litujana 08.11.2010, 14:48 Uhr 0 0

Angst

In diesem Raum wird niemals absolute Stille einkehren

In diesem Raum wird niemals absolute Stille einkehren. Auch wenn es nur ein Floh ist, der vorbeihüpft. Dies bringt mich auf die Frage, weshalb Flöhe überhaupt hüpfen können? Irgendwie ist das für mich undenkbar. Obwohl, Denkbarkeit ist erfahrbare Unendlichkeit, nichts kann sich der Möglichkeit des Denkens entziehen. Also ist es doch denkbar. Ich sitzte hier und beschäftige mich mit absurden Gedanken. Gleich zu Anfang fühlte ich mich irgendwie unwohl. Was war meine Rolle hier? Was erwartete man von mir? „In welches Korsett auch immer sie dich stecken wollen, schrei wenn du damit nicht einverstanden bist. Verlasse den Raum wann immer es dir zu eng wird“, sagte ich zu mir selbst. „Was schaut ihr mich alle so an?“ Ich erhob meinen Blick, schaute vorsichtig um mich um festzustellen, dass mich überhaupt niemand ansah. „Ich hasse dich!“

In diesem Moment ging die Tür auf und Stefan kam heirein. Stefan kommt fast täglich. Ein bärtiger Mann um die sechzig, Biologe. Die Chefin nimmt sich Zeit, sich zu ihm zu setzen und mit ihm etwas zu trinken. Das gehört zu ihrer Arbeit, manchmal wäre sie wahrscheinlich froh sie hätte einen Abschluss in Psychologie gemacht. Sie kommen auf Mr. Ronald, ein anderer Stammkunde, zu sprechen. Ein Mann zwischen 50 und 60, dessen sehnlichster Wunsch es ist, Nachfolgen mit der Chefin des Cafés zu haben. Was natürlich gar nicht in Frage kommt, da sie verheiratet ist und er unterbunden. Sie erzählt es ginge ihm auch gar nicht darum, dass er Sex mit ihr wolle, sondern nur Nachfolgen. Er will sich also nur ihre Erbinformationen zu eigen machen. Stefan schmunzelt, nimmt einen tüchtigen Schluck von seinem Kaffee und meint sie könne ihm ja einfach ein fruchtbares Ei von sich geben, vielleicht sei er dann zufrieden. Das Problem ist nur, dass er das Ei gar nicht befruchten könnte, ausser es gibt noch eine Möglichkeit Spermien aus dem Hodensack zu entnehmen. Die junge hübsche Bedienung mit den kurzen, zotteligen, feuerroten Haaren hat sich unterdessen auch in das Gespräch eingemischt und will wissen was das denn für ein komischer Mensch sei dieser Mr. Ronald. Es stellt sich heraus, dass er wohl mal ein gebildeter und intelligenter Mann war, jedoch jetzt durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit wortwörtlich ein grosses Loch im Kopf hat.
Ich sass daneben und hörte aufmerksam zu. Ich liebte es, andere Gespräche zu verfolgen, auch wenn es nur Wortfetzen waren, die ich aufnehmen konnte. Mittlerweile kannte ich auch die meisten hier, einfach nur vom zuhören.
Ich starrte auf Stefans Schuhe. Sie waren schon ziemlich verbraucht. Das kommt wohl daher, dass sie jahrelang ausgenutzt wurden und man ihnen keine Beachtung geschenkt hat. Wenn ich Stefan nicht hätte sehen können wäre mein Bild von ihm anhand seinen Schuhen ganz anders gewesen. Ein Egoist.

„Ich hasse dich!“ Da kam es wieder, das Gefühl, von allen durchbohrt zu werden mit ihren Blicken. Das Atmen fällt mir dann immer so schwer. Dann fängt es an. Das Kribbeln beginnt in der rechten Hand, ein Taubheitsgefühl. Alles fühlt sich lahm an. Ich renne, renne immer schneller und schneller. Ich muss ganz weit weg. Doch ich habe zwei Probleme. Zum einen ist dies ein Labyrinth. Nicht jeder Weg führt immer weiter. Das wäre mein schlimmster Fehler, wenn ich in einer Sackgasse stecken würde. Das wäre mein Tod. Denn – und das ist der zweite Grund – ich lebe immer in der Gewissheit, dass es viele, viele weitere Typen gibt, die so fühlen wie ich. Es ist die Angst. Angst ist implizit und explizit Bestandteil jedes Menschen. Es handelt sich um ein überaus komplexes und abstraktes Krankheitsbild. Doch davon will ich nichts wissen. Ich habe eine gefährliche Krankheit, das weiss ich. Es hat sie nur noch keiner gefunden.
Im nächsten Moment verschwindet alles vor meinen Augen. Es ist dunkel.

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