Apfel Kuh!
Ich verbringe eindeutig zu viel Zeit am Rechner.
Nicht nur während der Arbeit sitze ich ununterbrochen vor der Flimmerkiste, nein, auch in der Freizeit gucke ich in die Röhre. Das soll ja nicht gesund sein, sagt man.
Manchmal erschleicht mich das Gefühl, dass der Computergebrauch meine Gedankengänge tatsächlich beeinflusst. Ich kann richtiges Leben und virtuelle Welt kaum mehr unterscheiden…
Ich bin Mac-Userin und bevorzuge Kurzbefehle. Wenn ich in irgendeinem Programm den letzten Schritt widerrufen möchte, mache ich „Apfel Zett“, betätige also minimal zeitversetzt die Apfel- und die Z-Taste.
Schütte ich beim Frühstück die Milch nicht in meinen Kaffee, sondern in den benachbarten Orangensaft, woraufhin dieser auf der Stelle flockt, dann denke ich: Apfel Zett. Versenke ich einen überdimensionalen Schwall Salz in der Kartoffelsuppe, welche dadurch ungenießbar wird, denke ich: Apfel Zett. Schüttele ich die Strandtasche nach einem Freibadbesuch über der Balkonbrüstung aus, ohne mein Handy vorher herauszunehmen, was daraufhin im Hof zerschellt, denkte ich: Apfel Zett.
Leider kennt die Tastatur des Lebens kein Apfel Zett.
Lasse ich eine Bemerkung los, nicht in böser Absicht, doch leider unbedacht, so wird mir – wenn der Satz ungefähr zur Hälfte veröffentlicht ist – klar, dass ich wieder mal dabei bin, ins Schwarze der Unsäglichkeiten zu treffen. Dummerweise ist zu diesem Zeitpunkt bereits alles zu spät. Das Gehirn hat die Aussage ans Mundwerk abgeschickt und jenes verrichtet seine Arbeit, tut nur seinen Job. Erst denken, dann reden? Leichter gesagt, als getan! Wenn mein Denkapparat richtig in kommunikativer Fahrt ist, beballert er das Redezentrum nur so mit Botschaften. Da wird der Peinlichkeitsprüfungssektor schon mal wagemutig umgangen. In dem Fall würde nicht einmal mehr Apfel Zett helfen. Eine dezente Warnmeldung „Möchten Sie diese Aussage wirklich ans Sprachzentrum abschicken?“ mit den Optionen „Sicher“, „Nicht sicher“ oder „Abbrechen“, wäre mein gesellschaftlicher Rettungsring.
Gespeichert wird auf dem Mac übrigens mittels Apfel Ess. Auch diese Tastenkombination tät ich im echten Alltag gerne bemühen. Erweckt ein kompliziertes Gericht den Anschein des Gelingens, schießt es mir durch den Kopf: Apfel Ess. Dann könnte ich für den Fall des späteren Verwürzens immerhin „Zurück zur letzten Version“ wählen. Onduliere ich meine Haare in ungewohnter Form, die mir gefällt, denke ich: Apfel Ess. Fällt die Frisur in sich zusammen, könnte ich mich auf die alte Fassung berufen und von da an weiterbretzeln. Aber auch das funktioniert nicht.
Sucht meine Tochter verzweifelt das rosa gekleidete Playmobilmädchen mit den blonden Haaren in ihrem vor Spielzeug überquillenden Zimmer, möchte ich spontan Apfel Eff machen: Finden, „Neue Suche“… Auf der Festplatte „Kinderzimmer 2“. Bleiben von den Strumpfpaaren, die ich in die Waschmaschine stecke, nach dem Schleudern konsequent nur Einzelstücke übrig, denke ich: Apfel Eff. Wird mir die Unmöglichkeit dieses Vorgehens bewusst, flackert noch kurz die Idee auf, nach den Vermissten zu googeln.
Fehlanzeige! Keine Treffer gefunden…
Schaue ich morgens zerknittert in den Spiegel, würde ich gerne den Photoshop-Filter „Tiefenschärfe abmildern“ auf mich anwenden. Helfen würde allerdings auch einfach nur „stark weichzeichnen“. Gerade jetzt, nach einem langen, unbesonnenen Winter, könnte mein Teint eine ordentliche „Tonwertkorrektur“ gut gebrauchen. Danach noch leichtes Schrauben an der „Farbbalance“ und der Freibad-Saison stünde nichts mehr im Wege. Vor dem Strandtasche-Ausschütteln darf ich nicht Alt-Apfel E vergessen: „Tasche leeren“. Ach nee, das bedeutet „Cache leeren“…
Das Leben könnte mit Kurzbefehlen und Photoshop-Filtern so verdammt komfortabel sein!
Esse ich mehr als nötig, könnte „Sättigung verringern“ gegen das unangenehme Völlegefühl wirken. Trinke ich Bier und Sekt planlos durcheinander, was mir – obwohl ich es besser wissen müsste – immer wieder passiert und dazu führt, dass ich doppelt und unscharf sehe, würde ich am liebsten den Filter „unscharf maskieren“ aktivieren. Oder einfach Apfel Kuh machen. Quittieren, spontan beenden, schnell verschwinden. Ohne Apfel Ess, ohne Reue, versteht sich!
So, jetzt mache ich flott Apfel Ess, Apfel Ah, Apfel Zeh und Apfel Vau und dann ist die Story im Netz. Aller klar?
Apfel Kuh.





Kommentare
Solange Du nicht im Auto Deine Mitfahrer aufforderst: "Scrollt mal das Fenster runter!" und nicht merkst, dass das nicht das normale Verb ist, gehts doch noch.
03.12.2010, 16:38 von nuehleAls meiner Kollegin das mal passiert war, haben wir ihr dann doch einen längeren Urlaub angeraten.
sehr lustig :)
26.10.2010, 21:38 von topfbluemchender gefällt mir, ist locker leicht zu lesen, auch wenn ich kein Mac-Benutzer bin...
Und ja, auch ich würde mir liebend gerne diese Funktionen im realen Leben wünschen, hach, wäre das toll *seufz* ;-)
Na ja, mit Apple hab ich’s ja nicht so, aber der Computergebrauch ist im Leben tatsächlich dominierend, was durchaus auch das Denken beeinflusst. Nämlich dann, wenn man idiotischerweise anfängt Abkürzungen manchmal gedanklich zu gebrauchen. Beispielsweise Abkürzungen wie .. gz, afk, re, wb, wtf, lol, rotfl ... und Kürzel bzw. Sätze wie „dd lfg icc 10 / 25 gs 5600" sind in meinem WoW-Online Leben so selbstverständlich sind wie ein „guten Morgen“ im realen Leben. Doch wen stört es ... mich zumindest nicht, solange alle, die es etwas angeht, das auch verstehen. Schließlich bedeutet ein gz nichts weiter als „Gratulation“ und das afk heisst „away from Keyboard“, also bin mal nicht an der Tastatur ... na, und so weiter. Wie gesagt, solche Abkürzungen gehören für mich dazu ... allerdings sollte man solche Tastaturkürzel nicht in den Sprachgebrauch aufnehmen, sonst wird es peinlich und unangenehm.
30.06.2010, 12:39 von CyroWas im realen Leben fehlt ist natürlich die Möglichkeit mit der Zeit zu spielen, also etwas zu tun, was dem Ausloggen gleichkommt, um dann, zum späteren Zeitpunkt, exakt da weiterzumachen wo man vorher ausgeloggt hatte. Also, kann mal jemand die Welt anhalten, ich will mal für ne Weile aussteigen. Oder Zeitreisen machen.
Grossartig. genau so ist mein Leben. Vielen Dank für diese treffende Beschreibung und das gute Gefühl: ich bin nicht allein mit diesem Gefühl;)
08.02.2010, 11:11 von kenjahaha, sehr kool.
13.12.2009, 14:08 von einsamespitzefrüher in der schule wollte ich auch immer alles was an der tafel steht "kopieren" und in meinen hefter "einfügen". wäre auch viel leichter gewesen.
omg, lol ;)
10.06.2009, 13:10 von trashtuntehihi, sehr amüsant und wahr.
Ich geh in Photoshop, braucht jemand was?
20.05.2009, 20:09 von frl_smillaJa, Apfel Tee.
Haha.
@frl_smilla :D Sehr schön.
20.05.2009, 20:13 von B.tinaFrei transformieren?
einfach nur geil. apfel alt eskeep .-)
26.10.2008, 23:19 von andreaskuhnNicht zu vergessen der "Wischfinger" gegen hartnäckige Falten unter dem Augen und der "Korrekturstempel" gegen Pickel am Kinn!
20.06.2008, 08:28 von TilanWunderbar, Betti.
@Tilan Danke!
20.06.2008, 08:29 von B.tinaDen Wischfinger könnte ich gerade heute Morgen gut gebrauchen...