Karlee 17.12.2012, 23:12 Uhr 3 5

Die Hürde

Am Ende deines Seins...

...lebst du mir die Endlichkeit vor. Ich sehe dich. Müde liegst du in deinem elektrisch verstellbaren Krankenbett. Hunderte Male wurde darin dein Körper gelagert und gebettet, in der Hoffnung, damit alle Ressourcen deines schwachen Leibes auszuschöpfen. Das ewige Hin und Her zwischen unmoralischen Entscheidungen, aus Angst gegen die Rechtslage zu verstoßen und den Schuldgefühlen deiner Liebsten, die neben dir weinten, hat dir das letzte bisschen Kraft geraubt. Der Kampf, den du mit dir und man um dich kämpfte ist nun vorbei. Du darfst gehen, du musst.

Deine Leber steigt aus, deine Haut ist ganz gelb. Deine Wangenknochen stehen weit hervor und zusammen mit deinem offen stehenden Mund, der nur noch tiefe kehlige Atemzüge hervorstößt, wird das Stadium deines Sterbens deutlich. Deine Lider schließen nicht mehr vollständig und bringen einen Spalt deines trüben, ins Leere gehenden Blickes zum Vorscheinen, der den Eindruck erweckt, als wäre nie Leben darin gewesen. Du gleichst nun allen, die auf der selben Stufe des Lebens standen, der Letzten. 

Ich berühre deinen Arm. Wie oft hast du dich an meinem festgehalten? Ich lausche deinem Atem. Dein Brustkorb hebt und senkt sich. Weißt du auch, dass er das nicht mehr lange macht? Bald kommt die Stille. Voller Stolz wird sie sich groß und schwer über diesen Raum legen, denn sie bewegt sich in ihrem Metier. Nichts passt besser hier hin, als sie. Nichts passt besser zumTod. Ich werde es wieder erleben, du nicht. 

Süßlich fauliger Geruch macht sich breit. Ich rieche den Zerfall deines Köpers, deine Nieren steigen aus. Mit all meinen Sinnen nehme ich dein Ende wahr. Du wirst bald sterben, merkst du das auch? Hast du Angst? Ich nehme deine Hand und sehe deine livide verfärbten Fingernägel. Kaum zu glauben, dass sie bald nicht mehr wachsen. Deine Hände sind kalt und ich stelle mir vor, was sie alles in deinem Leben berührt, wie viele Zärtlichkeiten sie vermittelt, wie viele Brote sie geschmiert oder Tränen gewischt habe mögen. Unvorstellbar, dass auch nur eins davon Vergangenheit dieser blutleeren Finger sein soll. Weißt du noch, wie schwer es war, bis hier her zu kommen? Natürlich. Keiner weiß es besser als du, doch auch mir ist es schwer gefallen, den Weg, den du gehen musstest zu beobachten und mitzuerleben. 

Ich stehe an deinem Bett und starre dich an. Einsamkeit überkommt mich. Die gebündelte Traurigkeit dieser Welt füllt mich aus, steigt in mir hoch und schnürt mir die Kehle zu. Dieser Moment ist so echt, wie wohl kaum ein anderer, doch so irreal zugleich. Ich kann ihn kaum fassen, ich bin mitten in ihm. Ich sehe mich von oben und ich sehe dich. Noch sind dein Geist und dein Körper eins. Bald werden sie sich trennen. Unglaublich. Fantastisch.

Die Abstände deiner Atemzüge werden größer. Das Morphium zeigt seine übliche Wirkung. Endlich darfst du aufhören deinen Körper zu spüren. Endlich. Es dauert nicht mehr lange. Ich schaue auf den Monitor und die grüne Linie des EKGs, die deine Herzaktionen aufzeichnet zieht mich in ihren Bann, als würde sie noch irgendetwas aussagen, dabei symbolisiert sie nur reine Formalitäten. Sie dokumentiert dein Sterben für die Akten.

Schnappatmung setzt ein. Ein halbe Minute vergeht, dann kommt doch noch ein Atemzug. Deine letzten Regungen, deine letzten Reflexe, dein letzter Funke Leben schwindet, genau jetzt. Ich halte die Luft an. Licht aus, Tod an. Das war´s und da kommt sie, die Stille und erdrückt mich.

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3 Antworten

Kommentare

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    "Das war`s" stört mich etwas. Nun bist du frei und füllst den Raum hätte ich geschieben

    18.12.2012, 12:31 von jetsam
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    Interessant geschrieben, gefällt. Wenn du es nicht in Du-Form geschrieben hättest, wäre die Wirkung des Textes für mich noch besser gewesen.

    18.12.2012, 10:19 von Juliie
    • 0

      wäre mir glaube ich schwer gefallen.

      18.12.2012, 12:32 von Karlee
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