MrDeeds 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Das Leben kennt nur einen Akt

Unser Leben ist keine Komödie, schon F. Scott Fitzgerald wusste das. Deswegen sind Höhen und Tiefen keine Abschnitte, wohl aber fester Teil.

Meine Oma sah mich komisch an, als ich ihr sagte ich würde meine Stammbar im Hotel Nawigator hier in Zbaszyn aufsuchen. Verwunderlich war das nicht, ich schrieb dort seit einigen Tagen jeden Abend, untypisch war nur der Fakt, dass es kurz nach halb drei nachmittags war.

Der Grund war umspannend banal, denn würde ich nach 18:00 Uhr - wie jeden Tag - dorthin gehen, dann würden mich Darias schöne Augen vom Schreiben abhalten. Daria war eine der Kellnerinnen in der Hotelbar und sie schaffte es mich mit purer Präsenz abzulenken, es brauchte nicht einmal ein Wort von ihr. Geheimnisvoll, und ein ständiges leicht melancholisches Lächeln in ihrem Gesicht machten sie zur wohl interessantesten Person in dieser Bar.

Ich aber ging nachmittags hin um das hier schreiben zu können, weil ich nur so meine Gedanken in Ruhe ordnen konnte.

Mein Freund/Mitbewohner offenbarte mir gestern er kam zu dem Entschluss am Tiefpunkt in seinem Leben angelangt zu sein. Sein Arbeitsvertrag läuft in drei Wochen aus, deswegen hat er drei Universitätsbewerbungen laufen, jedoch ist ihm nach Einreichen der Bewerbungen aufgefallen, dass er gar keine Lust hat zu studieren, mit 21 Jahren würde er gerne etwas anderes tun. Im selbigen Zuge bewarb er sich als Flugbegleiter bei einer großen, deutschen Fluggesellschaft scheinbar überzeugt davon, dass er zu einem, in blauen Uniformen mit gelben Akzenten umwerfend aussieht und zum Anderen sei er jetzt bereit den Menschen zu dienen, sie also in 10.000 Metern Höhe mit Tomatensaft, Bier, Wodka und Pasta, wahlweise auch Hähnchen, zu beglücken. In meinen Augen hat er tatsächlich ein Talent dafür, was ihm nur noch fehlt ist das Bestehen der Einstellungsprozeduren beim Kranich in der Münchener Basis. Doch eine ungewisse Zukunft macht noch lange keinen Tiefpunkt, also kommt noch hinzu, dass sein junges, noch relativ unerfahrenes Herz (da frische 21 Jahre alt) in den letzten Wochen geschüttelt, gebeutelt und letztendlich verletzt wurde. Viele kleine Wunden aus denen zur gleichen Zeit gänzlich unkontrollierbar Wut, Angst, Verzweiflung und Resignation tropften und die jetzt langsam vernarben. Doch Vernarben dauert lange, es ist dieser hoch komplizierte Prozess der nicht nur innere Unruhe, Zerrissenheit und Restwut beinhaltet, es führt automatisch dazu sich tief im Inneren für etwas bestrafen zu wollen, für das man nichts kann. Da das Gehirn aber weiß, dass man in den meisten Fällen in denen man betrogen und belogen wird nichts dafür kann, schafft es Situationen die der Selbstbestrafung versuchen einen Sinn zu geben. Das am Besten aufgestellte Opfer ist die eigene Umgebung, manchmal Freunde, sogar Arbeitskollegen. Es sagt sich immer so einfach, man solle seine privaten Schwierigkeiten nicht mit auf die Arbeit bringen, leider hat noch niemand das Patent erfunden seine Gefühle mit einem Reisverschluss zu öffnen, sie zu Hause im Schlafzimmer aufzuhängen und nach Rückkehr von der achtstündigen Schicht wieder anzuziehen, dann still weiter zu leiden. Während die Wunden im Herz klaffen und es aus jedem Riss langsam blutet, vernarbt, wieder aufreißt und weiterblutet, muss das Umfeld dran glauben, ohne besondere Hoffnung auf Verständnis, schließlich muss man sich unterbewusst selbst bestrafen. Wofür? Weil man so naiv war. Weil man sich hat benutzen lassen. Weil man es hätte kommen sehen müssen.

Während ich an meinem Martini sippe denke ich einige Zeit zurück. Ich war etwas jünger als dieser Freund und wurde lapidar per Mail davon in Kenntnis gesetzt, dass man nach zwei Jahren funktionierender Beziehung sich jetzt umorientieren sollte. Es klappt so nicht und deswegen wird es Zeit zu neuen Ufern aufzubrechen. Keine Erklärung WAS nicht klappen würde, Facebook war damals noch nicht, sodass man nicht chatten konnte, die SMSen blieben unbeantwortet, genau wie die Mail. Ich auf einer Hochzeit in der Nähe von Blaubeuren mitten in der Idylle der schwäbischen Alb und Nadine von Straßburg aus diese Mail sendend. Während der Hochzeit war ich betrunken und leicht verwirrt, doch am nächsten Morgen, als ich aufwachte, fühlte ich eine Leere, die sich gewaschen hat. Und um dieses Gefühl herum dreißig Mal dieselbe Frage, nämlich was habe ich falsch gemacht, welches Wort war falsch, welches Zeichen, welche Tat? War es vielleicht doch die Entfernung? 150 Kilometer sind eine weite Strecke. Aber es klappte über zwei Jahre hinweg. Ich hatte die beschissensten Arbeitszeiten, nicht viel Geld aber jedes Mal, wenn es darum ging zu entscheiden, ob ich mir eine weitere Miles Davis-Platte für meine Kollektion oder ein Zugticket nach Straßburg kaufe, dann wachte ich in Frankreich auf. Ich stellte Nadine sogar über meine allergrößte Leidenschaft, über die Musik. Und solche Beziehungen, dachte ich, die müssen funktionieren. Heute bin ich darüber genauso ratlos wie noch vor elf Jahren, habe aber Apple Music, wo ich zumindest Miles Davis hören kann und zwar sein gesamtes Repertoire, egal wo ich bin.

Ein paar Jahre später, ich liege in meinem Bett im mexikanischen Navojoa, alleine. Noch vor wenigen Stunden lag Jules neben mir und wir wussten, dass am selbigen Abend ihre Maschine nach Deutschland abfliegen würde. Ich war 27 und Jules war 19, sie war wild, vorlaut, absolut nicht regelkonform. Ich hasse Regelkonformität und so führte während ihres Schüleraustausches eines zum Anderen und eher wir uns versahen saßen wir völlig kaputt an beiden Seiten der Sicherheitskontrolle am internationalen Flughafen von Ciudad Obregon wissentlich, dass all das keine Zukunft hat. Diese zwei Monate waren intensiv, auch voller Geheimnistuerei, zumal ich verantwortlich für diesen Schüleraustausch war und obwohl nicht ihr Lehrer (und es moralisch damit in trockenen Tüchern wäre), würde das mein Chef, der Rektor einer katholischen Privatschule, nicht gut finden und das wussten wir. Als ich mich nach zwei Wochen immer noch nicht aufraffen konnte, da bekam ich ein kleines Päckchen von einer Freundin. Es war der Rest von Jules Parfüm, denn sie hatte bei der Freundin gewohnt und Tere hat das Ding eingesackt. Dabei lag ein Zettel mit der Aufschrift „Man kann Erinnerungen nicht lebendig machen, man kann sie aber riechen“. Dieses Geschenk, so lapidar es war, es half, zumal Tere den alten Spruch „Gerüche sind der kürzeste Weg in unsere Vergangenheit“ richtig angewandt hat. 

Zwei Jahre später verließ ich Mexiko und als ich in Deutschland ankam hatte ich erst einmal nichts. Ich stand auf null, mein Leben, es passte zu diesem Zeitpunkt in einen Koffer auf Rollen, Marke unbekannt, 23 Kg fassend, wie es die Fluggesellschaft vorschrieb. Drei Bewerbungsgespräche in drei Firmen (bei denen ich unbedingt anheuern wollte) machten mich nur so lange glücklich, bis ich die Absagen in den Händen hielt, man hätte sich für andere Bewerber entschieden.

Eines Mittags, als ich die dritte Absage öffnete, saß ich auf der Terrasse bei meinen Eltern, alleine und das Einzige was mir in den Kopf kam war der Titel der ersten Episode der 7. Staffel von Dr. House: „What now?“

Noel Gallagher beschrieb das in „The Dying of the Light“ besser, als ich es jetzt könnte:


I woke up sleeping on a train that was bound for nowhere

The echoes that I could hear were all my own

The world had turned and I'd become a stranger

And I'm tired of watching all the flowers turn to stone


Nullpunkt in meinem Leben, denn meine Freunde, sie waren alle Tausende Kilometer über die Welt verstreut, ich war alleine. Täglicher iMessage-Kontakt zu Sepp, den wir pausenlos seit 2012 täglich haben, hielt mich am Leben, denn er wusste es mit Kleinigkeiten meine Motivation aufrechtzuerhalten. Er war zu der Zeit für mich die Mauer, an die ich mich lehnen konnte und das war wichtig.

28 Jahre alt und Dinge zu besitzen die in ihrer Gesamtheit 23 kg wiegen ist frustrierend. Für zehn Minuten spielte ich mit dem Gedanken alles hinzuschmeißen und zurück nach Mexiko zu ziehen. Doch was wollte ich denn hinschmeißen? Ich hatte so wenig, es reichte nicht einmal für dieses Drama. 

Es ist Anfang August 2016, ich sitze in einer netten Hotelbar mit dem schönsten Augenpaar auf dem Planeten, ich habe Urlaub, mein Arbeitgeber gibt mir pro Jahr 30 Tage davon. Auch meine Möbel passen nicht mehr in einen Koffer, es bräuchte einen Transporter, denn inzwischen wohne ich sogar. Ich lebe keinen Traum, verträume auf dieser Terrasse allerdings mein Leben, sich denkend, wie schön es noch werden kann. Bis zur 30 sind es noch zehn Monate und bis dahin kann allerhand passieren, hoffentlich nur Gutes.

Während ich eigentlich schon zahlen möchte, spielt mein iPhone „Tender“ von Blur, was mich dazu zwingt einen weiteren Drink zu bestellen, denn das Lied dauert sieben Minuten und möchte überbrückt werden. Ich mag es, denn es erinnert mich ein wenig an „Tender Is The Night“ von  F. Scott Fitzgerald, diesem amerikanischen Autor, der scheiterte, aufstieg wie ein Feuerwerk und dann zerbrach, als seine geliebte Frau Zelda verrückt wurde. Er schrieb auch den Satz: „Eine amerikanische Geschichte kennt keinen zweiten Akt“. Während Blur vor sich hinträllern, überlege ich, ob dies auch für nicht amerikanische Geschichten gilt. Unsere Leben, ein Akt, durchgängig, Fall und Auferstehung und wieder Fall in einem Zug. Zweite Akte sind etwas für französische Komödien und Molière hat diese immer spannungsträchtig ausgenutzt, so sehr, dass kaum jemand in meinem Alter sie noch lustig findet (ich schon, denn sein Humor war sehr subtil und intelligent). Fitzgerald dagegen wird heute als einer der Größten verehrt, nicht weil seine Geschichten so genial waren, sondern weil er selbst eine Geschichte in einem Akt war. Hilary, mein Mitbewohner, muss verstehen, dass ein durchgezogener Akt auch Selbstzerstörung beinhaltet und auf natürlichstem Weg folgt daraufhin die Neuerfindung der eigenen Person. Allein das Wissen darum, dass die Geschichte eines Menschen keinen zweiten Akt beinhaltet motiviert den Protagonisten (also uns selbst) plötzlich mit Menschen um uns herum zu sprechen, die vorher nur eine Statistenrolle hatten. Abwechselnd hoffend, dass uns die Nacht und dann wieder der Tag retten, mit all ihren Eigenheiten und weil München eine Stadt ist, die eigentlich niemals schläft, kann man sich immer wieder neu in ihr verlaufen und Neues finden. 

Langsam mache ich mich auf den Weg nach Hasue, die Strandpromenade entlang. Ich liebe diesen Weg, weil man da oftmals alleine ist. Manchmal singe ich im moderaten Ton bei den Liedern mit, die ich höre. Der Himmel ist schwer von Wolken bedeckt und manch anderer würde jetzt darum beten, dass es nicht regnet, denn ins Trockene ist es noch ein Kilometer. Aber bekanntlich gehört den mutigen die Welt, also lasse ich mich nicht abschrecken. Siri bekommt von mir den Befehl etwas zu spielen, dass zum Wetter passt und wie die Ironie es will höre ich schon an den ersten Tönen, dass hier Birdy gleich „Lost it All“ anstimmen wird. Kurzer Blick gen Himmel, Schulterzucken, ob das Absicht war? Oder Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle, die ich nicht selbst irgendwie schaffe. Und so melancholisch das Lied ist, so weise ist die Empfehlung der 21-jährigen Birdy in der letzten Zeile des Textes:

But you'll never lose

What you'll never found

Das ist ein Satz, der optimistisch in die Zukunft entlässt. Wir können zwar verlieren was wir haben, aber es gibt da draußen immer ein bisschen mehr zu erreichen und dann scheiß auf das Verlorene, denn da vorne, da kommt noch etwas. Es gibt Neues.


But it's alright

If you dance with me tonight

We'll fight the dying of the light and we'll catch the sun

-Noel Gallagher


Mein Vater, der hier Rettungsschwimmer war, der predigte uns immer, wenn es in Seenähe bewölkt und sehr windig ist und der Wind plötzlich verschwindet, dann schaut, dass ihr Land gewinnt, denn bis zum Gewitter dauert es dann nur noch Sekunden. Erstaunlicherweise hatte er damit immer recht, denn der Himmel öffnete seine Schleusen und mein Leinenhemd war ein einziger, nasser Lappen. Aber der Sturm tat gut, obwohl er ein bisschen weh tat. Und das Wichtigste, wenn man sein Gesicht in den Sturm hält ist es, die Augen offen zu halten und zu Hause ankommend sich sofort von dem lästigen Wasser abzutrocknen. Man will schließlich nicht krank werden, von dem unerwarteten Sturm, dem kalten Schauer. 

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