Auf Nimmerwiedersehen, 2011
Wenn man dir etwas zugute halten kann, dann, dass du mich gelehrt hast, dass das Leben eine Achterbahn ist. Das ist aber auch das Einzige.
Um ganz ehrlich zu sein: ich bin froh, dass du gehst. Du hinterlässt eine ziemliche Unordnung in meinem Leben, aber bild dir bloß nicht ein, dass ich die nicht wieder in den Griff bekomme.
Dabei war der Anfang so vielversprechend. Als Single und im Kreis meiner Freunde läutete ich deine Ankunft mit Pauken und Trompeten ein. Es war ein herrlicher Wintertag in den Bergen, und wir haben viel gelacht. Das Lachen verging mir erst wieder, als sich genau die Freunde, die mir zuerst schön vorgelogen hatten, wie toll sie unsere aufrichtige Freundschaft finden, gegen mich kehrten, mir schlimme Dinge nachsagten und ansonsten lieber allein weiterzogen. Es gab mir einen Stich, aber du warst noch jung, es war erst Februar. Und ich war auf dem besten Weg, mich mit meinem besten Freund wieder zu versöhnen, was mehr zählte als all die unbeständigen Freundschaften, die mich bis dahin begleitet hatten.
Außerdem gab mir das die Zeit, mein Liebesleben ein bisschen zu entwirren. Der 2010er-Lover war weg, das war auch gut so, und ich hatte nicht vor, mir so was so schnell noch mal anzutun. Außerdem zweifelte ich ernsthaft an meiner Bindungsfähigkeit – wenn einem die Freunde weglaufen, muss ja etwas nicht stimmen. Ich schaute ein bisschen mehr auf mich selbst und blühte auf. Je näher der Frühling rückte, umso zahlreicher wurden die Menschen, die meine Nähe suchten. Wir waren eine lustige Partytruppe von zehn Leuten. Und außer mit dem besten Freund versöhnte ich mich auch mit meiner ehemals besten Freundin. Das Leben war schön, die Menschen gut zu mir, und in meiner Bauchgegend kündigte sich mit einem Kribbeln eine neue Liebe an, für die ich zu meiner eigenen Überraschung bereit war.
Dagegen konntest du auch nichts machen. Du hast es zwar versucht, mit einem Nachbarn, der mir die Hölle heiß machte, und einem Exfreund, der die Geister der Vergangenheit wieder auferstehen ließ. Du hast mir zwei Stalker mit gröberen Störungen geschickt, und eine Mogelpackung, die mich aber zu keiner Zeit hinters Licht führte. Lächerliche kleine Stöcke, die du mir in den Weg warfst, und über die ich lachte. Ich ignorierte deine Missgunst, verreiste und vergaß. Da drehtest du mir den Geldhahn zu, und ein finanzielles Desaster jagte das nächste. Außerdem starb mein Lieblingsonkel.
Aber all dies konnte mir zunächst nichts anhaben. Ich war jetzt frisch verliebt, und wenngleich die neue Liebe mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen hatte, was nicht zuletzt an meinem Misstrauen und meiner Widerborstigkeit lag (Eigenschaften, die du so richtig schön hervortreten ließest, so kam es mir manchmal vor), hielt ich daran fest. Auch wenn mein Geldbeutel von Schwindsucht geplagt war, ließ ich mich nicht beirren. Romantische Wochenenden, Festivals und viel Spaß wogen wieder auf, was mich ansonsten ziemlich ins Grübeln brachte.
Mein erstes Buch erschien. Und ich war glücklich und skeptisch zugleich, schwankte zwischen Stolz, weil ich es wirklich geschafft hatte, und Ärger, weil ich plötzlich nur mehr auf ein Thema reduziert wurde. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, ließest du dir etwas ganz Besonderes einfallen: zur Jahresmitte starb mein bester Freund.
Und da hätte ich fast kapituliert. Die Welt war plötzlich leiser, schwerfälliger, dunkler geworden. Und ich fühlte mich fehl am Platz, zweifelte alles an, wusste nicht mehr weiter. Mitten in dieser schlimmen Zeit erwies sich mein Partner allerdings als wahrer Glücksgriff, als Fels in der Brandung. Nicht wie die Luschen, die mir deine Vorgänger präsentiert hatten. Und ich rappelte mich auf, zunächst mit seiner unaufdringlichen Unterstützung, danach half mir meine Sturheit.
Es ging aufwärts. In der Liebe, im Job und bei der Überwindung meines ganz persönlichen Schweinehundes (für alles kann ich dich ja auch nicht verantwortlich machen). Und gerade als ich mich zu wundern begann, dass ich dieses Jahr noch nicht einmal mit einer Erkältung zu kämpfen gehabt hatte, ging es gesundheitlich bergab. Nichts Lebensgefährliches, noch nicht mal eine anständige Krankheit hattest du für mich in petto, nein. Heimtückische, lästige Wehwehchen, bei denen jeder Arzt lächelt und einen wieder nach Hause schickt. Du hast meine Nerven ziemlich überstrapaziert, aber ich habe dir die Stirn geboten – und jetzt wird wohl auch nicht mehr viel passieren.
Entschuldige die Litanei, aber es musste mal gesagt werden: du gehörst nicht zu den Guten. Und ja, vielleicht bin ich subjektiv und ichbezogen und heule hier rum, aber denk mal an Fukushima und Utøya und Amy.
Liebes 2011, mach’s gut. Schönen Ausklang und danke für die schönen Dinge. Ich weiß, es hätte schlimmer gehen können, und die Kinder in Afrika und überhaupt, aber ich bin froh, dass du gehst. Du brauchst auch nie mehr anzurufen.





Kommentare
Ein toller Text
04.01.2012, 23:34 von NachttraeumerinEin toller Text
04.01.2012, 23:34 von NachttraeumerinNie mehr!
04.01.2012, 14:37 von KampferprobtesHerzGenau.
04.01.2012, 00:25 von PrinzessinAlso für Amy kann 2011 ja nun wirklich nichts!
02.01.2012, 00:31 von topfbluemchentod & teufel haben sich in diesem jahr benommen wie die axt im walde. ich hatte ständig irgendwelche zipperlein. von anderen leuten sind die mütter gestorben, nur die mütter, die väter sind dementsprechend nicht so ganz wohlauf.
31.12.2011, 12:54 von lavishder sommer war nix, der winter zu warm.
die nachrichten im fernsehen waren so abstrus, dass ich erst entsetzt war und mich dann beölt habe. auf anderer leute kosten!!
mein fahrrad wurde geklaut und das finanzamt behauptet, ich hätte meine steuerscheiße nicht bezahlt. wie gut, dasses computer gibt, da kommt nix weg!
ja, ich pfeif' auf dieses jahr, ja, es war erkenntnisreich, aber nun ist gut, i puke on you, you shitty year, hörste?
und so richtig bechern kann ich heute auch nicht, weil ich n darminfekt hab, ach, ich glaub, ich bleib aufm sofa und pfeif auf den hype.
guten rutsch euch allen:-)), besonders den netten!
Ich les immer sehr gerne von dir. Am liebsten übrigens, wenn es n-i-c-h-t um die Bekanntgabe von Gefühlszuständen [sic] geht.
31.12.2011, 11:40 von Trebor-FaustDas mit den Perspektiven hast du ziemlich gut raus.
Das Buch kaufe ich. Wie heißt es denn?
Der Stil der Arbeit ist gut bis sehr gut. So oder so ähnlich hätte wohl der Kommentar meines Deutschlehrers gelautet, wäre das eine Aufgabe gewesen. Und im Stil gut bis sehr gut war auch mein 2011. Was denn nun? Mehr gut oder mehr sehr gut? Mehr oder. Immer dazwischen, nichts Ganzes, nichs Halbes, keine große Liebe aber mehr ein OneNightStand, kein 5-Sterne-Menü aber besser als die Pommes von McDonalds. Ich bin nicht zufrieden, aber auch nicht unglücklich. Und ich möchte, dass 2012 klarer wird. Definierter mit härteren Konturen. Und dein Text war genau das richtige jetzt. Auf Nimmerwiedersehen 2011, und ruf nicht wieder an. Lösch meine Nummer, ich zieh um. Zu 2012. Denn mit ihm habe ich eine Zukunft.
30.12.2011, 23:06 von Fell_ZungeAchso, nicht falsch verstehen: Ich habe meine Binsenweisheiten gemeint, heheh, hüstel.
30.12.2011, 22:25 von TilmannKleyeGegen Schicksal ist nichts zu machen - da steht jeder unbewaffnet da.
30.12.2011, 22:24 von TilmannKleyeBei manchen Dingen ist Ruhe gut, um zu erkennen, ob man selbst, die anderen oder die gesamte Welt ein mieses Furunkel ist.
Und drittens sind Binsenweisheiten bei neon ungern gesehen.
Dir ein feines 2012!!!