zuckeraufasphalt 01.05.2012, 17:53 Uhr 2 0

Die Kunst des Verdrängens.

Die Sonne schmeichelt meinem Fensterglas wenig. Durch die Bäume davor fallen einzelne Sonnenstrahlen darauf und zeigen mir kleinste Staubpartikel.

Es ist wie immer. Ein Tag vor Abgabe einer Hausarbeit: ich recherchiere noch ein paar letzte Gedanken im Internet nach und es erschließt sich mir ein völlig neuer Gedanke. Meine Augen kneife ich zusammen um das Bild auf meinem Bildschirm schärfer zu erkennen. Ich hole tief Luft und fasse mit der linken Hand an meine Stirn. Die rechte verkrampft auf meinem Touchpad, sich selbst nicht so sicher wohin mit sich. Ich merke, dass meine bisherige Recherche die richtige Richtung nur tangential erreicht hat. Ich bin kurz davor zu verzweifeln. Atme noch tiefer und lauter, ich starre aus dem Fenster.

Ich freue mich, dass draußen die Sonne scheint. Sie scheint mit einer sehr netten Art und Weise. Wieder muss ich meine Augen zusammenkneifen. Diesmal, weil der Blick aus meinem dunklen Zimmer zum Fenster heraus meine Augen zum Brennen bringt. Langsam verschärft sich mein Bild. Die Sonne schmeichelt meinem Fensterglas wenig. Durch die Bäume davor fallen einzelne Sonnenstrahlen darauf und zeigen mir kleinste Staubpartikel, die sich im Ganzen betrachtet zu einem Schleier verbinden. Entfernt sehe ich wie sich die hellgrünen Blätter der Birke bewegen und wie die Blumen in dem Kasten auf meinem Balkon stark violett leuchten. Ob sie wohl gut riechen? Mein Fenster ist geschlossen. Die Staub- und Schmutzpartikel auf den Glasscheiben lassen meinen Blick nach draußen nicht gänzlich scharf werden. Alles, was ich sehe sind leuchtende Farbwolken, die meine Erinnerung zu logischen Bildern zusammengefügt hat. Ich mache das, was ich immer mache, wenn mir meine ungeputzten Fenster auffallen: ich schaue wieder auf meinen Bildschirm.

Kurze Zeit später habe ich die nächste Phase erreicht. In einem sogar für meine geübten Finger unglaublichem Tempo, sehe ich nach, wann meine Dozentin Sprechstunde hat und reime mir währenddessen die schon 100. Entschuldigungsmail im Kopf zusammen. „Sehr geehrte Frau Dr. –“  Aber die Hausarbeit noch ein weiteres Mal aufschieben? Ich denke an die nächsten Wochen. Bekomme Angst und ziehe ohne es zu merken mit der Maus farblose Kästchen auf meinem Schreibtischhintergrund. Auch Facebook aktualisiere ich sekündlich, obwohl ich weiß, dass all meine Freunde am See oder im Park sind. Eigentlich habe ich doch schon viel geschafft… Seit Wikipedia mir endlich einmal etwas hilfreiches ausgespuckt hat, habe ich auch alles verstanden, denke ich. Wild gebe ich die verschiedensten Suchbegriffe in Google ein. Gleichzeitig male ich Mindmaps, ändere meine Gliederung und mache mir mit Pfeilen hübsche Notizen. Multitasking.

Nächste Phase. Ich starre wieder aus dem Fenster. Suche nach passender Musik. Zu rockig. Zu viel Gesang. Zu viel Melodie. Zu viel bei dem ich mitsingen möchte. Zu einschläfernd. Ah, gefunden: ein bisschen Beat, kein Gesang. Schön.

Noch eine Phase: die “Ja, doch, ich schaffe das wirklich!”-Phase. Selbstmotivation. Ich habe schon zwölf Seiten. Noch ein bisschen darin herumschreiben, die neu gefundenen Ideen fertig recherchieren, zusammenfassen, klug klingen lassen, ausschmücken. Knapp vierundzwanzig Stunden habe ich noch Zeit bis zur Abgabe.

Und dann hat mich die Muse geküsst. Nur nicht die, die für den Schreibfluss meiner Hausarbeit sorgt. Es ist die andere, die für meine zweite Leidenschaft neben der Musik sorgt: Prokrastination. Ich verabschiede mich von meiner erwünschten Note und öffne einen zehnten Tab in meinen Browser.


Tags: Verdrängung, Staub, Fenster, Prokrastination
2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ganz großer Artikel!
    Hat mir  unglaublichen Spaß gemacht, ihn zu lesen.
    Auch das ständige Warten auf den Inhalt, war nicht schlimm.
    Als nächstes lese ich die Gebrauchsanweisung der Waschmaschine, soll auch voll gut sein.

    01.05.2012, 19:30 von Surecamp
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  • 0

    Bei dem Titel hoffte ich nun irgendwie auf nen anderen Inhalt. Mhja.

    01.05.2012, 18:47 von nyx_nyx
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