Der Tag, an dem ich den Albert Einstein des Wortes traf und es nicht bemerkte
Auf meinem Weg zur Arbeit bin ich auf unter anderem auf die U-Bahn, angewiesen. Jeden Morgen derselbe Ablauf:
Ich stiefele (und das, obwohl ich nie hoch geschlossenes Schuhwerk an den Füßen mit mir führe) die Arbeit vor Augen und daher mehr oder minder schlecht gelaunt, auf jeden Fall aber verschlafen die Treppe zum Bahnsteig hinunter. Dort befindet sich ein kleiner Kiosk, wo man die Dinge des täglichen Bedarfs, Pressererzeugnisse und auch die Bildzeitung käuflich erwerben kann. Und selbst als größter Konsumgegner gönne ich mir dort ein ums andere Mal das Vergnügen, es beim Auffrischen meiner Tabakvorräte so richtig krachen zu lassen und die Kohlen nur so auf den Kopf zu hauen. So auch heute morgen.
Frohen Mutes gab ich an der Durchreiche, die mich Normalsterblichen vom Tabakwunderland fernhielt meine Bestellung auf. Tabak, Blättchen und Filter: Das Dreigestirn der Raucherlunge, das Spritzbesteck zur Nikotinsucht, das Festmahl für den Tabakgourmet. Der Deal war fast perfekt, da drückte mir der Verkäufer statt der georderten Filter eine Packung TIC TAC in die Hand. Welch Ungeschick, wo ich doch ausdrücklich „Filter“ bestellt hatte. Ich wies den Verkäufer auf seinen kleinen Faux Pas hin und bat ihn darum, doch die von mir gewünschten Kohlefilter herauszugeben.
Augenzwinkernd überreichte er mir das Gewünschte und ich zog zufrieden von dannen. Dennoch, aus irgendeinem Grund ließ mich das kleine Missverständnis zwischen dem Kiosk-Angestellten und mir nicht mehr los. Wie konnte er mich dermaßen falsch verstehen? Nuschelte ich? Lispelte ich? Kann man beim Wort „Filter“ überhaupt lispeln?
Dann, während der Bahnfahrt, fiel mir ein "Ein" vor die Füße. Das gefallene Ein sortierte sich zunächst, kam ein wenig taumelnd auf die Beine und stellte sich meinem Gehirn als Einfall vor, der eine neue Bleibe suche. Das Gehirn stimmte zu und zum Dank gab der Einfall einen Gedanken von sich, der um die Lösung des aufgeworfenen Problems kreiste.
Die Filter tragen den Namen "ZIG ZAG". Lässt man beim „Z“ das s einfach weg, so dass rein lauttechnisch ein "T" übrigbleibt, erreicht den Empfänger letztlich nicht das gewünschte "ZIG ZAG" sondern ein "TIG TAG". Nun hat man natürlich das Z seiner Schärfe beraubt und diese fügt man nun dem "G" hinzu, so dass letztlich ein "TICK TACK" übrigbleibt (oder anglifiziert: "TIC TAC"). Selbstzufrieden lehnte ich mich zurück, hatte ich doch dies kleine Rätsel zur frühen Morgenstunde gelöst.
Doch jäh riss mich ein neuer Gedanke aus meiner Selbstzufriedenheit. Hatte ich nicht ausdrücklich "Filter" verlangt? Wie konnte es dann zu diesem Missverständnis kommen? Innerlich aufgewühlt ließ ich unseren kleinen Dialog nochmals Revue passieren. Mein Gedächtnis führte mir jedes noch so kleine Detail dieses kurzen Gespräches auf der Leinwand meines Kopfkinos immer und immer wieder vor. Dann plötzlich verdichtete sich der Gedanke zu einem Blitz, der mich durchzuckte:
Ja, genau! Genauso muss es gewesen sein: In Bruchteilen einer Sekunde ahnte der Mann im Kiosk meinen Gedankengang voraus, zerlegte ihn sorgfältig in seine Einzelbestandteile und kehrte ihn um! Es war unglaublich: Ich bestellte Filter
mit der Aufschrift "ZIG ZAG“. Der Verkäufer wirbelte die Buchstaben und Laute in Tornadoeile durcheinander, von "ZIG ZAG" über "TIG TAG" zu "TICK TACK". Meine Scham war unbeschreiblich: Ich war dem dem Einstein der deutschen Sprache begegnet und hatte es noch nicht einmal gemerkt! Ich überlegte, ob ich zurückkehren und dem Mann danken sollte. Dafür, dass er es war, der die Sprache zusammenhielt.
Doch dann kamen mir Bedenken: Wenn dieser Mann nun ein Blender war? Ein Aufschneider? Ich wurde misstrauisch. Der Einfall, dem zwischenzeitlich langweilig geworden war und welchem mein Gehirn zugegebenermaßen ob der soeben erlangten Erkenntnis auch recht wenig Beachtung geschenkt hatte, vergnügte sich inzwischen mit der um einiges reiferen Idee. Das Gehirn entschuldigte sich beim Einfall, stellte sich der Idee vor und bat beide zu einer kleinen Zusammenkunft zu sich herüber. Die drei kamen überein, dass es das beste wäre, den vermeintlichen Einstein der deutschen Sprache einem kleinen Test zu unterziehen:
Baldestmöglich werde ich bei dem Verkäufer eine Packung "Pfefferminz" bestellen. Sollte er mir ohne weiter Nachfrage eine Packung Filter überreichen, so weiß ich, dass ich einem Sprachgenie gegenüberstehe. Sollte er mir jedoch nur eine Packung Pfefferminz in die Hand drücken, so habe ich zumindest die nächsten paar Stunden einen frischen Atem.





Kommentare
Sehr amüsant! :))
09.02.2011, 22:40 von topfbluemchen