Friederike_Knuepling 17.06.2004, 14:27 Uhr 0 1

Das erste Mal: sich eine Wohnung einrichten

Ein schlimmes Gefühl: zu erkennen, dass der Kauf von Möbeln die Leichtlebigkeit beschweren kann

Und wo ich schon mal dabei bin: Aus dem Arbeitszimmer muss ein Wohnzimmer werden. Wann, wenn nicht jetzt? Meine Mitbewohnerin zieht aus, und mit ihr die heile, schöne Welt, die sie besitzt: Ein Laster Möbel und 40 Umzugskartons voll nützlicher und zum Weinen schöner Dinge, die sie gerade aus der Wohnung gezerrt hat, bildeten bisher das feste Netz, über dem sich mein Alltag abspielte. Doch plötzlich halte ich die Fäden in der Hand, denn die Wohnung ist leer und wandelbar wie eine embryonale Stammzelle: »Hier solltest du ein LKW-großes Sofa hinstellen!«, ruft meine Freundin Klara, die aufgeregt durch die Küche springt, »und dort einen künstlichen Strand aufschütten!«. Klar, wenn Wohnungen Launenfabriken sind, sollen hier hochgelegte Füße produziert werden.

Trotzdem runzle ich die Stirn. Bisher habe ich das meiste Käufliche, das nicht in meinen Magen oder über meinen Kopf passte, im Laden gelassen, damit es meine Leichtlebigkeit nicht beschwert. Hätte ja passieren können, dass ich eines Morgens feststelle, dass ich mich um einen Regierungsposten in Fiji bewerben will. In dem Fall wäre mein bisschen bisheriger Besitz in 15 Minuten mit einem Feuerzeug in einen Einmal-Würstchengrill umwandelbar gewesen. In naher Zukunft jedoch wird zwischen mir und den Fiji-Inseln mindestens meine erste Waschmaschine und anderer gewichtiger Hausrat stehen. »Aber Klara, was wird jetzt mit dem Heute-hier-morgen-dort?«, unterbreche ich ihre innenarchitektonische Kaleidoskopie. »Na, ein Heute-hier-morgen-auch«, zuckt sie die Schultern. »Also das, was es in den letzten beiden Jahren auch war. Und bis sich das wieder ändert«, sagt sie und bohrt mir ihren Zeigefinger in die Schulter, »wär es schade, in einer Schublade zu schlafen, bloß weil du zu feige bist, ein Bett zu kaufen. Meine Eltern haben übrigens einen Riesenfernseher übrig.« Riesenfernseher, Zeigefingerbohren und überzeugende Argumente haben mich schon immer versöhnt, und weil es dunkel wird, gehen wir zum Thailänder gegenüber. Lampen brauche ich schon mal sicher.

Am nächsten Tag fahre ich mit meinem Bruder in ein großes Möbelhaus, wo mir der Schauder über den Rücken läuft, ich könnte bald versehentlich ein supercleanes Leben in einem supercleanen Fertigzimmerklon führen, wenn ich hier mehr als einen Gegenstand kaufe. Wir nehmen dann ein Bücherregal und dreimal die Hackbällchen. In einer Zeitungsanzeige biete ich fremden Menschen an, ihnen »schlichte Möbel« abzunehmen. Im Keller des Dritten, der mir ein paar Klafter Holz in Jägertischform andrehen will, wird mir jedoch klar, dass es sich lohnt, auf den richtigen Küchentisch zu warten: Bevor ich jeden Morgen in einen abartig idiotischen Tisch laufe, kann ich ruhig noch drei Wochen im Stehen essen und einen guten Gebrauchtmöbelhändler suchen. Natürlich ziehen sich diese drei Wochen länger als 21 Tage. Gemäß der Einzugsregel: Jede Lampe, die du nicht in der ersten Woche anschließt, bleibt ein halbes Jahr im Baumarkt. Das gilt auch für Klobürsten und Kleiderhaken, weshalb man die als Erstes besorgen sollte. Ein paar Tage tapst man noch orientierungslos umher, dann gewöhnen sich die Augen an das Halbfertige wie ans Mondlicht. Von draußen beginnt der Alltag wieder, seine Fäden mit leisem Zippzipp zu ziehen. In der Launenfabrik läuft die Fabrikation an. In Produktion: zurückgelehntes Chaos.


Tags: Erste Wohnung
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