Die Entdeckung der Langsamkeit
Und wann hatte sich das Leben eigentlich so beschleunigt?
Der Zug hält an einem Bahnsteig, der eigentlich keiner ist, weil sich neben den Gleisen nur ein bisschen Gras und Schotter befinden, nicht einmal ein Wartehäuschen gibt es. Mitten in der österreichischen Provinz wohnt meine Freundin G, die ich endlich in ihrer neuen Behausung besuche: auf dem Bauernhof. Sie holt mich ab mit einem kleinen klapprigen Auto, wir gurken durch den Ort und dann ist da einfach nichts mehr. Hinter dem Hof verschwindet die Landschaft im Nebel, der nächste Nachbar ist sieben Kilometer entfernt. Ich komme auch vom Land, aus einem 800-Seelen-Dorf, aber sogar ich fühle mich hier wie am Ende von allem. Es ist ruhig und ein paar Hühner gackern uns entgegen. Im blumenbewachsenen Innenhof steht ein Holzschild mit ihrem Namen. „Hast du das gemacht?“, frage ich entblüfft. „Ja“, sagt sie, „das habe ich eingebrannt. Mit der Lupe.“ „Wie bitte?“ „Dazu setzt man sich in die Sonne, hält die Lupe auf das Holz und kreiert so den Schriftzug“, erklärt sie. „Aber das dauert doch ewig“, sage ich. „Ja und?“, sie zuckt mit den Schultern. Ich staune.
Und so geht es mir den ganzen Tag. In der gemütlichen Bauernhofküche versammeln sich Gläser mit selbst gekochter Marmelade, in großen Gefäßen gärt Most, an der Decke hängen trocknende Kräuter. Sie hat keinen Fernseher, abends sitzt sie beim Kachelofen und liest, in die Arbeit fährt sie mit dem Zug, kein Verkehrslärm weit und breit. Den Zeitplan für ihr Leben zu Hause bestimmen die Tiere und die Natur, der Salat in ihrem Garten wächst, und wenn er fertig ist, wird er geerntet. Ich mag es hier auf dem Bauernhof. Und ich spüre, wie sich in mir etwas bewegt. Wie ich mich erinnere. Daran, wie es war, bevor das Leben auf Tempo 180 geschaltet hat.
Auf dem Heimweg kann ich nicht umhin, mich zu fragen, warum mich dieser Besuch so verstört hat. Ich erkenne es plötzlich wie einen Kratzer in der Brille auf der Nase: Ich lebe nicht. Ich rase. Ich haste durch jeden Tag, hake To-do-Listen ab, arbeite zu viel und fülle meine Freizeit aus, bis sie beinahe platzt. Ich setze mich nicht hin und brenne mit der Lupe meinen Namen in Holz. Früher, ja, als Kind, da hätte ich so etwas gemacht. Aber jetzt? Jetzt habe ich keine Zeit.
Es geht nicht um das Holzschild, um den Bauernhof oder um die selbst gemachte Marmelade. Es geht vielmehr um die Bedächtigkeit, für die all diese Dinge stehen. Ich möchte nicht mit G tauschen, aber ich möchte wieder mehr Ruhe in mir tragen. Ich bin zu einem jener Menschen geworden, die von morgens bis abends beschäftigt sind. Ich weiß nicht mehr, wie das geht, nichts zu tun. Und während ich im Zug nach Hause sitze und in den Nebel auf den perlenden Wiesen starre, macht mich das unheimlich traurig.
Nach dem Studium habe ich mich durch zwei Jahre schlecht bezahlter Praktika und Volontariate gekämpft, habe mir die nötigen Zeugnisse verdient, habe mich ausbilden und ausbeuten lassen und gleich danach selbstständig gemacht, mit 24. Das klappt gut, ausgezeichnet sogar, die Aufträge trudeln in einer solchen Überzahl ein, dass die Tage, die mein Leben lang ausgereicht haben, immer kürzer zu werden scheinen. Aus Unsicherheit suchte ich mir für die erste Zeit als Freiberuflerin einen Nebenjob bei einer Zeitung zum Korrekturlesen, und jetzt arbeite ich mindestens 12 Stunden am Tag: von 8 bis 15 Uhr im Eigenheimbüro, danach bis 20 Uhr im Korrektorenkammerl. Die wenigen Pausen, die ich mache, sind angefüllt mit Einkaufen, Kochen, Essen, Wäschewaschen, Autofahren und Staubsaugen. Und weil ich den Gedanken nicht ertragen kann, keine Zeit mehr für ein soziales Leben zu haben, treffe ich mich fast jeden Abend mit jemandem, gehe nach der Arbeit noch essen, hetze um 20.10 ins Kino oder besuche ein Konzert. Am Wochenende will meine Mutter mit mir shoppen gehen, ich muss ins Möbelhaus, meine Großeltern laden zum Kaffee und Kuchen, und dann ist schon wieder Montag. Nur nicht antriebslos auf die Couch fallen und jammern, denn dann müsste ich es ja zugeben – dass es mir zu viel ist.
„Du hast so viel Stress“, sagt meine Mutter. „Nein“, antworte ich, „ich habe nur viel zu tun. Stress macht man sich selbst. Ich habe ein gutes Zeitmanagement.“ Das stimmt, aber dieses Zeitmanagement sieht so aus, dass meine Tage bis auf die Minute verplant sind. Ich muss Projekte ablehnen, die ich gern annehmen würde, eine Agentur bucht mich bereits nicht mehr, weil ich „ja eh nie zur Verfügung stehe“. Mein Reisepass ist seit einem halben Jahr abgelaufen, mein Massage-Gutschein längst verfallen, und eigentlich müsste ich seit drei Wochen zum Friseur. Früher habe ich Menschen belächelt, die irre viel verdienten, aber nicht einmal Zeit hatten, das Geld auszugeben. So wollte ich nie werden. Jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich Onlineshops nach Bestellbarem durchsuche.
Ich kann nicht mehr langsam leben. Ich bin in ein Karussell eingestiegen und alles dreht sich immer schneller, mir ist ein wenig schwindlig, aber ich lächle und spiele mit. Da die Zeit nicht genügt, fange ich an, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Ich führe Telefonate beim Kochen oder Autofahren, lese beim Fernsehen, denke beim Einkaufen über Headlines nach, schreibe Gutachten auf dem Ergometer-Rad. Mein Gehirn stellt mir großzügig viele Kapazitäten zur Verfügung, weigert sich aber aus Rache, wieder abzuschalten. „Nichtstun“ bedeutet heute, fernzusehen, sinnlos im Netz zu surfen oder mit dem Handy zu spielen, irgendwas flimmert immer. Ich stehe permanent unter Strom. Zu entspannen, ist unmöglich geworden.
Und mit wem soll ich darüber reden? Was für ein Leid soll ich klagen? Sie kennen es alle, dieses Lied: Stress und Hektik, zu viel Arbeit, zu wenig Freizeit, Sport und Vergnügen wollen noch untergebracht werden, und eigentlich sollten wir doch froh sein, einen Job zu haben. So machen wir weiter bis zur Pension, die wir, bei unserem Glück, erst mit 75 Jahren antreten dürfen, um gleich danach aufs Sterbebett zu fallen. Dass das nicht gesund ist, weiß jeder, aber niemand unternimmt etwas. Burn-out ist schon fast schick geworden, wer nicht gestresst ist, ist offensichtlich ein unwichtiger Mensch. Einmal im Jahr gönnen wir uns Urlaub, atmen auf, stopfen die Urlaubstage voll mit Wandern und Museumsbesuchen, Ausflügen und Wellness, wo wir doch schon mal Zeit haben. Entschleunigung heißt das Zauberwort, mit dem Hotels uns umwerben, und ich finde es zynisch, dass ein solches Ungleichgewicht in unserem Alltag herrscht, dass wir uns die Entspannung kaufen müssen.
Es war nur ein Besuch auf dem Bauernhof, und doch hat er mir gezeigt, dass ich auf die Bremse treten muss. Es ist meine Lebensqualität, die auf dem Spiel steht. Drei Tage später geht der Monat zu Ende und ich kündige meinen Nebenjob. Viele finden das riskant, aber ich fühle mich befreit. Ich wähle nun gezielter aus, was ich machen will, arbeite mindestens ein Drittel weniger und verdiene dafür doppelt so viel. Kurze Zeit nach dem Ausflug aufs Land, es ist ein Freitagnachmittag, sitze ich auf dem Balkon, blinzle in die Sonne und mache zum ersten Mal seit Jahren nichts. Ich brenne nicht einmal was ein. Und es geht mir verdammt gut dabei.





Kommentare
Mein Gehirn stellt mir großzügig viele Kapazitäten zur Verfügung, weigert sich aber aus Rache, wieder abzuschalten. gefällt mir!!
13.11.2010, 11:53 von topfbluemchenUnd auch der Satzaber ich möchte wieder mehr Ruhe in mir tragen sagt aus, was ich fühle.
Bei mir ist es aber eher die innere Ruhe, das in-sich-ruhen, was mir fehlt,und was ich wieder erlangen will.
Der Artikel lässt sich gut lesen und die Kernaussage mag ich.
Cool!!! Ich musste jetzt so oft grinsen, weil du genau das beschreibst, was ich auch feststelle und hinterfrage. Das Geld ist da, die Onlineshops sind die Notlösung, weil nie Zeit zum "Bummeln" bleibt....nur hab ich tagsüber meinen festen Job und bin abends freiberuflich aktiv! Ansonsten 1:1 das Gleiche und wunderbar beschrieben - mit der guten Portion an Selbstironie! :)
08.10.2010, 23:14 von XeNia79Deine Erkenntnis und dein Entschluss sind klasse!!! :)
Empfehlung für diesen erfrischenden Artikel!!
Gefällt mir sehr gut, wenn es bloß nicht so verdammt wahr wäre...
14.09.2010, 11:38 von saltedDaumen hoch und eine Empfehlung!
Schön :)
13.09.2010, 10:47 von Stefania2703Aber was mich stört "... in die Arbeit..." heißt es wirklich so?
Entschleunigung ist gut. Dennoch heisst Landleben nicht zwangsweise Entschleunigung. Deine Freundin lebt zwar auf dem Land, scheint aber doch ein ganz "normales" Büroleben zu führen. Wenn sie nun wirklich nur auf dem Bauernhof leben und arbeiten würde, dann gingen dafür mehr als 12 Stunden am Tag drauf. Tiere kann man auch nicht vertagen, die wollen immer fressen. Egal wo man ist., man kann entschleunigen. Aber Tempo 180 gibt's auf dem Land auch und dafür noch nicht mal viel Geld.
13.09.2010, 09:39 von Smalanda@Smalanda nicht jeder hat´n schweinemastbetrieb, arbeitet in der milchwirtschaft oder freut sich über 100m³ hühner in biologisch-ethischer sogloshaltung
13.09.2010, 09:48 von derHerrMitDemPixel@derHerrMitDemPixel Auch ein Acker muss bewirtschaftet werden. Manchmal morgens um vier und wenn das Wetter plötzlich schlecht ist, dann gute Nacht für die Ernte. Das ist noch wahre Knüppelarbeit. Allgemein: Unser permanenter STRESS ist doch immer nur hausgemacht. Früher wurde viel mehr und härter gearbeitet und Burn-out gab's nicht. Es liegt am konstanten Overkill von Infos, überall in jeder Situation. Wir kommen nur nicht zur Ruhe weil wir sie uns nicht gestatten, nicht weil wir sie nicht hätten. Wer Zeit für neon.de hat, kann auch nicht so am Anschlag sein.
14.09.2010, 09:38 von SmalandaSehr schöner Beitrag! Und durchaus nachvollziehbar!
12.09.2010, 13:57 von dark_gwenselten einen text gelesen, der so unglaublich konsistent oberflächlich bleibt:
11.09.2010, 13:42 von libido...MUSS ins möbelhaus am wochenende, MUSS kochen, MUSS staubsaugen, MUSS mit mamilein shoppen, MUSS autofahren, MUSS telefonieren...
kein wort, warum sie das MUSS. kein wort, warum sie das WILL. kein wort darüber, dass "entschleunigung" nicht über eine technische lösung (weniger nebenjob, angebote ausschlagen), sondern über eine psychologische lösung (MUSS und WILL hinterfragen, umpriorisieren, etc.) passiert.
und dann diese semantisch unsaubere verbindung mit "uns" allen, die "ihre Urlaubstage voll mit Wandern und Museumsbesuchen, Ausflügen und Wellness" stopfen, gegen stress "nichts unternehmen"...
...und denen fortuna abhold (!) ist:
"So machen wir weiter bis zur Pension, die wir, BEI UNSEREM GLÜCK, erst mit 75 Jahren antreten dürfen, um gleich danach aufs Sterbebett zu fallen."
was für eine ausgebuffte sarkastin! erst dieser ganze möbelkaufstress - und dann DAS noch!
..irgendwie gönne ich der protagonistin einen rückfall.
(..und, liebe autorin, meinst du nicht, dass du herrn nadolny unrecht tust, indem du ihn nicht einmal erwähnst?)
@libido tja, da hat dit libido leider so in einigem recht..
12.09.2010, 17:14 von RedSonjaIch empfehle allen, denen es so oder so ähnlich geht, das Buch: "Anleitung zum Müßiggang". Da wurde ich in so mancher Theorie bestätigt. Lieblingszitat:
11.09.2010, 00:18 von Lenulitschka"Das Aufschieben des Vergnügens zuliebe einer imaginären stabilen Zukunft ist ein bourgeoises Märchen."
Diesen Artikel werde ich mal meiner Mitbewohnerin zeigen.
10.09.2010, 20:48 von Daner