Onkel_Fester 13.09.2012, 09:56 Uhr 27 37

Der leere Raum

Ich besitze ein Haus mit vielen Räumen. Sie sind wie Menschen.

Ich besitze ein Haus mit vielen Räumen. Sie sind wie Menschen. Jeder ist anders, aber auf seine Weise schön oder hässlich, je nachdem von wo man schaut. 

Meine Küche, zum Beispiel, duftet nach Kräutern. Kleine Sträuße von Rosmarin. Salbei und Thymian hängen von der Decke und trocknen vor sich hin und verwandeln den Raum in eine Geruchsexplosion. Wenn ich mich jedoch auf den Boden lege, sehe ich all den Dreck unter den Küchenschränken. Da spielen Wollmäuse mit Verschlüssen von Brottüten und auf alten Zwiebelschalen legt sich ein grauer Schleier aus Staub. Meine Mutter sagt immer, dass ich auch mal unter den Schränken putzen soll. Ich bin jedoch dagegen, weil so oft lege ich mich auch nicht auf den Küchenboden. 

Dann habe ich noch einen Raum den ich das Lesezimmer nenne. In ihm stehen Regale mit vielen Büchern. Jedes will mir seine Geschichte erzählen. Rücken an Rücken drängen sie sich mir entgegen und so manches schafft es sich aus der starren Reihe heraus zu quetschen. Viele möchten als erstes gelesen werden und einige sind schon müde vom gelesen werden. Die einen sind schmal andere dick. Viele von ihnen sind jung und ein paar alt und vergilbt, aber jedes von ihnen liebe ich. 

Jeder dieser vielen Räume ist etwas besonderes und hat seine eigene Aufgabe. Alle sind sie angefüllt mit Erinnerungen und Gegenständen, die von den Stationen meines Lebens erzählen, wo ich aus dem Bus, der mich in die Zukunft bringt, ausgestiegen bin, um kurz durch die Zeit zu spazieren. 

Nur ein Raum der ist anders als die anderen. Der ist leer. Kein Nippes. Keine Tapeten. Keine Lampe. Er besteht aus vier Wänden, einer Decke, einem alten Dielenboden, einem Fenster und einer Tür. Mehr nicht. Er wird auch nicht geputzt oder gewischt. Er ist wie er ist und bleibt auch so. Niemand darf diesen Raum betreten, außer ich.

„Und was soll hier rein“, hatte mich mal eine Freundin gefragt und skeptisch geblickt als ich ihr sagte, dass sie hineinblicken aber nicht hineingehen darf.

„Nichts“

„Und was machst du dann darin?“

Ich überlegte eine ganze Weile, versuchte eine kluge und philosophische Antwort in meinem Kopf zu formen. Etwas, das mystisch und geheimnisvoll klang, bei dessen Worten die Lippen meiner Freundin ein stummes „Oh“ bilden würden und sie ihre Augenbrauen hochzog.

Mir fiel nichts ein, weil jedes Wort falsch gewesen wäre. Ich beließ es bei einem Schulterzucken. 

Noch am selben Abend setzte ich mich im Schneidersitz in den Türrahmen und blickte in das dunkle Zimmer und dachte darüber nach was ich in diesem Raum mache und was ich meiner Freundin hätte sagen können. Manchmal lege ich mich auf den Boden, rolle mich zusammen und höre mir beim Atmen zu. An anderen Tagen stelle ich mich in eine der Zimmerecken und beobachte die Staubflocken bei ihrem Tanz im Sonnenlicht. Oder ich lehne mich an die Wand und lausche mit geschlossenen Augen einem Raben bei seinem Spaziergang über das Dach. Wenn es regnet, höre ich gerne den Tropfen zu, die rhythmisch auf den Schiefer klopfen, wie ein hartnäckiger Gast der um Einlass bittet. Manchmal setze ich mich auch auf den Boden und räume Dreckkrümmel, die vor meinem rechten Knie liegen zu meinem linken Knie und wieder zurück. Manchmal lege ich auch nur mein Ohr an die Wand und versuche zu lauschen, ob das Gemäuer etwas von den Geschichten preisgibt, jener ehemaliger Bewohner die schon längst verstorben sind. Wenn es dunkel wird liege ich auch gerne in der Schwärze und Stille der Nacht und erfreue mich an meinem Herzschlag.

All das hätte ich ihr nicht sagen können, denn Worte können viel beschreiben, aber nicht alles erklären.

Ich besitze ein Haus mit vielen Räumen. Sie sind wie Menschen. Jeder ist anders und einer davon ist leer. Ich fülle ihn aus mit mir.

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27 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ja, mag ich mag ich, fein fein! Fein gedacht und fein in Worte gekleidet!

    16.09.2012, 18:46 von Sultanine
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  • 0

    Dann habe ich noch einen Raum den ich das Lesezimmer nenne. In ihm stehen Regale mit vielen Büchern. Jedes will mir seine Geschichte erzählen. // Viele von ihnen sind jung und ein paar alt und vergilbt, aber jedes von ihnen liebe ich.// Mir fiel nichts ein, weil jedes Wort falsch gewesen wäre. Ich beließ es bei einem Schulterzucken.

    All das hätte ich ihr nicht sagen können, denn Worte können viel beschreiben, aber nicht alles erklären.

    16.09.2012, 14:25 von Jackie_Grey
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  • 0

    Find ich richtig toll.

    16.09.2012, 13:53 von Lunasol
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    Großartiger Text, Onkel_Fester!!

    16.09.2012, 13:48 von Mrs.McH
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  • 0

    Einen Raum übrig zu haben und ihn nicht mit Dingen füllen zu müssen ist wahrer Luxus.
    Schöne Vorstellung.

    16.09.2012, 10:53 von Pixie_Destructo
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  • 2

    das ist ein alter traum (i.S. von wunsch) von mir
    eine so große (altbau) wohnung zu haben, mit dielenboden und großen fenstern mit weißen holzrahmen. am besten solche, die man noch mit einem kleinen häckchen verschließen muss.
    und einen ganz leeren raum - nur für mich!
    schöne geschichte. ich mag es auf schreiber zu treffen, die die gleichen sehnsüchte haben.

    14.09.2012, 23:52 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    Hätte ich einen Raum übrig, würd ich es auch so machen. Toller Text!

    14.09.2012, 23:43 von Lady_Hope
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  • 4

    "Ich bin jedoch dagegen, weil so oft lege
    ich mich auch nicht auf den Küchenboden."
    Mein Satz :-)

    14.09.2012, 17:35 von topfbluemchen
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  • 0

    Hab ich bereits gestern gelesen und dachte mir schon, dass der Text ein Startseiten-Kandidat ist. Muss man eigentlich schon mögen, weil es ausnahmsweise mal nicht um Liebe geht. Allein die Sprache wirkt teils ein wenig unbeholfen.

    14.09.2012, 16:50 von justanotherpicture
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  • 1

    Jeder Kommentar erübrigt sich. Was bleibt ist ein:


    sehr gern gelesen!

    14.09.2012, 16:04 von jetsam
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Seite: 1 2

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