-Aeon- 16.03.2010, 20:28 Uhr 0 0

Der Heurige - Impressionen

So, und nun für alle Nichtwissenden, Ahnungslosen, Kultursuchenden oder im Weinviertel auch allgemein hin als „Pifkes“ bekannten

eine nebellichtende Erklärung des Phänomens – Heuriger.
Was zum Kuckuck ist das eigentlich? Dies war auch meine erste Frage beim Vernehmen dieser fremdländischen Vokabel. Alle Welt redete vom Heurigen, nur ich war anscheinend völlig hinterm Mond aufgewachsen. Dagegen musste, nunmehr schon vor sechs Jahren, etwas unternommen werden. Voller Erwartung, Heißhunger und Durst, vor allem Durst, denn das ist sehr wichtig in diesen Lokalitäten, lud mich meine Familie auf einen Abstecher zum Mysterium Heuriger ein.
Es war ein lauer Sommerabend, ein erfrischender Wind ging durch die Straßen Mistelbachs, mein Magen war bereit, die kulinarischen Wunder des Weinviertels aufzunehmen, und so durchschritt ich die Pforte, die das Mysterium von meiner kleinen, Heurigen losen Welt trennte, und betrat den Hof der Offenbarung.
Nun, erste Frage, was offenbarte sich mir? Kurz zusammengefasst: Tische, Bänke, Weinranken nebst dekorativ natürlich angeordneten Trauben, eine Menge humanoides Fleischgewirr und emsig hin und her laufende Bedienungen inklusive eines mehr oder weniger wankenden Wirts.
Die erste zu vollziehende Geste beim Betreten eines Heurigen ist die umfassende Begrüßung aller Gäste, egal ob bekannt oder nicht, spätestens nach dem zwölften Achtel spielt das sowieso keine Rolle mehr, dann Platz suchen. Dieses Kapitel gestaltet sich meist schwieriger als das mit der Begrüßung, denn so ein Heuriger ist meist und besonders an solch gelungenen Sommerabenden bis zum Bersten gefüllt. Hat man dann sein wertestes Hinterteil zwischen Bauer und Stadtrat platziert, kann der Abend beginnen.
Ausgeschenkt wird mit Vorliebe einheimischer Wein in mannigfaltigen Variationen. Rot, Weiß, Rosé, gespritzt, mit Cola oder sonst wie. Daneben gibt es noch zwei, drei Varianten nicht alkoholischer Getränke für die Kleinen. Sollte man ein Hungerchen verspüren, ist man beim Heurigen komplett falsch. HUNGER ist angesagt.
Wurst- und Käseplatten sind mehr Tabletts, Brote haben eher die Größe von den Handtellern der Klitschko-Brüder zusammen. Was man auf keinen Fall beim Besuch verpassen darf, sind die hausgemachten Aufstriche der Wirtsfrauen und ihrer Helferlein. Diese sind in unzähligen Sorten zu haben und so ergibt sich für jeden Gaumen das Richtige. Bevor wir den Abend aber mit einem „Fluchtachtel“ enden lassen, welches man nach Sitte mit dem Wirt einnimmt, widme ich Diesem auch noch sein eigenes Kapitelchen.
Der Wirt ist die Gestalt, welche, sollte man zu fortgeschrittener Stunde einkehren, von Tisch zu Tisch wankt, die Gäste begrüßt und verabschiedet.
Wie erklärt sich nun diese instabile Haltung des wirt'schen Korpus? Nun, die Begrüßung findet meist mit einem kleinen Schwätzchen statt, eventuell auch mit der Aufnahme der Bestellung. Möchte man dann aber gehen, kommt es zum rituellen Begießen des Abschieds mittels eines „Fluchtachtels“, welches der Wirt, ob nun wegen seines Schwips oder grenzenloser Menschenfreundlichkeit sei dahingestellt, gern aufs Haus gehen lässt, allerdings nie, ohne eines mitzutrinken. So erklären sich wahrscheinlich auch seine weichen Knie. Zwanzig Tische bedeuten mindestens zwanzig Achtel und da jeder Tisch nicht nur einmal pro Schanktag besetzt wird, ist die Leber des Wirts irgendwann gnadenlos überfordert und gibt sich den alkoholischen Sintfluten in seinen Därmen geschlagen.
Daher nehme ich an, dass man hier den Grund für die nur einige Wochen im Jahr dauernde Öffnungszeit jedes Heurigen suchen sollte.

So weit zu meinen Impressionen,
ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Sammeln Ihrer eigenen Erfahrung hier bei uns im Weinviertel."Wichtige Links zu diesem Text"
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