Ewiges_Kind 29.06.2010, 00:04 Uhr 1 2

Bahnhofsgeist

Es begann mit einer Zigarette... und endet mit ihrer Geschichte.

Den ganzen Tag hat die Sonne uns zum Schwitzen gebracht. Noch jetzt liegt eine drückende Schwüle in der Luft. Auf den kalten Treppenstufen des Bahnhofgebäudes lässt es sich an diesem Abend dennoch gut aushalten.

Ich sitze gerne am Bahnhof. Alle Arten von Menschen müssen an mir vorbei. Betrunkene, erfolgreiche Geschäftsmänner, Mütter mit Kindern – einfach Alle. Heute ist kein besonders lebhafter Abend. Ein streitendes Pärchen, ein paar „Gangster“ und verloren wirkende Gestalten befinden sich in meinem Blickfeld. Eine der verloren wirkenden Gestalten löst sich aus dem Alleinsein und kommt auf mich zu.


Kann ich dir vielleicht eine Zigarette abkaufen?

Der Tag heute war zu viel. Ich muss jetzt rauchen.


Die Dame, die Ende Dreißig zu sein scheint, bekommt ihr Nikotin ohne etwas zu zahlen und zieht nervös. Sie sieht nicht gut aus. Sie hat dunkle Augenringe und tiefe Sorgenfalten im Gesicht.


Seit heute Morgen bin ich unterwegs.
Ich kämpfe um meine Kinder.
Bin von Anwalt zu Anwalt gerannt und habe Gerichtsakten durchgesehen.
Verlegte Beweise, kopierte Dokumente in den originalen Akten und gefälschte Urkunden.
Ich glaube man macht es mir absichtlich schwer.
Ich bin Deutschland, dass ich nicht lache.
Da rennen sie rum und feiern ihr Land. Sie feiern, dass irgendwelche Fremde für uns Fußball spielen.
Was habe ich denn von einem Sieg? Das ist kein Spiel mehr. Es geht um Geld.

In meinem Fall geht es um viel mehr. Es war nie ein Spiel. Es geht um eine misshandelte Kinderseele.
Trotzdem treffe ich nur auf verschlossene Türen. Ich habe alle Tränen geweint.
Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht den Abend verderben.
Ich hoffe von Herzen Sie kommen nie in meine Lage…


Die Frau sieht aus, als wollte sie weinen. Sie tut es nicht. Sie schaut mich an und wartet auf eine sinnvolle Antwort, die ich ihr nicht geben kann. Sie erzählt weiter und ich werde immer schwerer.

Viel Glück.

Das ist alles was ich ihr mit auf den Weg geben kann. Sie lächelt ein unbeschreibliches Lächeln. Dankend, hoffnungslos und ängstlich.

Viel Glück.

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Kommentare

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    Schön und gut geschrieben, lässt mich irgendwie daran denken, dass es jetzt langsam Herbst wird.

    31.08.2011, 19:33 von Ben-Fischer
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