zzebra 06.08.2006, 18:34 Uhr 4 3

Aus der Ruhe geklopft

Das kostbarste, was man besitzt, ist Zeit. Was ist mit der Zeit, die einem nur geliehen wurde? Sei kreativ! JETZT! (Fingerschnippen aus dem Off.)

Ich brauche Stille. Die Lautlosigkeit ist mein bester Freund, wenn meine Fingerkuppen tanzen sollen. Ein wolkenverhangener Werktagsspätnachmittag hilft mir gnädigerweise, meinen Käfig nicht verlassen zu müssen, der Aktionismus beschränkt sich auf eine Tasse Kaffee, eine Flasche Mineralwasser, eine Flaschenhalsöffnung als einziger oraler Gedanke. Sehr schön. Denn da steckt diese Idee in mir, die heraus will. Sie ist perfekt ausgeleuchtet, ich kann sie in mir von allen Seiten betrachten, sie dreht sich vor mir wie ein Ausstellungsstück, sie ist durchsichtig und vollkommen, aber so tief dieses klare Gefühl in mir sitzt, so schwierig wird es werden, dieses in Worte zu fassen. Obwohl ich es schon Tausende Male praktiziert habe.

Es könnte, wie schon oft in solchen Momenten passiert, ein Raupenbagger anfangen, mein ziseliertes Gebilde unter nervenaufreibendem Dröhnen und Rattern zu planieren, oder ein Hund mit schluckaufartigen Gekläffe könnte unermüdlich ein faszinierendes Astloch anbelfern, es könnte mein lieber Sohn kommen und mich fragen, ob ich mit spielen möchte – "Immer, mein Schatz, immer!" – oder die Türglocke könnte läuten, Alptraum in der Mußezone, wie erfreulich: Spontaner Besuch! Oder die lapidare Frage "Was ist mit der Banane im Kühlschrank?" könnte ihm Raum wabern, eine simple Frage, deren Beantwortung, zusammen mit dem sich unweigerlich anschließenden verbalen Kommentarstrang, unter Trommelfellfeuer jegliche Inspiration vernichtete.

Ich bin nicht genial, Einsteins Weisheit hilft mir in solchen Momenten nicht weiter, auch wenn ich nicht 99% Transpiration an den Tag lege, sondern zu 99,9% Blut und Lymphe schwitzte, und ohne ein paar Hundert Promille Eingebung rotze ich nur sich feindlich gesinnte Wörter wild aneinandergereiht hin, in etwa wie ein Staffeleistümper bei einem Erdbeben der Stärke 6 auch nur auf die Leinwand klecksten könnte. Schreiben könnte so einfach sein, wenn man die Zeit dazu nicht mit anderen Mitmenschen teilen müsste – und sei es nur in Gedanken. "Habe ich eigentlich die Rechnung für die letzte Getränkelieferung überwiesen?

Nein, auch beim 1001sten Mal ist es nicht Zauberei, Magie oder das Produkt eines geflügelten Gaules, es ist Arbeit, harte Arbeit, denn was wie von selbst herausfließen möchte, muss dazu in eine Form gegossen werden – die sofort zerdeppert und zerbröselt, wenn in einem die Wachsamkeit als Zeitbombe tickt, um bei nächstbester Gelegenheit mit einem selbst hochzugehen. "Nein, Darling, du kannst die Banane essen, ich hab noch einen Apfel im Biomüll!"

Sicherlich, meine Umgebung meint es nur gut mit mir. Der Gärtner, der ratternd die Spitzen rankender Zwerg-Eiben stutzt, meint es gut (mit sich und seiner Hecke), und der Halbstarke mit der Augenbrauenniete, der sein presslufthammerangetriebenes Schrumpf-Bike ein halbes Dutzend Mal an meinem Fenster vorbeiquält, der meint es auch gut (mit seinen von einer arschfaltenfressenden Hose zusammengepressten Testikeln), und die liebe Nennen-wir-sie-Elke, eine blonde Mitdreißigerin, die gegenüber ihr Dekollete zum Dreimeterhopser übers Balkongeländer gewuchtet hat, meint es auch gut (aber nur mit ihrer extravertierten Libido, die gerade luftgetrocknet wird).

"NEIN! ICH WILL DIE BANANE NICHT!" Mir ist es schnurz, ob das Scheißding im Kühlschrank verfault oder ob sie in den Schlund eines Ignoranten wandert, versteht ihr? Ich will nicht unhöflich sein, aber es ändert nichts an meiner Meinung, wenn man mich fünf Mal mit dem gleichen Mist löchert.

Es könnte natürlich auch etwas Wichtiges sein, klar. DAS gibt es immer zu bedenken. Das schlummert stets wie mit mahnendem Zeigefinger im Hinterkopf, denn wie schnell hat man etwas versäumt. Etwas, wofür es sich lohnte, aufzustehen, großen Auges mit angehaltenem Atem in sein Gegenüber zu starren, dann mit freudigem, sich aufhellendem Sinn zu lächeln, wissend dankbar zu nicken, diese Unterbrechung glücklichen Sinnes mitzunehmen und damit um das zarte filigrane Gefühl, das in einen schlummert, einen glänzenden Palast zu bauen, der das die feinen Gedanken erst zur ganzen Pracht entfalten lässt.

Dennoch. Selbst wenn man sich eine Stunde Ruhe bei geschlossener Tür erbeten hat, so ist es keine zuverlässige Ruhe in dem Sinn, denn man muss immer gewähr sein, dass einer an die Tür anklopft und sich zaghaft erkundigt: "Darf ich dich was fragen?"

Wenn man dann aufschreckt und als spontane Antwort leise vor sich hinseufzt, quasi als an sich haltende Bejahung, als ein Zugeständnis ans Schicksal, vernimmt man ein einfühlsames, verständnisvolles, abwiegelndes "Ach, war nicht so wichtig..."

Dann explodiert der Vulkan in einem. Die Lava entlädt sich, strömt mit verzehrendem Feuer über alles hinweg, was sich in einem mühsam konstruiert und aufgebaut hat, es haut einem mit einem Zornesausbruch die Beine weg und man ist drauf und dran zu brüllen: "Ja, VERDAMMT, wenn es jetzt WICHTIG war, DANN FRAGE DOCH! Und wenn es NICHT WICHTIG war, warum hast du überhaupt GEKLOPFT?"

Oh. Mist. Die Stunde ist schon vorbei.

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4 Antworten

Kommentare

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    Gibt's nicht oft von mir: stehende Ovationen!
    Hut ab, Verneigung...

    08.08.2006, 00:25 von DocFunkenstein
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    Schnipp. SCHNIPP. Nichts.
    Grübelstirnrunzelaufstehwiederhinsetzwiederaufstehundwaszutrinkenhol. Ich hasse es. Aber ich kann nix Anderes. Wer jetzt denkt "Könnte sie wenigstens dies", sollte es bitte für sich behalten. Klopf, klopf. Wer klopft da? Die Inspiration? Bitte kommen Sie doch herein, ab sofort bitte keine Störungen mehr, danke.
    Pamina (Nach Diktat verreist)

    07.08.2006, 07:35 von Pamina
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    Abgesehen davon, dass Bananen nicht in den Kühlschrank gehören - ballerst du einem mit dem Text Bilder in den Kopf - klasse, mit Verlaub - jetzt brauch ich erst mal Zeit sie zu sortieren...

    ;-)

    Grüße

    06.08.2006, 20:16 von Kiyan
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