Beschleunige dein Leben und damit dann auch deinen Herzinfarkt!
Was ich im Stau gelernt und während einer Deutschklausur niedergeschrieben habe.
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.
Ich sitze im Auto und trommle auf dem Lenkrad. Stau. An meinem wichtigsten Tag im neuen Berufsleben. Aha, Frau Soundso kommt also am ersten Tag zu spät. Gute Voraussetzungen. Und wieso?Ach, das ist einfach. Ich komme zu spät, weil ein Ferrari einem Porsche aufgefahren ist. Wer ist schneller? Wer kommt zuerst am Ziel an? Keiner, denn beide stehen zerkratzt und verdellt auf der Straße, regungslos und nutzlos. Wer leidet darunter? Die, die zu langsam waren, um die zwei zu überholen. Irgendwie ironisch, nicht wahr? Dieses Szenario lässt sich so leicht auf die Gesellschaft übertragen.Nein, nicht unbedingt der Stau. Der Grund für den Stau. Das Leben in hoher Geschwindigkeit. Beschleunige dein Leben!
Mir knurrt der Magen. Rechts von mir ist ein Schild von McDonald’s. Dort gibt es jetzt auch Frühstück. Sehr praktisch. Sehr schnell, vor allem. Ich komme ja kaum zum Atmen, bei all der Arbeit, die ich habe. Wie soll ich da auch noch kochen?Aber das ist im Großen und Ganzen kein Problem. Kochen muss man nicht mehr. Es gibt ja zum Glück Fast-Food-Restaurants. Vorbeifahren, bestellen, essen.Und wer nicht fahren will, um sich etwas zu kaufen, der öffnet die Mikrowelle, stellt sein abgepacktes Fertiggericht hinein und wartet einige Augenblicke. Nicht ganz so schmackhaft, aber wenigstens schnell. Die Hausarbeit macht sich schließlich nicht von alleine, die Arbeitsvorbereitung auch nicht. Und dazwischen will man sogar noch Freizeit, die man lieber nicht mit Belanglosigkeiten wie Kochen vergeuden sollte. Carpe diem! Nutze den Tag! Mach was Konstruktives! Um 14 Uhr ist Feierabend, um 15 Uhr wird sich mit der Freundin getroffen. Da ist keine Zeit fürs Essen im großen Stil.
Es geht ein Stück vorwärts im Stau. Ich rücke auf und schaue auf mein Brot neben mir. Vor ein paar Wochen hat mir das noch mein Freund mit der Brotschneidemaschine und viel Liebe zubereitet. Heute habe ich das gemacht- und das sieht man auch. Viel zu dicke Scheiben, denn die Brotschneidemaschine ist nicht mehr. Sie ist mit dem Freund verschwunden. Dem ging alles viel zu schnell. „Du willst zu viel. Wir sind doch noch so jung! Wir haben noch so viel Zeit! Wieso jetzt schon zusammenziehen?“, hatte er gerufen, sich die Maschine unter den Arm geklemmt und war gegangen.Wie der Zufall es wollte, war in diesem Moment eine Werbung für Speeddating gelaufen.Aha. Man geht da also hin, trifft Menschen- vorzugsweise treffe ich dort Männer-, die wollen, was man selbst will- eine neue Beziehung- und unterhält sich ein wenig mit ihnen. Wenige Minuten reichen aus, um die Fronten zu klären und auf einen Zettel zu schreiben, was man über den Anderen denkt. Dann kommt der Nächste. So wird dann wohl auch die Beziehung aussehen. Rasch kennengelernt, zügig verliebt, schnell alles erlebt, was es so zu erleben gibt und dann eilig wieder entliebt. Mit 30 will man schließlich verheiratet sein, sesshaft werden, eine schöne Zukunft aufbauen. Bis dahin will man so viel mitgenommen haben wie möglich. Denn das ist es ja gerade. Wir wollen so viel und sterben so jung. Um zu fühlen, sehen, schmecken, riechen, machen, was wir möchten, müssten wir hunderte von Jahren alt werden. Das werden wir nicht. Deshalb haben wir es so eilig damit, alles im Schnelldurchlauf abzuarbeiten.
„Ich will am Ende nicht sagen, dass ich was verpasst habe“, sagte eine Freundin von mir neulich im Stammcafé, schrieb ihrem Neuen eine SMS und lächelte dem anderen Neuen, der sich durch die Reihen zu uns durch kämpfte, zu. „Deswegen nehm’ ich lieber zu viel mit als zu wenig“, fügte sie grinsend hinzu.Aber das wäre nichts für mich. Ich bin ein Mensch, keine Rennmaus, die vn links nach rechts spurtet, um ja nichts zu verpassen.
In der Autoschlange tut sich etwas. Ich kann noch ein Stückchen weiter fahren. Sie scheinen es langsam auf die Reihe zu bekommen, da vorne. „Ist das wirklich das Liebesaus? Trennt sich das wohl schönste Paar Hollywoods?“Der Radiosprecher klingt entsetzt. Ich klinge nicht nur so, ich bin auch entsetzt. Die armen Promis. Sie haben es nicht leicht. Kaum zanken sie, landet ein Bild davon im Internet. Schaulustige tummeln sich vor den Bildschirmen und begaffen das Elend. Aber das macht den Medien nichts. Was interessiert sie der Reissack, der in China umgefallen ist und die Familie, die jetzt hungert? Es zählt nur, dass er umgefallen ist und dass darüber berichtet werden kann. Das wollen die Menschen. Zeitnah alles erfahren. Und der Sender, der als letzter berichtet, der ist langweilig. Das, was da läuft, kennt man ja alles schon. Hier geht es zu wie im Tierreich. Der Geier, der den Kadaver als Letzter entdeckt, der nagt nur am Gerippe.
Gerade tut sich nichts. Stillstand. Vielleicht komme ich heute ja gar nicht mehr im Büro an. Dann werde ich gleich am ersten Tag entlassen. Andere sind wenigstens pünktlich und liefern ab, während ich im Stau stehe. Es wird stickig im Auto. Langsam kribbelt alles in und an mir. Ich halte diesen Geschwindigkeitsentzug nicht aus. Es macht mich verrückt. Mit dem Stillstand komme ich nicht klar. Der Gegenverkehr rast seinem Ziel entgegen, problemlos und staufrei. Ich muss hier sitzen. Bin das genaue Gegenteil von Geschwindigkeit- Stillstand. Das liegt mir nicht. Das liegt niemandem.
Stillstand.
Stillstand.
Stillstand.
Dann, endlich, geht es weiter. Nicht viel, nicht schnell, aber besser als gar nicht. Das Kribbeln legt sich. „Jetzt macht doch endlich mal schneller“, ruft ein Autofahrer hinter mir niemand Bestimmtem zu. Er wedelt mit der Faust und ich beobachte ihn im Rückspiegel. Auf seiner Glatze bilden sich rote Stressflecken. Muss wohl auch zur Arbeit. Vielleicht, um ein Projekt abzugeben oder einen Vorschlag zu bringen, ehe es ein Anderer macht.Das ging letzte Woche einer Freundin von mir so; eben jener mit zwei Lovern gleichzeitig.Klaus, ihr Mitarbeiter, hatte nur fünf Minuten eher genau denselben Vorschlag gemacht wie sie. Nicht ganz so gut ausgetüftelt wie bei ihr, aber eben schneller. Sein Gehalt stieg. Enorm. Ihres blieb gleich. Leider. Mit diesem Problem ging sie zum Psychologen. Wie sollte sie das nur verkraften? Wie sollte sie nur schneller sein als alle anderen Menschen auf dieser Welt? Und wenn sie das nicht schaffte, wie sollte sie damit klarkommen?Darüber dachte ich nach, nachdem sie mir per Telefon von ihren Problemen erzählt hatte.Mit diesem Non-Stop-und-am-besten-so-viel-wie-möglich-Leben, dem sich der Mensch ausliefert, setzt er sich nämlich etwas aus: Stress und Druck. Ich will so viel und so schnell, aber ich kann nicht! Aber ich kann nicht nicht können, die Anderen können doch auch!Das ist mal Leistungsdruck auf ganz hohem Niveau, gefolgt von Burnout auf ebenso hohem Niveau.
Wie bei meiner Freundin hilft da oft der Psychologe. Er erklärt einem höflich und immer nett lächelnd, man solle doch mal den Fuß vom Gaspedal nehmen, das Leben ruhig angehen lassen. So lange man das Ziel erreiche, sei die Geschwindigkeit, in der man das schafft, egal. Hat auch eine weitere Freundin von mir- von denen habe ich viele- zu mir gesagt.
„Gut Ding will … dings… ähm, das dauert halt’n bisschen!“ … Ihre Variante des Sprichworts: „Gut Ding will Weile haben“.
Weiterhin sagt einem Herr Dr. von und zu Psychologe, man solle sich öfter mal ruhige Abende machen. Mit Freunden kochen, mit dem Partner entspannen, sich Zeit für denn wohl langweiligsten Film seit Menschengedenken („Der seltsame Fall des Benjamin Button“) nehmen. Ausspannen. Den Zeitraffer da draußen vergessen. Klingt gut. Eigentlich.Der Mensch, so zerfressen und gequetscht von Stress und Druck, lädt seine Gefühle und seinen Ballast beim bezahlten Zuhörer ab und nimmt seine Ratschläge gerne an. Er hat studiert, er muss es wissen. Leider ist auch diese Angelegenheit rasch abzuarbeiten. Schnell, schnell. Lad all deine Sorgen ab, aber dalli, denn die Therapiestunde ist teuer! Zeit ist Geld und wird beim Seelenklempner gestoppt. Außerdem will er ja auch noch was von seinem Leben. Ein bisschen was mitnehmen, bevor seine Zeit um ist.
„Ich muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir“, singt Tim Bendzko aus dem Radio heraus. Scheint auch viel zu viel in viel zu wenig Zeit zu tun zu haben.Der Stau löst sich langsam auf. Wir alle ziehen im Gänsemarsch am Ort des Geschehens vorbei. Der Porsche und der Ferrari liegen in einer intimen Umarmung verschlungen auf der rechten Fahrspur. Die Fahrer sind davon wenig begeistert. Die Haare sind durcheinander, die Gesichter hochrot. Die zwei armen Kerle. Sie wollten doch die Schnellsten sein und jetzt überhole selbst ich sie.Beide schauen mich an. Sie haben wohl meine Blicke bemerkt.Ich winke und lächle ein wenig schadenfroh. Ich drücke aufs Gas.Selbst der Langsamste kommt an sein Ziel. Selbst heute, in der Schnelllebigkeitsphase zahlt sich Geduld und Beständigkeit aus.
Zum Glück bin ich heute früher losgefahren. Vielleicht komme ich sogar noch pünktlich.






Kommentare