Honigmelone 24.06.2009, 18:14 Uhr 5 6

Das große Gähnen

Heute habe ich: das ARD-Morgenmagazin und Exclusiv geschaut. Dabei wollte ich: Einen Roman verfassen oder eine Bewerbung. Irgendwie ist das immer so.

Klar, es gibt auch Tage, an denen ich um sechs Uhr aus dem Bett springe, mein Schokomüsli mit Kaffee runterspüle und sofort Richtung Straßenbahn renne. Dann hechte ich in den Zug nach München und hetze Job, Uni, E-Mails, SMSen und Verabredungen hinterher, bis mich der Zug wieder nach Augsburg bringt, wo ich entweder völlig überreizt meine Katze anbrülle oder sofort einschlafe.

(Eigentlich sind viele Tage so.)

Es gibt auch die Tage, an denen, an denen ich neben meinem Freund aufwache. Dann machen wir unaufschreibbare Dinge und schlafen später friedlich lächend über „Inspector Barnaby“ ein.

(So sind leider die wenigsten Tage.)

Und dann gibt es noch die Tage, an denen ich frei habe. Also die Tage, an denen ich eigentlich genau das tun kann, was ich tun möchte, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Für diese Tage gibt es Listen. Ich führe sie, wenn ich mich vor Arbeit nicht aussehe, aber die Hoffnung auf das Schöne, Wahre und Gute im Leben nicht ganz aufgeben will.

Meistens schreibe ich irgendwas aktives drauf, Sachen die ich machen will oder zumindest Dinge, die erledigt werden müssen, damit mein Leben künftig ein schönes, wahres, gutes sein kann. Fett wegschwitzen steht zum Beispiel drauf, einen gescheiten Job finden statt vielen kleinen, endlich mal ein größeres, kommerzielles Schreibprojekt durchziehen, mein Zimmer auf Bauhaus umrüsten oder zumindest das ultimative Ordnungssystem entwickeln, das sich quasi selbst aufräumt. Dann natürlich meinen Freund auf angenehme nicht erdrückende Weise überraschen (ein Care-Paket? Eine Ode?), Sozialkontakte aller Art pflegen und endlich mal wieder zum Zahn-/Frauenarzt gehen. Außerdem Frau Mau eine Katzenleiter bauen, mit der sie aus dem Fenster in den Garten klettern kann und Salat und/oder viel Gemüse essen.

Habe ich dann aber tatsächlich frei, ist diese Liste umgehend aus meinem Gedächtnis verschwunden. In meinem Bewusstsein spielen sie und das, was auf ihr draufsteht, dann frühestens am nächsten Morgen wieder eine Rolle.

Dann nämlich, wenn ich mich ärgere, dass ich den Tag für keinen einzigen Listenpunkt genutzt habe. Sondern mir statt dessen bis halb elf diverse Morgenmagazin-Formate zu Gemüte geführt, später mit schlechtem Gewissen zu Almodóvar-Filmen gewechselt und gegen drei Nudeln mit Tütensoße gegessen habe. Um nachmittags dann in der Badewanne alte Galore-Hefte zu lesen, Zehen zu enthaaren und Haribo-Pfirsiche zu verspeisen, bevor ich im Bademantel planlose Telefongespräche geführt habe, die meiner Karriere sowas von überhaupt nicht nutzen und mit Katze auf dem Bauch bei „Hart aber fair“ versumpft bin.

Am nächsten morgen schreibe ich dann „KONSEQUENT SEIN, DU SPACK!!!!“ auf die Liste und füge im Lauf der Woche noch zwei bis drei inspirative Tätigkeiten hinzu. Ich bin guten Mutes.

Dann kommt der freie Tag.

Und es ist wie immer.

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    • 0

      @oceaneyes : )

      (Ich bin ja speziell gespannt auf den Bestseller, den Miezi dann produziert ...)

      27.06.2009, 11:20 von Honigmelone
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      @Honigmelone Miezi? Ist das nicht ein japanischer Autorenname? Frühes 19. Jahrundert?

      29.06.2009, 09:10 von quatzat
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    Mir gefällt der Text sprachlich, solide Syntax anständiger Aufbau, belangloser Inhalt aber wenigstens von einer intelligenten Person verfasst und darum habe ich den Text zu Ende gelesen. Könntest du vielleicht mal was subversives schreiben, ich würds dann wieder lesen.

    25.06.2009, 13:10 von rolfradolfski
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      @rolfradolfski Was meinst du mit "subversiv"? Gesellschaftskritisches oder Texte, in denen Katzen gequält werden?

      25.06.2009, 13:16 von Honigmelone
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      @Honigmelone nee nicht schon wieder katzen. Vielleicht mal was nicht so bequemes und damit meine ich nicht dass es gesellschaftskritisch sein muss aber vielleicht schreibst du mal was, was nicht in der Brigitte veröffentlicht werden könnte

      26.06.2009, 13:54 von rolfradolfski
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    Wenn Du frei hast, warum willst Du Dir in deiner Freizeit Arbeit machen ? Freizeit = KEIN Zwang produktiv und Leistungsfähig zu sein, KEINE Verpflichtungen zu haben, NICHTS tun zu müssen. Wo bleibt denn sonst die Zeit für sich selbst, mal nichts zu tun außer zu entspannen ? Oder maximal das zu tun wozu man Lust hat, Spaß dran hat, Dinge tun, die man auch wirklich tun mag, und nicht tun müsste ? Gut, Haushalt und andere Verpflichtungen des täglichen Lebens müssen erledigt werden, aber wenn das erledigt ist, dann sollte man sich wirklich mal Freizeit nehmen und sie genießen.
    Nicht das Nichtabarbeiten der Liste (klar, man könnte und müsste mal dieses oder jenes tun, wer kennt das nicht) ist das Problem, sondern die Einstellung zur Freizeit. Jedenfalls aus meiner Sicht.

    25.06.2009, 09:35 von Cyro
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      @Cyro Hm, es gibt ja irgendwo doch noch nen Unterschied zwischen vollverplanter Freizeit und totaler Strukturlosigkeit. Das sollte am ehesten das Ziel sein ...

      25.06.2009, 13:13 von Honigmelone
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      @MisterGambit ...dann doch lieber ein so gut geschriebener Tagebucheintrag, als so manch verquer geschriebener Firlefanz, sag ich mal! ^^

      Ich hab mich köstlich amüsiert, auch weil die Gute hervorragend zu schreiben weiß!

      25.06.2009, 07:59 von Kiyan
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