derHalbstarke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 17

Das besondere Angebot

Besorgt. Und abgehakt.

Es ist schon eine ganze Weile her und vor einigen Tagen hatte Ivy ihn im Supermarkt völlig unerwartet wiedergesehen, wühlte in der Kühltheke als seine Hand die ihre wie zufällig berührte. Irritiert schaute sie auf und blickte in ein Gesicht, das sie nicht vergessen hatte, nicht diese Augen, nicht diesen Mann auch wenn es lange her ist, aber es gibt halt Dinge oder Begegnungen im Leben, die vergisst man nicht und er gehört dazu. Die Erinnerungen an ihn sind irgendwie in ihr nachhaltig haften geblieben, Erinnerungen, die man wohl unter Erfahrungen verbucht.

Es wird so vor 5 oder 6 Jahren gewesen sein. Ivy war zu der Zeit Single, vergnügungssüchtig und irgendwie auf der Suche nach jemandem, mit dem sie ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben konnte und mit dem aus einem One-Night-Stand vielleicht sogar mehr, etwas Dauerhaftes werden könnte. Wie es eben so ist, wenn man sich nach Nähe und Zweisamkeit sehnt und wenn es sich halt ergibt. Nein, sie gehörte nicht zu dem Typ Frauen, die es drauf anlegten jemanden kennen zu lernen, um einen Mann in den zweifelhaften Hafen einer gezwungenen Beziehung zu locken. Abgesehen davon, dass genau so etwas in die Hose geht und nie gelingt, ging es Ivy in erster Linie um den Spaß, alles Weitere würde sich ergeben oder auch nicht. Sie hatte ihr Amüsement in dieser Zeit, hatte so manchen netten Typen kennen gelernt, sich vergnügt, wie es auch durchaus einer allein stehenden Frau zusteht, ohne gleich nuttig zu wirken, geschweige denn, zu sein. Ivy war es immer schon suspekt gewesen, wie abwertend Männer eine Frau beurteilen konnten, die für sich die gleichen Rechte beanspruchte, wie ein Mann. Auch in sexueller Hinsicht.

Er ist ihr sehr schnell unangenehm aufgefallen.

Unangenehm deshalb, weil er Ivy ständig anstarrte. Egal, in welcher Kneipe, egal in welcher Disco, sie fühlte sich von ihm beobachtet, penetrant fixiert und hoffte, dass er sie nicht ansprechen würde. Ivy fand ihn ätzend: zu dünn und zu schlaksig, irgendwie strange und überhaupt nicht ihr Fall. Sie mochte es lieber kompakter, maskuliner. Nein, der Typ war absolut nicht ihr Fall und doch – und obwohl sie nicht mal bis heute weiß, weshalb, reizte er sie plötzlich. Sehr sogar. Waren es die knallblauen Augen, sein markantes Gesicht oder am Ende doch nur ihr Verlangen nach sexueller Nähe, die an diesem Abend keine Ruhe geben wollte? Eh sich Ivy versah, saß sie in seiner Wohnung, trank irgendein Zeugs und unterhielt sich angeregt mit ihm über seine Arbeit als Architekt, bewunderte seine Stimme und die Art, wie er erzählte und konnte es kaum abwarten, mit ihm das zu teilen, was er bereit war, mit ihr zu teilen. Es war eine der besten Fickgeschichten, die Ivy bis dahin erlebt hatte, und sie hörte erst auf, als die Sonne schon viel zu grell durch das Fenster schien. Der Kerl war nicht nur interessant, er wusste auch genau, wie er ihr Verlangen befriedigen konnte. Völlig übermüdet, aber mehr als befriedigt tranken sie beide noch einen Kaffee zusammen und verabschiedeten sich mit der Zusicherung, diese Nacht bald zu wiederholen.

Ivy hatte nichts mehr von ihm gehört.

Ohne es zu wollen, ließ sie dieser Mann nicht mehr los, er, der so gar nicht ihr Typ war und sie zuvor ewig genervt hatte. Tagelang wartete und hoffte Ivy auf seinen Anruf, tagelang wünschte sie eine Wiederholung dieser Nacht. Vergebens. Sie war verwirrt. Etwa verliebt? Oder war es doch nur das Erlebnis einer besonders befriedigenden Nacht? Einige Wochen später sah sie ihn wieder, er starrte wie immer, nur dieses Mal war nicht Ivy das Objekt. Irgendwann ging sie auf ihn zu, versuchte völlig belanglos zu sein und stammelte etwas von „…wie nett dich wiederzusehen, wie geht’s und komm, lass uns zu dir gehen, war doch letztens schön, oder?!“ Er grinste Ivy an, versicherte, dass es das war und sie ihn doch jetzt bitteschön in Ruhe lassen solle, denn er wäre beschäftigt und schließlich war es nur eine Nacht zu Zweit, nicht mehr und nicht weniger.

Nicht mehr und nicht weniger.

Ivy kam sich billig und schmutzig vor und hätte ihm in diesem peinlichen Moment zu gerne eine geknallt. Aber nein, er hatte ja Recht, es war nur Sex und sie die Blöde, die mehr darin gesehen hatte. Gequält lächelnd wünschte sie ihm viel Erfolg und überließ ihn seiner „Beschäftigung“. Ja, es war ne gute Nummer, nicht mehr und nicht weniger und hatte für ihn keine weitere Bedeutung. War Ivy etwa selbst nicht besser, als dieser Kerl mit dem Talent zum Bumsen und hatte es mal ordentlich gezeigt bekommen, gezeigt bekommen, dass es in dieser „sexuell“ von Männern regierten Welt nur so und nicht anders zugeht? In der Frauen gerne das Objekt, aber nicht die ebenso frei Agierenden sein können und dürfen, ohne diesen billigen Beigeschmack? Ohne ebenso das Recht auf einen One-Night-Stand zu haben, es sei denn, das Begehren dazu geht von „ihm“ aus? Ist es als Single-Frau wirklich so verwerflich, zu leben wie man mag, auch sexuell frei, wenn einem danach ist? Es hatte seine Zeit gedauert bis Ivy begriff, dass das einfach nur das Leben ist, dass er einfach nur eine unschöne, aber all zu menschliche Erfahrung ist, wie sie jedem, jeder anderen auch passieren kann, Männern ebenso wie Frauen.

Er grinste sie frech an und Ivy hatte längst bemerkt, dass er sie nicht erkannte und wieder genauso guckte, wie damals, als die Sonne eine Spur zu hell durch sein Fenster schien. Sein „…was machst du so und hättest du nicht Lust?“ registrierte sie mit einem gespielten Erstaunen und antwortete, dass sie leider gerade sehr beschäftigt sei. Mit lüsternem Aufblitzen in seinen Augen schaute er sie an, offenbar sicher, dass Ivy scherzte und es kaum erwarten konnte, auf sein Angebot einzugehen und wiederholte mit charmantem Unterton seine Frage. Sie zupfte ihren Einkaufszettel hervor, fuhr gespielt ernsthaft mit dem Finger übers Papier und teilte ihm abschließend mit einem ironischfreundlichen Lächeln mit, dass bereits alles auf der Liste besorgt und abgehakt sei.

Auch die Sonderangebote.

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10 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Doch, er liest sich gut, ich finde ihn etwas zu moralisierend, Ivy kommt besser weg als der Typ,  was mir etwas zu kalkuliert ist, aber dennoch erzeugt der Text ein interessantes Kopfkino.

    21.11.2012, 21:24 von EliasRafael
    • 1

      Danke für die konstruktive Kritik, freut mich! ^^

      21.11.2012, 22:03 von derHalbstarke
    • 2

      Find's auch auf jeden Fall gut geschrieben, dass Ivy "besser weg kommt" als der Typ, empfand ich jetzt aber nicht als extrem und.. verständlich durch die auf sie fixierte Erzählperspektive. Was ich aber dennoch nicht ganz verstanden habe, war der kurze "Frauen-dürfen-sich-auch-ausleben-Moralteil, passte für mich irgendwie nicht ganz in den Kontext, denn darum ging es ihr letztendlich ja wohl doch nicht so ganz..? Vielleicht hab' ich's aber auch falsch verstanden..^^

      21.11.2012, 22:23 von Juliie
    • 1

      Ich denke, das ist auch genau das was Elias meint - da ist meine ganz persönliche Meinung dazu zu sehr durchgerattert, was der Story wohl nicht so gut tut.

      Ich finde es nämlich gelinde gesagt zum Kotzen, wenn Männer gerne abwertend und belächelnd meinen, dass Frauen Nutten sind, wenn sie sich den gleichen Spaß gönnen wie sie, und sich nehmen wonach ihnen ist. Wenn Männer rumficken ist es "normal", wenn Frauen das tun, können das ja nur billige Dinger sein. Nuja, so in Etwa. ^^


      21.11.2012, 22:37 von derHalbstarke
    • 1

      Find' ich jut. :)

      Das spiegelt der Text ja auch sowieso wider und im Endeffekt dann doch wieder nicht, bzw. gerade dieses Dilemma fand ich spannend, mal was abderes, weshalb ich den "Moraleinschub" eben an der Stelle als etwas ungünstig gesetzt empfand. Ist aber im Endeffekt nur eine persönlich empfundene Kleinigkeit...

      21.11.2012, 22:46 von Juliie
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  • 0

    Interessanter Text, gut geschrieben und eine Schmunzelierung mit dem letzten Satz... =)

    21.11.2012, 13:36 von DerWesir
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  • 0

    Verwirrend, dass der Autor ein Mann ist. Aber die Geschichte ist gut.

    21.11.2012, 09:52 von LupinaThirteen
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  • 1

    Deine Texte zu den unterschiedlichsten Themen beeindrucken mich immer wieder.

    21.11.2012, 09:43 von Cyro
    • 0

      ...wow, danke. ^^

      21.11.2012, 22:04 von derHalbstarke
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  • 0

    Sehr realistisch - sehr gut.

    21.11.2012, 01:34 von lauraausbonn
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