HansHermannHahn 16.04.2010, 14:51 Uhr 13 23

Der Zug nach Kildare

An Karfreitag bleibt das katholische Irland per Gesetz nüchtern. Ganz Irland?

Pat erhebt sein Glas: „Denen haben wir es gezeigt!“. Zustimmend stoßen wir an und lassen das schwere Guinness durch unsere durstigen Kehlen fließen. Ja, wir haben es ihnen gezeigt. Der Polizei, der Regierung, der Kirche. Vor allem der Kirche. Wir fühlen uns wie die unbeugsamen Gallier. Auch wir haben einen Zaubertrank, schwarz und bitter, und auch unser Gegenspieler sitzt in Rom. Doch in dieser Geschichte sind die Gallier Iren, die nicht Caesar, sondern dem Papst und seinen Moralwächtern die Stirn bieten.

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Angefangen hatte mein kleines Abenteuer mit einer Wette. Meine portugiesische Mitbewohnerin behauptete, ich würde es nicht schaffen, noch vor Mitternacht einen Pint Guinness zu erstehen. Nun leben wir in Dublin und in Irlands Hauptstadt soll es an die tausend Pubs geben, neuntausend weitere auf der ganzen Insel. Die Vorraussetzungen für ein Glas Bier könnten also nirgends besser sein. Doch nicht an Karfreitag.

Denn ebenso wie am 25. Dezember darf an diesem heiligen Tag in der gesamten Republik kein Tropfen Alkohol verkauft werden. Eines der vielen Überbleibsel der katholischen Tradition im Lande, die lange Zeit eine Umarmung von Religion und Politik erlaubte.

Doch konnte das wirklich Realität sein? Schließlich sind wir in Irland, wo seit der Wirtschaftskrise zwar nicht mehr Milch und Honig, aber doch weiterhin in großen Mengen Whiskey und Bier fließt. Ich schlug also ein und machte mich auf die Suche nach meinem Pint Guinness…

Auf den Straßen Dublins war es ruhig, dabei regnete es nicht einmal. Es war bereits später Nachmittag und man kann schließlich nicht den ganzen Tag in der Kirche verbringen. Wo also könnten die Einheimischen sein wenn nicht in der Kneipe, kombinierte ich mehr hoffnungsvoll als scharfsinnig.

Meine erste Station war unser lokaler Pub um die Ecke. Tatsächlich war die Tür verriegelt und die Lichter aus. Hier war offenkundig geschlossen. Aber warum die zugezogenen Vorhänge? Sehr verdächtig. Meine irischen Kollegen hatten mir erzählt, manche Barkeeper würden an Karfreitag im Geheimen Alkohol ausschenkten. Illegal und nur an Stammkunden, versteht sich. Das war gut, denn hier war ich Stammkunde, oder nicht? Ich klopfte vorsichtig.

Ich hörte von drinnen gedämpfte Stimmen. Jemand öffnete die Tür einen Spalt breit. Es war Brian, der Barmann, ein großer Kerl mit gutmütiger Miene und einem Bierbauch fast genauso breit wie sein Arbeitsplatz zwischen Theke und Wand. Hinter ihm konnte ich im Halbdunkeln eine Hand voll Gäste sehen, die misstrauisch zur mir herüberblickten.

„Kann ich reinkommen?“, flüsterte ich komplizenhaft.
„Sorry Junge, geschlossene Gesellschaft. Wir haben hier nur eine kleine private Feier unter Freunden.“ Ich bemerkte, wie seine „Freunde“ nun ihre Gläser hervorholten, die sie wohl aus Furcht vor einer Polizeistreife unter ihren Jacken versteckt hatten, und sich wieder ihren Gesprächthemen widmeten.
„Tut mir wirklich leid. Wir haben morgen wieder geöffnet.“ Brian vergewisserte sich noch schnell, dass uns keiner beobachtet hatte und ließ die Tür ins Schloss fallen. Das traf mich wie ein Schlag ins Gesicht! Ich hatte nie die Zeche geprellt, mich genauso über den unfairen WM-Ausscheid Irlands aufgeregt wie alle anderen und gehörte trotzdem nicht dazu.

Enttäuscht ging ich Richtung downtown, dorthin wo in Irland die Pubdichte am höchsten ist. Unterwegs pfiff mir ein kalter Wind entgegen, nur vereinzelte Passanten schlichen durch die Gegend. Ein schlechtes Zeichen.
In der Stadtmitte war das Bild sogar noch trauriger. Wo war die üblich laute Geräuschkulisse eines Freitagabends, wo waren die frühen Nachtschwärmer die sich auf den engen Bürgersteigen wuseln, wo die hupenden Taxis und Busse? Nur am Bahnhof zeigte sich reges Leben. Kein Wunder, bei der Friedhofsstimmung würde ich auch am liebsten die Stadt verlassen. Nur wohin? Die Situation war ja im ganzen Land dieselbe.

Im Partybezirk Temple Bar standen die Touristen herum, die wahren Opfer der Prohibition. Niemand hatte sie gewarnt. Dabei hatten sie sich so gefreut auf die besoffenen Iren, ihr merkwürdiges Bier und die putzige Folkmusik. Nun wanderten sie ungläubig und ziellos durch die Geisterstadt, ausgehfertig, er in Jackett, sie auf High Heels.

In Dublin schien mir die Lage hoffnungslos, doch in den protestantischen Norden durfte ich nicht fahren, daran hatte meine Mitbewohnerin gedacht.

„In Limerick gibt’s Bier.“ verriet mir ein älterer Herr mit Gehstock und Raucherstimme, den ich angehalten und um Rat gefragt hatte. „Wegen dem großen Rugbyspiel haben die Pubs dort geklagt und von den obersten Richtern Recht bekommen. Und wenn die Kerle erstmal eine Ausnahme gemacht haben, werden sie weitere Zugeständnisse machen müssen. Das Gesetz ist eh a pain in the arse!“ Seine Augen funkelten nun vor Aufregung. “Du wirst sehen, in ein oder zwei Jahren müssen all die Priester wieder dahin wo sie hingehören “- er überlegte kurz- „ in den Vatikan nämlich! Und dann muss kein Pub mehr schließen!“ So ließ er mich stehen und stampfte davon.

Nach Limerick also. War es wirklich klug, nur für einen Pint Guinness auf die andere Seite der Insel zu reisen? Andererseits ging es um eine Wette und es wäre interessant zu sehen, wie viele verzweifelte Zecher heute wohl dorthin pilgern.

Der Bahnhof war voller als sonst. Wer hätte gedacht, dass derart viele Iren ihrem Bier hinterherfahren? Bald entdeckte ich allerdings den wahren Grund: Auch hier gab es einen Pub und dieser war geöffnet. Menschen tranken Bier! Langsam ging ich auf sie zu…
Der grimmige Türsteher versperrte mit seinem Arm den Eingang wie eine Schranke. „Die Fahrkarte bitte, junger Mann!“ Ich starrte ihn verständnislos an (gleichwohl freute ich mich innerlich, dass man mich zur Abwechslung nicht nach einem Altersnachweis fragte). Er seufzte:„Du brauchst ein gültiges Zugticket um hier heute Bier zu bekommen.“
Ich sagte erstmal gar nichts. Und mir fiel auch dann nichts Besseres ein als „Aber das macht keinen Sinn!“
„Ich weiß.“ Jemand streckte ihm einen Fahrschein entgegen. Schranke auf, Schranke zu.
„Jedes Ticket?“ „Naja, es sollte schon außerhalb Dublins liegen, sonst zählt das nicht.“ Es musste ein Art Spiel sein, in dessen Grund und Regeln ich Möchtegern-Ire nicht eingeweiht war. Ich war so nah dran. Ich konnte das Stout schon schmecken!

Trotzdem kam ich mir lächerlich vor, als ich am Schalter „das günstigste Ticket, das sie haben“ verlangte. Die Beamtin schien jedoch nicht annährend überrascht zu sein. „Außerhalb Dublins, habe ich recht?“, vergewisserte sie sich und verkaufte mir grinsend eine Fahrkarte nach Kildare.

Auch der Türsteher lächelte jetzt und ließ mich passieren. Drinnen schlug mir das übliche Stimmengewirr Dubliner Pubs entgegen. Eine Weile lang beobachtete ich das Geschehen. Niemand schaute auf die große Uhr hinter der Bar. Wartete hier überhaupt jemand auf einen Zug? Noch immer überrascht bahnte ich mir einen Weg zur Theke. Durch die Fenster konnte man auf die menschenleeren Straßen schauen. „Was wollen heute nur alle in dieses Kaff fahren?“, scherzte die Wirtin während sie mir den Fahrschein mit einem Pint Guinness zurückgab.
Ein Altersgenosse klopfte mir auf die Schulter. „Na, willste auch nach Kildare? Was ein Zufall! Ich bin Pat. Hey Leute, hier ist noch einer!“ Mein neuer Kumpel stellte mich seinen Freunden vor, allesamt mit einem one-way Ticket nach Kildare ausgestattet. Von ihnen lernte ich, dass Reisende von dem Alkoholverbot an Weihnachten und Karfreitag ausgenommen seien. Das Gesetz stamme noch aus einer Zeit, in der Reisen unbequemer und vor allem zugiger waren. Damit sich die Fahrgäste auf den Schiffen und Bahnhöfen nicht erkälten, sollten sie nicht auf gesundes Stout und heißen Whiskey verzichten müssen. Die spinnen hier doch, dachte ich. „Ich liebe Irland!“, sagte ich.

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So stehe ich also an Karfreitag zwischen jungen und alten Iren, genieße das schwarze Bier (das nach all der Mühe besonders gut und irgendwie…verboten schmeckt) und freue mich über dieses Land, in dem die Dinge häufig schrecklich ernst erscheinen, doch selten sind. Pat stößt mir plötzlich in die Seite und zeigt auf seine Uhr. „Jesus, wir haben gerade den letzten Zug verpasst!“, lacht und bestellt die nächste Runde.

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13 Antworten

Kommentare

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    das ist einer der vielen gründe warum ich irland und die iren in particular so liebe!

    22.04.2010, 12:34 von Henne_das_Huhn
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    ha ja, gut beschrieben, so wars hier ja leider echt. ich war allerdings über ostern in belfast, besser wars da dennoch nicht, alle ausgehmöglichkeiten waren doch sehr eingeschränkt. aber je mehr orte ich in irland besuche, desto froher bin ich, dass ich zurzeit in dublin wohn.

    ich bin immer wieder über diese kontaktfreudigkeit hier erstaunt. hach, ich liebe irland ;)!

    20.04.2010, 10:01 von RockDieMoehre
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    Interessant und amüsant =D

    19.04.2010, 20:26 von Zebri
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    Sehr gut ... habe herzlich gelacht.

    19.04.2010, 09:34 von Cyro
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    mag ich sehr!

    19.04.2010, 09:00 von Verlchen
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    Jaja, die Iren.. :)
    Ich war an Karfreitag in einem kleinen Ort an der Westküste, da war's sogar für mich als Minderjährigen kein Problem an mein Guinness zu kommen..;)

    18.04.2010, 12:18 von sway-
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    Ich war auch an K-Freitag in Dublin. Allerdings nicht auf Bier suchen! Für nächsten k-Freitag weiß ichs dann ;)
    Danke im Vorraus!

    17.04.2010, 19:02 von Goldpony
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    Der sehr gut geschrieben!
    Finde ich gut das einmal eine Text über Irland zu lesen.


    17.04.2010, 18:37 von bobble_hat
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    Sie meinte, ich hätte ja wohl ein kleines Alkoholproblem, war aber ansonsten beeindruckt, das ich tatsächlich ein Schlupfloch gefunden hatte. Der Wetteinsatz war übrigens ein Pint...na was wohl? :)

    17.04.2010, 15:25 von HansHermannHahn
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  • 0

    absolut toll :D das muss ich mir mal merken. ;))

    ich schließ mich Amantacitrina an, was hat deine mitbewohnerin gesagt? :))

    17.04.2010, 09:49 von MademoiselleChoco
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