Bergen und nicht retten
Nachts um eins gehen die Sirenen. Sonst müssen umgefallene Bäume von der Straße entfernt oder Wasser abgepumpt werden. Diesmal ist es keine Lappalie, wie es aussieht.
Es ist nachts um ein Uhr vor ein paar Jahren, die Sirene läuft. Umziehen und ab zum Feuerwehrhaus. Unfall oder so auf einer nahen Strecke am Waldrand, keine abgebrochenen Äste, umgefallenen Bäume oder Hochwasser wie sonst meistens. Wir kommen an und zum Glück sind schon andere vor uns da. Niemand will hier wirklich der erste sein, aber einer muss es. Das Auto liegt im Straßengraben, am Baum, wie schon befürchtet werden konnte, makabre innere Erleichterung, kein heimisches Kennzeichen, bloß niemand dort sehen, den man persönlich kennt.
Die älteren erfahrenen Leute organisieren sehr nüchtern. Jeder bekommt seine Aufgabe, während man sieht, wie einige wenige sich in das Autoinnere beugen und dort stehen, wo eben niemand sein will. Die größere Feuerwehr aus der Nachbarstadt, im Schlepptau der Rettungswagen, rückt nun an mit schwererem Gerät. Die Spreizer und Scheren kommen wohl zum Einsatz, während wir bewaffnet mit Lampen und einigen wenigen Wärmesuchgeräten routinemäßig nach einem eventuellen weiteren Autoinsassen die Umgebung absuchen.
Niemand weiteres ist zu finden, alle kehren langsam wieder zurück zu den Einsatzfahrzeugen, erste Vermutungen werden geäußert über Reifenspuren und Unfallhergang, während die Leute der ersten Reihe immer noch versuchen, den Fahrer aus dem Unfallwagen zu holen, die Rettungssanitäter Hand in Hand mit den Feuerwehrleuten. Wir restlichen bleiben in respektvollem Abstand. Wir beobachten das Geschehen am Unfallort und die kontrollierten eingeübten Aktionen der Rettungsmannschaften. Auch die Polizei trifft ein und beobachtet und spricht mit Verantwortlichen. Die Bewegungen werden ruhiger die Rettungsleute wenden sich von dem Auto und seinem Insassen ab. Bergen und nicht retten! Die Scheren und Spreizer müssen nun erstmal den Weg zur Person völlig frei machen. Nach einiger Zeit wird der tote Insasse geborgen und mitten auf der Straße nahe des Unfallorts in den orangenen Leichensack gepackt, ein noch junger Mann wie zu erkennen war. Wir Umstehenden verbleiben in distanzierter Betroffenheit, warten auf weitere Befehle und beobachten die Vorgänge am Unfallort. Die Polizisten beginnen mit der Vermessung des Unfallortes und sichten die Reifenspuren und dergleichen. Der Tote liegt alleingelassen immer noch mitten auf der Straße, die Rettungssanitäter im Gespräch und man hört sogar nach kurzer Zeit auch ein Lachen. Ich denke erst, dass das doch etwas herb ist, aber weitergedacht merke ich, dass diese Leute diesen Anblick wohl schon zu oft erlebt haben, um jedes Mal persönlich betroffen zu sein und diese fremden Lebensgeschichten an sich ranzulassen. Sonst wäre dieser Job auch für die meisten nicht machbar.
Der Tote, welcher von Beginn an der Mittelpunkt der Aktionen war, liegt nun eher wie nebenbei auf der Straße, während das Unfallauto aus dem Graben gezogen wird. Der Leichenwagen trifft ein und nimmt das Unfallopfer in sich auf, der Abschleppwagen folgt bald darauf und nimmt seinerseits das Auto auf, der Einsatztrupp der städtischen Feuerwehr und die Rettungssanitäter sind schon davor wieder abgerückt. Wir bleiben zurück verharren und warten bis wir die letzten Aufräumarbeiten ausführen können, um den Unfallort wieder freigeben zu können für den Verkehr. Wir kommen zurück ins Feuerwehrhaus, sitzen noch zusammen, trinken ein Bier und reden über das Geschehene, alle sind froh, dass wir eine kleine Feuerwehr in einem kleinen Ort mit wenig Einsätzen sind. Und vor allem abgelegen von vielbefahrenen Strecken. Wir besitzen keine Scheren und Spreizer und müssen nicht wie unsere Kollegen bei solchen Unfällen immer wieder Dienst in der ersten Reihe tun. Das Reden tut sichtlich allen gut, keiner will gleich heimgehen und mit den Gedanken und dem Gesehenem allein sein. Nach einiger Zeit endet der Abend und alle gehen wieder nach Hause.
Dieser Vorfall liegt nun schon einige Jahre zurück und doch ist mir dieses Bild immer wieder präsent, die kontrollierte Hektik und Konzentriertheit am Auto und dann, wie der Tote alleingelassen auf der Straße liegt und die Leute in Routinen verfallen und sich schon wieder auf das nächste konzentrieren und abschalten. Ich habe viel Respekt vor diesen Leuten, die dort sein müssen, wo eigentlich keiner sein will und das sehen, was keiner sehen will, was aber getan werden muss. Ich bin froh, nicht dort sein zu müssen. Und nicht sehen zu müssen.





Kommentare
schön geschrieben, sicher nicht leicht sowas zu erleben
11.07.2009, 19:48 von smartanjaIch habe wirklich Respekt vor Feuerwehrmännern und Rettungskräften!Mein Freund ist auch in der FF!
28.12.2008, 11:19 von AndyRandyIch glaub wenn vielleicht mal nen blöder Spruch kommt oder jemand lacht,ist es oft ein Selbstschutz! Da kann man schlecht von mitreden,wenn man selber noch nicht in der Situation war!!! Ich könnt das nicht!!!!Aber ich bin froh,das es solche Menschen gibt!!!!
@[Benutzer gelöscht] ich hatte bisher das glück noch nie in der ersten reihe sein zu müssen. so war ich doch fast eher ein stiller beobachter aus gewisser entfernung. gefangen zwischen neugierde und dem wissen, dass ich das lieber nicht sehen will. aber eben auch wenn man nicht an der einsatzfront war, so arbeitet sowas trotzdem in einem, und dass man da noch zusammengesessen war und geredet hatte, man merkte wie das sichtlich allen wichtig war nicht heim zu müssen und allein mit dem erlebten zu bleiben.
19.11.2007, 11:09 von seelenfreundToller text, grausame realität die mich auch berifft als Feuerwehrmann
28.06.2007, 09:05 von Murdoctoller text, das gehört auch mal angesprochen, kleine feuerwehren haben ja oft im ländlichen bereich eher den ruf, dass sie lieber dem alkohol frönen als sonst was. mein freund ist ebenfalls bei der ff u. musste leider schon öfter "nahe dran". respekt all denen, die sowas machen u. noch dazu freiwillig, ehrenamtlich u. zu jeder tages - und nachtzeit.
21.05.2007, 11:17 von CannondaleEinen großes Respekt an alle Leute, die so etwas anüben.
20.05.2007, 00:50 von StreicherinVielleicht hilft es einen diese Bilder zu ertragen, aber kann man da dann noch von Menschlichkeit reden?
Auf der anderen Seite, muss man lernen damit umzugehen. Sicher ein schwerer Prozess
lg Streicherin
Ich bin selbst Feuerwehrmann und hatte bisher das Glück nicht an einem schweren Unfall teilhaben zu müssen. Aber aus Gesprächen mit "Kollegen" weiß ich, dass wenn man sowas nicht mit genug Abstand betrachtet es zu einem Einbrennen der Situationim Kopf kommen kann. Ich möchte unbedingt der Erste bei einem Unfall sein, wenn aber doch, dann mache ich meine Arbeit gewissenhaft und zügig um Verletzten helfen zu können. Allerdings würden Gespräche über Hergang und Unfallgeschehen dazu beitragen, bei mir zumindest, es nicht so nah an mich rankommen zu lassen.
17.05.2007, 19:49 von Lubroalso ich wollte mit dem bericht alles andere als dagegen angehen das rettungsleute bei solch einem einsatz lachen können (müssen) oder so ... ich verstehe das zu gut ... ich war zivi im altenheim und wenn man täglich mit dem tod zu tun hat dann geht man denk ich anders mit dem thema um. wenn ich meine einstellung zum thema tod kund tue dann schauen mich manche auch an und meinen ich wäre da bisschen pietätslos, aber ich denke ich habe da durch altenheim und private erlebnise genug mitgemacht um meinen blick inzwischen gändert zu haben ... man nimmt dem tod die maske des bösen ab und nimmt es als etwas passiertes nichts unbedingt erfreuliches aber unabänderbares an und hadert nicht ...
17.05.2007, 19:20 von seelenfreunddas große thema eigentlich wenn man den tod im fokus hat : annehmen nicht hadern ... aber das war ja hier nciht die intention des textes ... hier ging es mir einfach nur darum das was mir damals so durch den kopf schoß und auch heute noch mehr als gegenwärtig ist wiederzugeben und nicht darum den tod in den mittelpunkt zu stellen oder kritik am umgang mit dem tod zu üben
Ich habe beruflich auch schon öfters ähnliche Situationen durchlebt. Auch wenn es zunächst taktlos oder gar pietätlos erscheint, ein Späßchen in Anwesenheit eines soeben Verstorbenen zu machen. Es ist ganz einfach ein Verdrängungseffekt, dem man sich nicht erwehren kann. Ich habe mich selbst auch schon dabei ertappt. Es war aber mit Sicherheit nicht aus mangelndem Respekt gegenüber dem Toten. Es ist ein nützliches Mittel, sich nicht allzu sehr emotional damit einzulassen. Genau wie du es beschrieben hast.
17.05.2007, 17:45 von Inspector