TextTrulla 11.10.2012, 12:52 Uhr 40 84

Die Dinge nicht beim Namen nennen.

Ein Text über Versprechen, Erwartungen und Staubsaugerbeutel.

Als meine kleine Schwester noch sehr klein war, als sich auf ihrem Kopf noch niedliche blonde Löckchen kräuselten anstatt der stundenlang vor der Schule glatt geföhnten, knallrot gefärbten Mähne, als ich noch zuhause wohnte und mir über Steuererklärungen, Miete und Stromnachzahlungen keine Gedanken machen musste, als es im Sommer noch heiß und im Winter kalt war, früher, als alles besser war, da badeten wir oft zusammen, meine kleine Schwester und ich. Dabei spielten wir ein Spiel, das wir „Tieren einen Namen geben“ nannten. Die Regeln sind schnell erklärt: Man sucht sich ein Tier aus und gibt ihm einen Namen. Egal welches Tier, egal welcher Name. Immer abwechselnd: „Ich kenne einen Igel, der heißt Klaus.“ „Ich kenne ein Gnu, das heißt Natascha.“ „Ich kenne eine Giraffe, die heißt Susanne-Charlotte.“ Wer ein außergewöhnliches Tier weiß und ihm einen außergewöhnlichen Namen gibt, der darf sich freuen, mehr Punkte bekommt er dafür aber nicht. Es gibt gar keine Punkte. Jeder gewinnt. Wir spielten dieses Spiel, bis aller Schaum sich aufgelöst hatte, bis das Wasser kalt und unsere Finger schrumpelig waren. Wir wurden nicht müde, Tieren einen Namen zu geben.

Heute bin ich Werbetexterin. Es gehört unter Anderem zu meinem Job, Produkten einen Namen zu geben. Hierfür sind die Regeln schon etwas komplizierter. Da gibt es zum Beispiel einen neuen Staubsaugerbeutel, der antibakteriell wirkt und einen Namen braucht, der genau das kommuniziert. Also kann ich ihn nicht einfach Klaus nennen oder Natascha oder Susanne-Charlotte. Ich muss mir einen Namen überlegen, der sagt, was dieser Beutel leistet. Ich muss die Menschen davon überzeugen, dass dieser Beutel der einzig richtige für ihren Sauger und ein hygienisches Zuhause ist. Ich kenne einen Staubsaugerbeutel, der heißt Staubsauberbeutel.* Das ist sicher nicht der Name, den ich gewählt hätte, würde ich mit meiner Schwester in der Badewanne sitzen. Aber für ihn gibt es viele Punkte. Und die Staubsaugerbeutelfirma gewinnt.

Hätte ich den Beutel Klaus genannt, es hätte nichts an seinem Wesen geändert. Er wäre immer noch genauso effektiv oder ineffektiv, genauso nützlich oder unnütz, genauso teuer oder günstig geblieben, wie er es immer war, wie er es auch ist, seit auf seiner Verpackung Staubsauberbeutel steht. Wie der Beutel heißt, ändert nichts daran, was er ist und was er kann. Der einzige Unterschied besteht in seiner Außenwirkung. Klaus würde vermutlich weniger Käufer finden, als Staubsauberbeutel. Denn der Name ist in diesem Fall ein Versprechen: Staubsauberbeutel verspricht den Käufern ein hygienischeres Staubsaugen.


Seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin und Produkten einen Namen gebe, habe ich keine Badewanne mehr und aufgehört „Tieren einen Namen geben“ zu spielen. Ich dusche und das überwiegend allein. Überwiegend, denn manchmal gesellt sich in letzter Zeit ein freundlicher Herr dazu. Zum Beispiel, nachdem wir Sex hatten. Ich habe gern Sex mit diesem Herrn. Ich küsse ihn auch gern, rede gern mit ihm, schaue mir gern Filme und Serien mit ihm an, schaue ihn gerne an, löse gern Kreuzworträtsel mit ihm (bzw. halte die Zeitung, während er vier Fünftel der Lösungen beiträgt), lese gern, wenn er noch schläft, esse gern mit ihm und tue noch so manch andere schöne Dinge gern mit ihm. Ich hab ihn einfach sehr gern um mich. Und letztens, als  dieser Herr und ich wieder einmal zusammen duschten, da überkam es mich ganz plötzlich: Ich wollte unserer angenehmen Zweisamkeit einen Namen geben. Alte Gewohnheit vermutlich.


Also suchte ich im Dunst der heißen Dusche nach passenden Betitelungen für solcherlei zwischenmenschliche Verbindungen. Techtelmechtel? Liebelei? Liebschaft? Affäre? Liaison? Romanze? Beziehung? Ich zögerte. Es fiel mir schwer mich für einen dieser Namen zu entscheiden, denn: Klaus war wieder nicht dabei. Ebenso wenig wie Natascha oder Susanne-Charlotte. Genau wie bei Produkten scheinen für das Verhältnis zwischen zwei Menschen nur Namen in Frage zu kommen, die zum Ausdruck bringen, was diese Verbindung leistet, was sie kann und was sie nicht kann. Zur Wahl stehen nur Versprechen.


Das große Problem mit Versprechen ist doch aber, dass sie mit der Erwartung verbunden sind, nicht gebrochen zu werden. Wer einen Staubsauberbeutel kauft und hinterher feststellen muss, dass dieser nicht der Erwartung eines hygienischeren Staubsaugens entspricht, der ist enttäuscht und kauft das Produkt vermutlich nicht noch einmal. Um das zu verhindern, führt die Staubsaugerbeutelfirma regelmäßig Tests durch, welche die antibakterielle Wirkung des Beutels bestätigen. Sie wird garantiert. Was aber kann ich garantieren?


„Expectation is the root of all heartache.“ Ob Shakespeare das tatsächlich so gesagt hat, ist die eine Frage. Die andere, die mich persönlich viel mehr interessiert, ist: Geht es vielleicht auch ohne Erwartungen?


Wenn man sich zum Beispiel einmal eine Welt vorstellt, in der es keine Käufer gibt, die es von einem Produkt zu überzeugen gilt, eine Welt, in der nur der Staub, der Sauger und der Beutel existieren und alle wissen, was Letzterer kann und was er nicht kann, was sie zusammen können, bräuchte der Beutel denn dann überhaupt noch einen Namen, der etwas verspricht? Könnten nicht einfach badende Kinder ihn nennen, wie sie wollen, nur so zum Spaß, ohne dass es Punkte dafür gibt?


„Lass uns einfach nur Staub, Sauger und Beutel sein!“ blubberte ich dem freundlichen Herrn auf einmal aufgeregt entgegen, immer noch unter der Dusche, die Hände schon schrumpelig, die Sicht vernebelt. Der freundliche Herr sagte nichts. Er drehte das Wasser ab, nahm meine Hand, zog mich aus der Dusche, tropfend nass ins Schlafzimmer.


Vielleicht hatte er mich nicht gehört. Vielleicht hatte er mich nicht verstanden. Mir war es egal, denn: Ich habe gern Sex mit diesem Herrn. Ich küsse ihn auch gern, rede gern mit ihm, schaue mir gern Filme und Serien mit ihm an, schaue ihn gerne an, löse gern Kreuzworträtsel mit ihm (bzw. halte die Zeitung und trage das entscheidende Fünftel der Lösungen bei), lese gern, wenn er noch schläft, esse gern mit ihm und tue noch so manch andere schöne Dinge gern mit ihm. Ich hab ihn einfach sehr gern um mich. Und solange das so bleibt und solange wir beide das wissen, solange brauchen wir dafür auch keinen Namen. Nicht Affäre, Romanze oder Beziehung. Und auch nicht Klaus, Natascha oder Susanne-Charlotte. Denn so unkompliziert „Tieren einen Namen geben“ und die Zeit, in der ich es spielte auch war, etwas ist doch noch unkomplizierter: Gar keine Namen geben. Meine Katze heißt übrigens Katzi. 


*Kenne ich nicht. Das ist nur ein fiktives Beispiel, stellvertretend für ähnlich beknackte Produktnamen, die ich vergeben habe.  

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40 Antworten

Kommentare

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    Toller Text. Wäre er ein Staubsaugerbeutel, würde ich ihn Klaus nennen.

    05.07.2014, 17:28 von Frau_Irma
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    sehr sogar!

    02.05.2013, 13:11 von CurlyKatha
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      Naja, zumindest bei Rennpferden liegt das daran, dass der Name einmalig sein muss. Und eine Nummer (also Karl123) bringt angeblich Unglück. Drum gibt es da so viele schräge Namen...

      20.10.2012, 15:09 von Marvbaer
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      Oh ja, Pferde haben sehr verrückte Namen, zumindest die, die tatsächlich in den Papieren eingetragen sind... Ist immer weider amüsant sich die Starterlisten bei Reitturnieren anzuschauen. Aber das hat auch etwas damit zu tuen, dass der Name eins Hengsfohlens den gleichen Anfangsbuchstaben haben muss, wie der Vater und genauso bei Stutenfohlen...

      24.10.2012, 17:49 von LeraFairytale
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  • 1

    Wir hatten uns da auf "Gefährten" verständigt. :) Auch wenn man nur ein Stück des Weges zusammen geht, sozusagen.

    Das war aber keine verzweifetle Namenssuche, sondern ein "was halten wir denn nun eigentlich voneinender"-Abtasten, spielerisch.

    Ich finde, wenn man etwas beim Namen nennt, lässt man es in sein Leben. Ein Name nimmt Anonymität.

    Ein Zwang ist das aber nicht. Das muss jeder selbst wissen. Oder fühlen, wenns Zeit ist, einen Namen zu nennen.

    Was mir jedoch imponiert hat, war der Teil mit den "punkten", wer gewinnt, und welche Erwartungen geknüpft werden. Das sensibilisiert bei der weiteren Namensvergabe. Danke!

    P.S.: Nenn Ihn doch einfach Klaus!

    18.10.2012, 22:22 von mellilou
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      Da wird der nette Herr vielleicht nicht mehr ganz so nett sein, wenn sie ihn plötzlich Klaus nennt ;D

      19.10.2012, 19:54 von Matsu.la.petite.combattante
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      hahaha, möglich ist's :D

      21.10.2012, 21:50 von mellilou
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    " Da gibt es zum Beispiel einen neuen Staubsaugerbeutel, der
    antibakteriell wirkt und einen Namen braucht, der genau das
    kommuniziert. Also kann ich ihn nicht einfach Klaus nennen [...] "

    :D

    17.10.2012, 21:41 von schnutopard
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  • 1

    "Jedes Kind braucht einen Namen" - gab es da nicht mal so ein Zitat von irgendwem...na ja, auch wenn es blöd klingt, aber irgendwie ist da etwas dran fürchte ich. Definieren wir uns nicht über unsere Namen? Und verlangt nicht auch jede Art von menschlicher Interaktion irgendwann nach einer Definition? Natürlich ist es unkomplizierter, wenn man nicht allem direkt einen Namen geben muss. Aber kann man das auf Dauer so durchziehen? Oder macht einen das nicht irgendwann krank und das Herz verlangt doch nach einem Namen?!

    16.10.2012, 12:41 von leila1986
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    Ich weiss zu gut, wovon Du redet...Jeden Tag aufs Neue.. :D

    Schöner Text, angenehm zu lesen! i like :)

     

    Ach, und mein Kuscheltier-Hund hiesß früher Belli-Hundi.... :-))))

    15.10.2012, 16:28 von strenchen
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    Die beste Beschreibung dessen, was ich an derart Staub- Sauger- Beutel- Erwartungen nicht leiden kann!

    Besonders, wenn der Gedanke an den "Saugstauber", und an die schmutzige Wohnung doch eigentlich nur vom Duschen, Kreutzworträtseln und vom Sex abhält :)

    15.10.2012, 15:08 von C.Terrestrian
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    Ich hatte mal ein Kuscheltier das ebenfalls eine Katze war, die hieß bei mir auch nur Katzi :-) 

    14.10.2012, 14:19 von LilaLilly
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      katzi, miezi, maunzi

      unsere (zugelaufene) hieß miezl. ,)

      13.10.2012, 23:21 von Gluecksaktivistin
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      Ach, meine Oma nennt seit ich denken kann alle ihre Wellensittiche Bubi. Auch wenn sie mehrere hat. Dann hat sie halt zwei Bubis.

      14.10.2012, 12:41 von Marvbaer
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      Marvbaer, made my whole evening! :D

      17.10.2012, 21:46 von schnutopard
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    diesmal u.a. mit gefakten Urlaubsbildern, Ärzten, die zaubern können und Männer, die auf Babybäuche starren.

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