janis_vougioukas 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Der alte Mann und der Schatz

Ein britischer Aussteiger kaufte eine Insel. Dann hörte er alte Geschichten über PIRATEN und ihre Beute. Er fing an zu suchen. Das war vor 33 Jahren.

Das Loch, das Brendon Grimshaw »die große Grabung« nennt, liegt im Schatten alter Trompetenbäume auf einem Hügel im Osten. Sieben Meter tief grub er, Schaufel um Schaufel, er zog die gelbe Erde in Eimern herauf, zahlte jeden Kübel mit Schweiß und Schwielen. Der Boden war locker, jemand musste hier schon einmal gegraben haben, irgendwann, eine andere Erklärung gibt es nicht. Sagt Brendon. Er sprengte Granitbrocken, zog Stützmauern hoch, fragte Archäologen um Rat. Er fand: nichts. »Das Versteck muss hier sein«, sagt Brendon. »Warum sollte hier sonst jemand früher ein Loch gegraben haben? Und wer sollte das getan haben, wenn es nicht Piraten waren?« Es ist eine Frage, doch er wartet nicht auf die Antwort.
Die Bucht vor dem kleinen Strand: Von dort müssen sie einst gekommen sein. Da ist das Wasser tief genug, um mit einem größeren Schiff zu ankern. Also stiegen sie hinauf in den Wald, 15 Mann, vielleicht 20 Mann, hoben das Loch aus, bauten Fallen, es gibt nur eine Erklärung: Hier liegt ein Piratenschatz, tief vergraben auf Moyenne, der kleinen Insel auf den Seychellen im Indischen Ozean. Brendon sitzt auf der Veranda vor seiner Holzhütte, dort ist er am liebsten, besonders wenn er seine Geschichte erzählt. Er spricht laut und bestimmt, unter seinen Worten rauscht das Meer. »Ich bin mir ganz sicher«, sagt er. Nickt lange. Brendon trägt eine gelbe, etwas zu knappe Unterhose, dazu heute ein graues T-Shirt mit dem Aufdruck »Boards to the Boys«, fleckig, löchrig. Aber für wen sollte Brendon sich herausputzen, hier auf der Insel. Er lacht viel. Sein Körper ist braun gebrannt, Muskeln spannen durch die Haut, er wirkt kräftig, obwohl er im vergangenen Sommer seinen 81. Geburtstag gefeiert hat. In dem Alter wohnen andere Menschen in Heimen, füttern die Vögel im Garten, spielen Bridge und schlafen vor dem Fernseher ein. Brendon kann sich nicht ausruhen. Die Suche ist noch nicht vorbei.
Vor kurzem kam ein Tourist aus Australien, selbst ein halbprofessioneller Schatzsucher, und brachte neue Hinweise: Der Schatz könnte am Strand liegen.
Brendon grub.


Vor kurzem kam ein neuer Hinweis: Der Schatz könnte am Strand liegen



Einen breiten Graben, drei Meter in den Sand, bis sie zusammen tief im Meerwasser standen. Ständig rutschte der Boden zurück in das Loch. Dann gaben sie auf. Brendon springt auf und eilt in die halbverfallene Holzhütte. Nie hat er in die Hütte annähernd so viel Energie gesteckt wie in seine große Suche. Der Kunststoffbelag löst sich vom Boden, die Einrichtung ist mehr gestapelt denn
gestellt: eine Zweizimmerabstellkammer mit Meerblick. Als er die Tür öffnet, flattern erschrockene Vögel ins Freie und verstreuen Kekskrümel und Cornflakes über die Möbel. Im Wohnzimmer stapeln sich die Reissäcke. Auf dem Couchtisch liegen afrikanische Schni tzereien und Souvenirs aus einem ganzen Leben auf Reisen. Es riecht nach Vogelschiss und Mo der Die tropische Luftfeuchtigkeit arbeitet da ran, Brendons Bücher in Kompost zu verwandeln.
Er trägt eins davon unter dem Arm, als er wieder auf die Veranda tritt. Ein Fotoalbum. Die Bilder sind mit den Jahren blass geworden und zeigen Brendon vor 33 Jahren, als er seine Suche begann. »Ich war ein anderer Mensch«, sagt Brendon, als er die Fotos vor sich auf den Tisch legt, darauf ein seriöser, stolzer Mann mit dunklem Anzug und Schlips. Brendon war Journalist, arbeitete als Chefredakteur für englische Zeitungen in Tansania und Kenia. Er ließ sich durch die Kolonien treiben, lebte in Nairobi, Daressalam und Mombasa und wurde zu einem Teil der vornehmen Kolonialistengesellschaft.
Anfang der sechziger Jahre entließ England immer mehr Länder in die Unabhängigkeit. Die ehemaligen Besatzer verließen ihre Außenposten und kehr ten mit ihren Soldaten und den Afternoon-Teegesellschaften zurück nach England. Die Welt verschob sich. Das war die Zeit, als Brendon sein Leben in hundert Holzkisten verpackte und ein Schiff bestieg, um ein neues Leben zu suchen.

Die Überfahrt von Mombasa dauerte zweieinhalb Tage. Brendon war aufgeregt, neugierig, abenteuerlustig. Einige Jahre zuvor hatte er »aus einer komischen Laune heraus« auf den Seychellen eine Insel gekauft, die er im Urlaub entdeckt und in die er sich auf den ersten Blick verliebt hatte. 800 Meter breit und etwa ebenso lang. Granit und Erde, die dem Ozean trotzten, klein, aber schön, ein Tropfen Land auf einer weiten Fläche aus ruhigem Wasser. Jemand hatte die Insel einmal Moyenne getauft. Auf Französisch bedeutet das »Durchschnitt«. Doch in Brendons englischen Ohren klang der Name nur mild und geheimnisvoll. Er zahlte 10 000 Pfund in bar, umgerechnet waren das damals etwa 64 000 Mark. Noch am Abend fragte er sich: »Mein Gott, was habe ich getan.« Er kam dennoch, aber er kam als einfacher Aussteiger. Von einem Schatz hatte er damals noch nichts gehört. Bis ein Einheimischer ihm die Piratengeschichten erzählte.
Brendon grub.

Loch um Loch, die erste Zeit nur mit Schaufeln und Hacken, später auch mit Wünschelruten und Metallsuchgeräten. Große Granitfelsen liegen verstreut auf der ganzen Insel, über und unter der Erde. Der Granit enthält Erz. Bei jedem Felsen blinkten und piepten die Sensoren. Ein englischer Schatzsucher half mit modernster Ausrüstung, sie tasteten in kleinen Schritten über die Erde, und dann waren sie sicher: genau hier. Sie markierten ein Kreuz, gruben mit der Kraft der Vorfreude, die auch weiterglomm, als ein eiförmiger Felsbrocken aus der Erde auftauchte. Sie gruben um den Felsen herum, aber – irgendwann hört man einfach auf zu graben.


Ohne den Einheimischen wäre Brendon sehr einsam gewesen. Er nennt ihn Freitag



Auf den Seychellen kennt jeder die Geschichten, die wie Märchen klingen. Sie spielen im 18. Jahrhundert, als französische Siedler hier ihre ersten Niederlassungen gründeten. Die Seychellen: 115 Inseln, verteilt auf eine Meeresfläche von 400 000 Quadratkilometern, etwa fünf Breitengerade südlich des Äquators. Das ideale Versteck zwischen Afrika, Indien und Arabien.
Nationalarchivs in einem modernen Glasbau gegenüber vom Yachtclub, viereinhalb Seemeilen vor Moyenne. Auf gelb gewordenen Papieren lagert hier das Gedächtnis der Inseln. Die alten Dekrete der britischen Kolonialherren, Gerichtsurteile, Polizei- und Seeberichte, Logbücher, Kartenmaterial. »Es gibt gute Theorien, die erklären, warum die Piraten einen Schatz auf Brendons Insel versteckt haben könnten.
Beweise aber gibt es nicht«, sagt Lalande. Er wählt seine Worte sehr vorsichtig. Denn als er beim Nationalarchiv angestellt wurde, hat das Schatzfieber auch ihn angesteckt. Lalande ist Historiker. Wenn man einen Schatz finden will, muss man ihn in alten Papieren suchen, dachte er. Monatelang durchwühlte er vergilbte Papierberge. Irgendwann gab er auf, ohne den kleinsten Hinweis gefunden zu haben. »Vielleicht findet Brendon den Schatz«, sagt Lalande jetzt. Seine Stimme klingt dunkel. Die Menschen hier würden es dem Zufall schon verübeln, wenn ein Fremder das größte Geheimnis des Landes enträtseln und das größte Vermögen der Seychellen finden würde. Nach den Ge setzen der Seychellen gehört der Schatz dem, der das Land besitzt. Moyenne gehört allein Brendon.

Einmal berichtete ein junges Mädchen auf der Hauptinsel Mahé von einem Traum. Das Kind war noch nie auf Moyenne gewesen. Doch es beschrieb eine Lichtung, auf der ein Mangobaum wächst. Sie sagte: »Darunter liegt der Schatz.« Brendon hörte von dem Traum, er fand eine Lichtung und einen Mangobaum.
Brendon grub.
Und fand nach Tagen einen flachen großen Stein tief in der Erde, darunter lag: nichts. Je mehr Zeit Brendon in die Suche investierte, umso mehr versteifte er sich auf den Schatz. Ein Drittel seines Lebens sucht er jetzt schon. Aber aufgeben? Immer wieder hörte er neue Gerüchte, bekam neue Ratschläge von anderen Schatzsuchern. Wenn er mit der Schaufel in den Löchern stand, stellte er sich eine vermoderte Holzkiste vor. Darin Diamanten, Goldbarren, Schmuck, Ringe. Der Schatz glänzte in Brendons Kopf. Wenn er ihn nicht findet, sind Eimer um Eimer, Schweiß, Schwielen, Stunden, Tage, Wochen und Monate umsonst gewesen.
Sein ganzes Leben hatte er Glück. Und immer hat er seine Ziele erreicht. Bei dem Piratenschatz könnte es zum ersten Mal anders sein. Der Tag seiner Ankunft war im August 1973. In Mahé mietete er einen Kahn, der ihn mit hundert Seekisten zum Strand von Moyenne brachte. Zum ersten Mal seit Jahren arbeitete Brendon mit seinem Körper, bis die Nacht kam. Vogelgeschrei und Wellenrauschen weckten ihn am nächsten Morgen. Brendon baute eine Hütte, legte Wege an, Treppen, Befestigungen, er stellte einen Fahnenmast auf und hisste den Union Jack. Es war ein bisschen so, als ob er seine eigene kleine Kolonie gründete. Er heuerte Arbeiter an, ließ ein Wasserreservoir anlegen und eine kleine Kapelle. Er stellte Schilder auf und fing an, die 103 Riesenschildkröten zu katalogisieren, die mit ihm die Insel teilten. Um die Tiere auseinanderzuhalten, malte er die Namen seiner Freunde auf ihre Rücken. Er spricht manchmal mit den Schildkröten. Überhaupt wäre Brendons Leben all die Jahre sehr einsam gewesen, wenn er nicht Freitag gehabt hätte, einen Einheimischen mit kurzen Locken, der an den Wochentagen bei ihm lebt und ihm hilft. Freitag heißt eigentlich René, aber alle nennen ihn so wie den treuen Eingeborenen in dem Roman »Robinson Crusoe«.

Brendons Stimme wird weich, wenn er über Freitag spricht. Sie waren schon gemeinsam in Las Vegas im Urlaub, auch davon gibt es Bilder in dem Fotoalbum. Zwei Jahre lebten sie auf der Insel, da ging Brendon zum ersten Mal an der Ostküste spazieren, bei ihm Fiapi, ein großer weißer Mischlingshund, den ihm ein befreundeter Tischler geschenkt hatte. Es war Frühjahr, die Sonne schien, und Brendon setzte sich in den Schatten zwischen zwei Felsspitzen und schaute zu, wie der Hund eine Echse jagte, er senkte die Augen und bemerkte zwei Steine, die in einem rechten Winkel standen. Es sah unnatürlich aus. Verwittert, gemacht von Menschen vor langer Zeit. Es sah aus wie eine Markierung.
Brendon grub.
Und hob Kammern aus, über Wochen und Monate, immer tiefer, und nie wurde die Erde hart. Er entdeckte Mauerspuren, stieß auf Felsen, bestellte Sprengmeister zur Hilfe und fand: nichts. Brendon sitzt auf seiner Veranda, das Meer rauscht, Vögel zwitschern in den Bäumen. Da knallt es. Brendon zuckt zusammen, springt in sein kleines Holzhaus und sucht mit den Augen die Decke ab. »Die verdammten Fledermäuse«, brüllt er in den Himmel. »Die rupfen die Mangos von den Bäumen, gierig sind sie und die Früchte viel zu groß. Sie straucheln und verlieren die Mangos in der Luft über meinem Haus.« Das Fallobst hat Löcher in das Wellblech des Hüttendachs gerissen. Der Monsun im Frühsommer regnet jetzt bis ins Wohnzimmer. Das Leben auf Moyenne ist zäh. Doch Brendon pflegt seine Insel mit der Liebe eines Schrebergärtners.

Trotz der Löcher, mit denen er Moyenne in 33 Jahren Schatzsuche perforiert hat. Auf jeder Lichtung, neben jedem Felsen – an jeder markanten Stelle auf Brendons kleiner Insel stolpert man über Erdhaufen und Löcher, die er bei seiner Suche in die Erde trieb. Heute sammelt der Wind darin das Laub. Die Seychellen sind ein anderes Land geworden. Es gibt jetzt einen Flughafen, Luxushotels auf fast allen Inseln; Motoryachten und Hubschrauber pendeln zwischen Luxusresorts. Touristen landen mit ihren Yachten an Brendons Strand. Gerade hat ein russischer Investor die alte Gefängnisinsel nebenan gekauft, um ein Luxusresort mit 20 Villen zu bauen, jede mit Swimmingpool. Vor ein paar Jahren hat ein britischer Hersteller von Kartoffelchips eine Insel auf den Seychellen bei einem Gewinnspiel verlost. Die Seychellen sind schon längst keine einsame Inselgruppe mehr, auch nicht Moyenne, und Brendon ist darüber etwas enttäuscht. Andererseits freut er sich, wenn die Besucher in den bunten T-Shirts auf die Insel kommen. Oft sitzt er mit ihnen auf der Veranda und erzählt die Geschichte von seinem Schatz. Und immer endet sie mit »the big dig«, der »großen Grabung«, und dem Satz: »Ich bin mir ganz sicher.«
Natürlich fragen die Urlauber: »Was werden Sie tun, wenn Sie den Schatz finden?« Früher hat Brendon immer gesagt: »Wenn ihr mich in meinem Privatjet seht, dann wisst ihr, dass ich den Schatz gefunden habe.« Doch um den Reichtum geht es heute gar nicht mehr. Brendon hat in den Löchern keinen Schatz gefunden, aber eine Aufgabe. Man stellt sich das Leben auf tropischen Inseln paradiesisch vor, aber das ist es nur einige Wochen, vielleicht Monate. Dann wird es so öde, dass man es hassen kann. Außer dem will Brendon Recht haben. Heute antwortet er den Touristen also: »Vielleicht kaufe ich eine Satellitenschüssel.« Das staatliche Fernsehen, erklärt er, sei wirklich langweilig.
Vor ein paar Monaten kam ein Araber in einem Motorboot. 24 Millionen Pfund bot der fremde Mann für die Insel, die Brendon vor langer Zeit für 10 000 Pfund gekauft hatte. Aber vielleicht ist die Insel selbst der Schatz. Brendon hat sonst nichts. Er hat keine Familie mehr, kaum noch Kontakte nach England, nur der »Sunday Telegraph « kommt jede Woche mit dem Flugzeug und wartet in einem Postfach in der Hauptstadt, bis Brendon wieder nach Mahé übersetzt. Er lehnte das Angebot des Arabers ab.
Brendon kann bald nicht mehr graben. Er wird zu alt. Und Freitag geht es schlecht, er liegt im Krankenhaus. Auch er ist inzwischen 53. Vor ein paar Wochen hat er seine Stimme verloren. Erst kratzte sie nur, dann war sie ganz weg. Maxim, der Fischer von der Nachbarinsel, brachte Freitag ins Krankenhaus. Chemotherapie. »Wenn Freitag wieder gesund ist, werden wir weitergraben«, sagt Brendon.

Er blickt auf das Meer. Wer auf dem Hügel vor langer Zeit etwas vergraben hat, wollte etwas verstecken. »Sonst macht alles gar keinen Sinn«, sagt Brendon noch einmal. Und es ist in diesem Moment nicht klar, ob er über Piraten spricht oder über sich.
Brendon grub.
Ein kistengroßes Loch, vor ein paar Jahren schon, es liegt nahe am Ufer unter einem grünen Blätterdach, direkt neben den Gräbern der unbekannten Piraten. Brendon hat es mit einer Steinplatte bedeckt, doch jetzt, wenn der Monsun über die Insel bläst, sammelt sich Regenwasser in dem Loch. Erst am Morgen, nachdem er die Platte zur Seite geschoben hatte, lag eine tiefe Pfütze vor ihm. In diesem Loch wird er keinen Schatz finden, aber hoffentlich Ruhe. Es ist sein Grab.

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