diebarbara 30.11.-0001, 00:00 Uhr 49 9

Deutschland sucht den Supermitbewohner

Wie weit muss man eigentlich gehen, um bei einem WG-Casting zum Recall eingeladen zu werden?

Wenn man sich um einen Job bewirbt, weiß man wenigstens, was man anziehen soll. Rock und Bluse, Hosenanzug und Pullunder oder so was in der Art. Hauptsache seriös. Aber wie seriös muss man wirken, wenn man zu einem WG-Casting eingeladen ist? Klar, man will sich nicht übermäßig verstellen. Die zukünftigen Mitbewohner werden einen sowieso bald mit Jogginghose und ungewaschenen Haaren sehen. Aber trotzdem zählt der erste Eindruck. Die Frage ist, wie der aussehen soll. Total locker mit dem Bier in der Hand, nach dem Motto: Ich bin für jeden Scheiß zu haben? Oder sollte man eher so aussehen, als könnte man seine Miete pünktlich bezahlen?

Ich habe mich also für ein neutrales und eher nichtssagendes Outfit entschieden und setze schon auf dem Weg zum Casting mein strahlendstes Lächeln auf. Murmele Worte wie „Och, ist das schön! Super!“ vor mich hin und hoffe, dass sie nachher überzeugend klingen. In der Wohnung angekommen beginnt die obligatorische Führung. Die Dusche ist nicht in der Küche, das Zimmer tatsächlich so groß wie in der Anzeige beschrieben und der unangenehme Geruch aus dem Treppenhaus dringt nicht in die Wohnung - soweit ist eigentlich alles in Ordnung. Bis dann das eigentliche Vorstellungsgespräch beginnt.

Verkrampft sitze ich auf der WG-Couch, gegenüber die vier potentiellen Mitbewohner. Ich schwitze, weil ich die Jacke noch anhabe. Von ausziehen hat ja keiner was gesagt. Und wer weiß, wie lange dieses Casting dauert. Die Prüfung beginnt harmlos mit Fragen nach Beruf und momentanem Wohnort. „Wie ordentlich bist du denn?“ Vorsicht, Fangfrage! Wie ordentlich bin ich? Auf einer Skala von eins bis zehn oder was? Verzweifelt blicke ich mich um, suche nach Hinweisen auf das Ordnungsverhalten der Bewohner und stottere dann los. „Ich bin schon ordentlich. Aber auch nicht zu sehr. Es bleibt auch mal was liegen. Natürlich nur in meinem Zimmer…“ Mitbewohner zwei, dessen Frisur und hochgestellter Polohemd-Kragen an einen BWL-Studenten im Grundstudium erinnern, tauscht mit Mitbewohner drei vielsagende Blicke und ich weiß, dass ich mich eben um Kopf und Kragen geredet habe. „Was für Musik hörst du so und gehst du oft feiern?“ Verdammt, kann ich jetzt antworten: am liebsten Drum’n’Bass, außerdem glühe ich wahrscheinlich härter vor als du Party machst? Besser nicht. „Hm… so dies und das. Unterschiedlich. Ab und zu mal.“

Dummes Geschwätz. Wem mache ich hier eigentlich was vor? „Wie lange brauchst du denn so im Bad?“ – „Och, nicht lange, nur zehn Minuten!“ – „Aber du duschst schon jeden Tag, oder?“ Was ist das denn für eine Frage? Will mich Mitbewohnerin vier, deren bis über die Schulter baumelnden Ohrringe mich irgendwie hypnotisieren, als Ferkel entlarven oder auf einem enorm hohen Wasserverbrauch anspielen? Welche Fragen muss ich eigentlich über mich ergehen lassen? Religion? Sexuelle Orientierung? Aktives Liebesleben? Gleich muss ich wahrscheinlich einen verkrusteten Topf schrubben. Mitbewohner zwei wird dann die Zeit stoppen. Mitbewohner eins hakt meine Antworten auf einer Liste ab. Nach zehn Minuten steht der nächste Bewerber im Flur. Danke, wir melden uns dann.

Als ich draußen bin, überlege ich, wie ich wohl gewirkt haben mag. Jetzt fallen mir etwa tausend Antworten ein, die ich auf die bescheuerten Fragen hätte geben können. Aber will ich wirklich mit solchen Menschen zusammen leben? Ja gerne, und zwar nur, um Rache für die eben erfahrene Erniedrigung zu üben und eure Ich-studiere-BWL-um-anderen-Menschen-zu-helfen-Fassade zu zerstören.

Irgendwie sind diese Castings ja auch ganz aufschlussreich. Man lernt seltsame Leute, unbekannte Stadtteile und eigene Abgründe kennen, während man ganz schamlos Lügen erzählt. Bis ich eine WG gefunden habe, die Bewerber nicht in zehn Minuten mit einem Fragebogen abfertigt und sich Zeit nimmt, bei einem Kaffee oder einem Bierchen ein Gespräch zu führen, ziehe ich weiter Nummern, schaue mir fremde Badezimmer an, mache mich zum Affen und warte auf die Einladung zum Recall. Und wenn die kommt, werde ich der neue Supermitbewohner.

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49 Antworten

Kommentare

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    Hehe, da hatte ich ja Glück. Zuerst Wohnheim, und dann beim zweiten Mal mußte ich mich nur mit dem Vermieter einigen, da die Mitbewohner in den Weihnachtsferien waren.

    Heute Abend darf aber das erste Mal ich casten, 5 Leute kommen gleichzeitig und wollen 2 freie Zimmer haben. Erst wollten wir uns auch lustige Fragebögen überlegen, sie um die Wette ein Schnitzel braten oder im Tauziehen gegeneinander antreten lassen.

    Aber vermutlich werden wir sie doch nur mit Rotwein und Pfefferminzlikör abfüllen und das dumme "Wer bin ich" Partyspiel spielen, um dann aus dem Bauch zu entscheiden.

    04.11.2008, 08:42 von Marvbaer
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    "Lach" da lob ich mir doch meine unkomplizierte Ex-Mitbewohnerin, die mich im Café angequatscht hat ob ich auf der Suche nach n'er Wohnung bin ^^

    18.07.2008, 16:02 von LeyluraLegbreaker
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    Vor zwei Monaten sprachst du mir aus der Seele und dann kam ich hier hin, und mit einem Mal waren Sachen wie Kühlschrankordnung und Co. kein Thema mehr. Es war ein Gespräch, ein sehr gutes und hat zack zack einfach Mal 3 Stunden gedauert, ich musste nur 10 Minuten nachdem ich draußen war auf die Zusage warten.
    Und ehrlich mal, ich hab nie was besseres gemacht als hier einzuziehen.
    Wer was gegen WG's hat hat nur noch nicht die Richtigen getroffen.
    "Meine" war die 11. Besichtigung, es kann sich also lohnen :)

    Und der Text hat Recht, man lernt ne ganze Menge, bei meiner ersten Besichtigung :D :D Ich hab noch nie soviel gelogen, also echt, das ging nicht klar!
    "Jaja, ich spiel Schlagzeug..." äh? ich musikalisch?
    "Ich höre Elektro.." Ich HASSE Elektro!

    Viel Erfolg allen die suchen :)
    Es kann ein gutes Ende nehmen!

    17.06.2008, 00:23 von sorc
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    wer jemals in Studentenstädten wie Münster eine WOhnung gesucht hat, weiß dass man ALLES tut, um einen Schlafplatz zu bkommen, selbst, wenn einem auf Anhieb die potentiellen Mitbewohner unsympathisch sind. Kling erbärmlich, ist es auch, aber das ist auch die Realität. Bei Bewerberlisten, die auf die !80! Leute zugehen, versucht man sich mit allen Mitteln ins gEdächtnis der Caster zu bringen. Wieder: Klingt erbärmlich, aber zum unter der BRücke schlafen hat man gemeinhin auch selten Lust.
    Bei derartigen Massen kommt es zu den komischsten Auswahlverfahren. Da wird man gefragt: "Tomate oder Gurke?" "Katze oder Hund?" Natürlich sind das psychologisch hoch aufschlussreiche Frage - und Antworten. Mit jemandem zusammenwohnen der Katzen UND Gurken lieber mag? NIE!
    Oder Gäste die eingeladen werden, damit sie Vegetarier durch Fleisch-Kochbücher schocken sollen oder gläubige Christen mit satanistischen Versen auf die Probe stellen. Das macht genauso wenig Sinn, wie sich beim Casting zu verstellen, ist aber nun mal Realität.

    20.08.2007, 22:48 von Violett
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    Hallo,

    bei einem WG-Vorsingen solltest Du Dich besser schon so geben, wie Du bist. Du kannst Dich später in der WG ja auch nicht 24 Stunden am Tag verstellen, nur weil Du beim Vorsingen nicht die Wahrheit gesagt hast.

    Gruß

    15.08.2007, 09:10 von Schnoerkling
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    Oh Mann, das kenne ich. Man kommt sich total beschissen vor, wenn man sich vor wildfremden Leuten "beweisen" muß, ob man auch gut genug als neuer Mitbewohner ist. Ich bin echt froh, dass ich jetzt mit meinem Freund zusammenlebe und so ne show nicht mehr nötig habe.

    23.04.2007, 15:21 von escargot
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    netter Text...erinnert mich irgendwie an meine bisherige WG-Zeit :)
    ich habe bisher in 3 WG's gewohnt und alle 3 haben ganz gut gepasst auf ihre Weise aber das kann auch daran liegen das es Männer-WG's waren *g*

    zu den "Vorstellungsgesprächen"..verstellen bringt da echt nix... vorallen wirkt es in der Regel ziemlich aufgesetzt wenn man sich bei sowas verstellt --> sei lieber du selbst, sonst lohnt die schönste Wohnung nicht ;)

    12.04.2007, 16:11 von schmeili
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    Netter Text, ich überlege gerade ob ich nicht mal zum Spaß zu einer WG- Besichtigung gehe, zur Unterhaltung :D

    20.02.2007, 12:14 von chrisd
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    Das hört sich echt nach meiner ersten Woche in Gießen an... Wie findet man eine WG in 7 Tagen? - To be continued....

    19.02.2007, 22:54 von professionelleschaos
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