Die Kunst des Versagens
Das Papier klammert sich an meinen Haaren fest und schneidet mit seinen scharfen Kanten blutige Kratzer in mein Gesicht.
Das weiße Blatt Papier auf meinem Tisch zwinkert mich herausfordernd an. Mein Füller ist von meiner zitternden rechten Hand fest umklammert und schnappt nach Luft. Es ist nur ein Blatt Papier, flüstere ich mir leise zu. Ich schreibe etwas darauf und gebe ich es bei meinem Professor ab. Nur ein harmloses weißes Blatt, murmle ich und versuche die aufkommende Übelkeit herunter zu schlucken. Eine starke Hitze kämpft sich langsam von meinem Rücken über meinen Hals zu meinem Gesicht vor und ich sehe meine Haare schon in Flammen stehen. Nach kurzer Zeit brennt mein ganzer Körper und nicht einmal der Schweiß, der mir das Gesicht herunter rinnt, kann das Feuer löschen.
Mein Tisch, das Papier und ich drehen uns im Kreis und alles um mich herum verschwimmt. Die Silhouetten meiner Kommilitonen schreiben und starren konzentriert auf ihre Blätter. Ich drehe mich weiter im Kreis und versuche mich mit meinen Augen an dem verschneiten Baum festzuhalten, der draußen vor dem Fenster steht. Er ist vom Schnee ganz weiß bedeckt, so weiß wie das grinsende Papier vor mir. Harmlos, füstere ich.
Ich fühle mich klein und die dicken Mauern der Universität drohen auf mich einzustürzen. Schwarze Risse ziehen sich unaufhörlich durch das Mauerwerk und der Boden unter meinen Füßen bebt. Ich sehe mich unter den Trümmern liegen, schwer verletzt und nicht im Stande jemals wieder aufzustehen. Das Husten eines Kommilitonen schleudert mich wieder an meinen Platz zurück. Ich öffene meine Augen und das Papier grinst mich hämisch an und springt plötzlich gegen mein Gesicht. Es klammert sich an meinen Haaren fest, als ich versuche es herunter zu reißen und schneidet mit seinen scharfen Kanten blutige Kratzer in mein Gesicht.
Mein Arm schleudert in die Luft, es fühlt sich an, als würde er von meinem Körper reißen und durch die Luft fliegen. Das Papier hat sich inzwischen um meinen Hals gewickelt und schnürt ihn zu. Ein Professor kommt und fragt was los sei. "Ich muss schnell aufs Klo.", krächtze ich.
Atmen, einfach atmen, sage ich zu mir als ich auf der Kloschüssel sitze und die bemalten Wände ihre Münder öffnen, um mich aufzufressen. Du bist noch da, du spürst dich, nein du stirbst nicht. Du bist 20, da stirbt man nicht. Jedenfalls nicht einfach so. Deine Füße stehen auf dem Boden, du bist da. Mein Herz schlägt gegen meinen Hals und ich habe Angst, dass er aufplatzt und ich verblute. Das kann nicht passieren, sage ich mir, auch wenn es sich verdammt nochmal so anfühlt.
Dann passiert das, was mir so oft passiert. Ich gebe auf. Die Angst, das Papier und die Wände haben gewonnen. Ich öffene die Türe des Prüfungsraumes, packe meine Tasche und gebe das leere weiße Papier bei meinem Professor ab. Das Blatt winkt hämisch zum Abschied und ich schwöre ihm, dass wir uns wieder sehen. Es nickt nicht sehr überzeugt und auch die Wände öffnen ihre Risse, um mich auszulachen.
Ich kann nichts, denke ich, als ich im Bus sitze und nach Hause fahre. Ich beherrsche nur eines und das ist die Kunst des Versagens. Das ist nicht viel, aber wenigstens beherrsche ich überhaupt etwas. Ein verschneiter Baum nickt zustimmend und ich denke, du bist nur ein Baum, was zur Hölle weißt du schon vom Leben und strecke ihm die Zunge heraus.






Kommentare
....ooooh ja.....
13.06.2012, 19:45 von fluttermebyIch finde du hast das Gefühl der Angst vor dem Versagen sehr gut eingefangen. Ängste hat jede(r) von uns, der Text lässt sich auf einige davon übertragen. Diese gewisse Gefühl, ferngesteuert aufzugeben uns sich zu denken, warum soll es diesmal anders laufen als die Male davor? Das Ego... bösartiges Ding!
22.05.2012, 20:02 von BasiHasiHach ja. Kommt wohl in jedem Studentenleben einmal vor.
14.05.2012, 15:39 von TimeDropHab ich selbst schon erlebt. Das Gefühl des Scheiterns frisst einen dann erst mal fast auf, aber wenn man sich zusammen nimmt, kann man's auch wieder loswerden.
Und nur weil man eine Prüfung verhauen hat, ist man noch lange kein Versager.
Guter Text. Ich mag deine Wortwahl.
Besonders die Sache mit dem Baum hat mir gefallen.
"Ein verschneiter Baum nickt zustimmend und ich denke, du bist nur ein Baum, was zur Hölle weißt du schon vom Leben und strecke ihm die Zunge heraus."
"Ich beherrsche nur eines und das ist die Kunst des Versagens."
Ich liebe diesen Satz.
10.05.2012, 11:14 von Jackie_GreyIch beherrsche auch die Kunst des Versackens...
10.05.2012, 11:24 von sailorDu willst mich nur provozieren... :D
10.05.2012, 11:29 von Jackie_GreyNö... Wozu denn?
10.05.2012, 11:49 von sailorMitreissend, dramatisch aber nicht in Selbstmitleid ertrinkend geschrieben.Wirklich toll. Wie du die Szenen mit dem weissen Blatt Papier beschreibst und das Gefühl, zu sterben löst bei mir Gänsehaut aus. Ich kenn das leider nur zu gut (also nicht in Prüfungssituationen).
Und ich finde, die Kunst des Versagens muss man auch beherrschen. Seine Grenzen zu kennen und zu "Nein" zu sagen. Auch wenn es von aussen hirnrissig scheint.
10.05.2012, 08:49 von missweiss'Nein' sagen zu können ist keine Frage des Versagens, sondern der erste Schritt zum Erfolg.
10.05.2012, 09:23 von sailorFür meine Begriffe...
Ja eben, das meinte ich ja damit.
10.05.2012, 09:24 von missweissAso...
10.05.2012, 09:31 von sailorNa, denn...
Finde jetzt nicht, dass ich das so unverständlich formuliert habe oder? Und ich spreche aus eigenen Erfahrungen, und "Nein" zu sagen ist eben manchmal genau das Richtige. Eben WENN es von aussen hirnrissig aussieht, also von aussen als Versagen betrachtet werden würde.
10.05.2012, 11:24 von missweiss»Und ich finde, die Kunst des Versagens muss man auch beherrschen. Seine Grenzen zu kennen und zu "Nein" zu sagen«
10.05.2012, 14:35 von sailorDas hat für mich auf 's erste lesen schon einen inneren Zusammenhang. Aber jetz weiß ich ja, wie Du's meinst...
»"Nein" zu sagen ist eben manchmal genau das Richtige.«
Hab zumindest ich nicht eine Sekunde angezweifelt...
»also von aussen als Versagen betrachtet werden würde.«
Macht aber keiner... Meiner Erfahrung nach. Ich werde dann nur immer emotional unter Druck gesetzt, was mir SEHR auf den Keks geht...
Joa, manche schon doch. Aber nicht unbedingt die, die einem nahe stehen. Von daher: auf die Anderen kann man ja einen lassen und erfreut "Nein" sagen :)
Mhm, das mit dem Druck kenn ich. Also von mir selbst und anderen.
So - welch tolles Ping Pong das doch war ;-)
10.05.2012, 14:41 von missweiss
10.05.2012, 14:48 von sailor:)
Ich mag ja Oberflächen. Wasseroberfläche, toll! So krauslig manchmal oder wieder spiegelglatt. Oder Glas, knallhart, ein wenig glänzend. Eis, Kristall, Phasentrennflächen - wunderbar. Aber eins ist mir wichtig an ihnen: ich will durch sie hindurchsehen können, wissen was darunter liegt. Ohne dieses Wissen erscheint mir eine Oberfläche nutzlos, langweilig, bedeutungslos.
09.05.2012, 23:34 von quatzatWie dieser Text. In ein studentisches Zwinkern verpackt verwehrt er jeden Blick in die Welt der Ursachen und Zusammenhänge. Er gibt keinen Ausblick auf Lösungsansätze oder Fehleranalyse. Vielmehr handelt es sich um eine starre, neongerechte Oberfläche, fein gemeißelt, aber pechschwarz und undurchsichtig.
Am dichtesten der letzte Satz: was Leben mit der beschriebenen Symptomatik - falls ausgewachsen - zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. Und einem Leidenden sicher noch weniger.
Aber was willer nur, der quatze, nech? Vlleicht einfach mal Leute, die nich nur mit Fimo rumknautschen, sondern das am Ende so hochbrennen, dass man durchschauen kann.
Ganz meine Meinung.
10.05.2012, 17:37 von justanotherpicturegeh sterben.
13.05.2012, 18:31 von PONY.im vorfeld les ich die kommentare, zeugt von schwachem charakter oder..
09.05.2012, 23:01 von iammrscoldich les die auch immer vorher ;)
09.05.2012, 23:22 von Fell_ZungeDas nich gut. Damit versaut ihr euch die Texte.
09.05.2012, 23:55 von forstIch les eigentlich ausschließlich Kommentare. Die sind ehrlicher.
10.05.2012, 11:54 von quatzatLes' ich immer wieder gern.
09.05.2012, 21:34 von nyx_nyxAch, PONY.
09.05.2012, 21:02 von cosmokatzeIch hab Dich vermisst.