MisterGambitsondern: wer
interessant.
07.11.2011, 07:40 von Sterling4evergöttlich!
06.11.2011, 19:58 von kxxx