Friederike_Knuepling 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Das erste Mal: einfach mal Klappe halten

Zum letzten Mal das erste Mal: Unsere Kolumnistin merkt, dass in einer Welt voll Schwafler und Blender nur hilft, nicht alles noch schlimmer machen.

Mein erstes Semester fiel in diesen alles verschlingenden Sommer, als vormittags aufstehen eine Zumutung war und meine Referatsgruppe sich auf den Plan einigte: so tun als ob. So tun als ob gilt ja vielen als Kulturtechnik, die Lesen, Schreiben, Rechnen komplettiert oder sogar überflüssig macht. Es hat diesen leicht perversen Kitzel, sich vorzustellen, die Gerüchte stimmten und man bräuchte wirklich nicht mehr als ein bossiges Auftreten und ein paar melodische Phrasen, um jede Talkrunde zu blenden, jeden Job zu bekommen, jede Bundestagswahl zu gewinnen.

So kam es, dass ich im Einführungsseminar mit der Entschiedenheit eines Schulgongs Thesen deklamierte, die die Referatgruppe vor irgendeiner Party aus dem Internet zusammengeklaut hatte. Und tatsächlich, niemand sprang auf und rief: »Still, Sie Ferkel!« Wir fanden uns ziemlich schlau und den Professor, der uns dafür einen Schein geben würde, ziemlich doof.

In Wirklichkeit war er wohl nur demoralisiert. Von all den geschummelten Erstsemestervorträgen, auf die hauptsächlich die Blender selbst reinfallen, während die Zuhörer sich vom Sommer den Hirnschmalz in die Ohren schmelzen lassen. Oder er war erschrocken. Wie ich, als ich neulich das Hand-out des Referats wiederfand und darauf die absurde Version der jüngsten Historie von »Benegal« dokumentiert fand, einem Land, das aus nicht mehr als einem Buchstabierfehler freibadbesoffener Erstsemester entstanden war, aus dem Zusammenschmiss von »Senegal« und »Bengalen«, der Region, in der das heutige Bangladesch liegt. Ja, verdammt: Ich habe versehentlich ein Referat gehalten über ein Land, das es nicht gibt! Ich nehme diese Geschichte als Anstoß, den alten und doch wahrhaft guten Ratschlag »Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten« nicht immer nur auf andere, sondern ab und zu auch auf mich zu beziehen.

Ansonsten plädiere ich dafür: Man beachte, dass es mein erstes Referat war. Wer etwas zum ersten Mal macht, dem ist fast alles zu entschuldigen. Das weiß ich aus knapp dreijähriger Erfahrung mit dieser Kolumne und den Erlebnissen von der Lebenseinarbeitungsfront, die darin vorkamen: erste Geldanlagen also, erste Chefs – diese Sorte von Überraschungen. Die Hauptaufgabe beim ersten Mal besteht darin, das Ereignis zu verkraften, nicht darin, es zu gestalten. Du kannst eine Metzgerlehre anfangen und am ersten Tag einen Pullover anstelle eines Rindviehs schlachten. Der Metzger wird es dir verzeihen, er wird dich nicht behandeln, wie er Rindviecher normalerweise behandelt. Schließlich bist du neu, ein Lebensanfänger, und Anfänger bleiben entgegen dem Sprichwort meist unblutig. Echte Arbeitsergebnisse werden frühestens ab dem zweiten Mal verlangt. Was ich neuerdings nicht mehr als Zumutung empfinde. Selbst Frühaufstehen geht. Siezen sowieso. Deswegen werde ich das Gefühl nicht los, dass dies die letzte »Das erste Mal …«-Folge ist. Ich will jetzt dies und das zum zweiten, achten, hundertsten Mal machen und dabei ein alter Hase werden. Keine Sorge, das ist kein neues Kolumnenkonzept. Sondern eins fürs Leben, für Menschen, die langsam auf die dreißig, vierzig, siebzig zugehen. Also alle. Ihr sagt, ihr gehört nicht zu denen? Ihr habt ja keine Ahnung!

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