Johnny17 28.09.2014, 00:20 Uhr 1 0

Begegnungen des Alltags

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Kennen Sie das? Sie sitzen spätabends im leeren Bus auf dem Weg zu einer Verabredung, bei der Sie sich mit ihrem besten Freund, den Sie lange nicht gesehen haben, verabredet haben, um sich mal wieder kräftig einen reinzukippen und die neuesten Erlebnisse über Gott und die Welt auszutauschen. Nur noch wenige Haltestellen bis die rettende Bar ihre leuchtenden Schriftzüge in die Nacht webt. Doch an der nächsten Haltestelle steigt eine sehr betagte Frau ein, nennen wir sie Rentnerin, die außer ihren geschätzten dreiundvierzig Kilogramm, die sowieso schon zuviel Anstrengung mit sich bringen, auch noch einen Ziehkoffer hinter sich herkarrt. Aus dem offenen Reißverschluss besagten Ziehkoffers linst mich eine Aldi-Tüte an. Da Supermärkte hierzulande ihre Pforten pünktlich um acht schließen, frage ich mich ob sie wirklich zweieinhalb Stunden gebraucht hat, um vom nächstgelegenen Aldi-Markt zur Bushaltestelle zu gelangen. Wahrscheinlich irre ich mich grundlegend und sie hat im Dunkel des Abends noch schnell die überreifen Stachelbeeren ihres gründlich gepflegten Schrebergartens geerntet und wird sie gleich zu Hause schockfrosten. Wie es bei Deutschen gemeinhin üblich ist, wird nichts weggeschmissen. Nicht einmal eine Einkaufstüte. Schließlich hat sie viel Geld gekostet und sie ist auf jeden Fall wiederverwertbar. Jedenfalls besteigt besagte, betagte Dame den Bus, der wie gesagt, bis auf mich winzige Seele, leer ist. Natürlich kommt sie nicht umhin den an der Eingangstür naheliegendsten Sitz in Anspruch zu nehmen um einer eventuell überraschenden Haltestellenänderung geschuldet, hastig aussteigen zu müssen. Natürlich befindet sich dieser Platz direkt neben meinem und ich frage mich wirklich, ob das ihr Ernst ist? Natürlich fährt der Bus an, bevor sie Platz nehmen konnte, was sie mit einem Kopfschütteln und einer drohenden Handbewegung in Form einer Faust unmissverständlich dem Busfahrer signalisieren wollte, der natürlich nichts besseres zu tun hat, als die alte Frau in seinem beschlagenen Rückspiegel zu beobachten und gefühlte vier Monate zu warten bis diese sich in den Sitz geschwungen hat. Natürlich sieht sie mich mit einem, ihr Recht einfordernden Blickes an, den ich unweigerlich mit einem Kopfnicken bestätige nur um einer Konfrontation über die Anfahrzeiten eines Busses aus dem Weg zu gehen. Zum Glück habe ich meine Kopfhörer im Ohr, die hierzu ebenfalls als Alibi dienen sollten. Zwei Haltestellen später muss ich aussteigen und die alte Frau blockiert meinen Ausgangspunkt. Ich werde hastig, weil ich meinen besten Freund nicht warten lass will und genauso wenig sinnloserweise eine Haltestelle zurücklaufen möchte. Nachdem ich die alte Frau mehr oder weniger vor mir her geschoben habe, da mir ihr Bewegungsdrang doch sehr zu wünschen übrig ließ, huschte ich gerade noch durch die sich schließende Bustür in Richtung wohlverdienten Feierabend-Drink.

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Kommentare

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    Jip, kennt man derlei Geschichten. Vielleicht wollte sie auch einfach nur Gesellschaft... :D

    28.09.2014, 23:13 von Boerje
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