stephan_schwade 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Andere Liga

Schon mal von RANDSPORTARTEN wie Pen Spinning oder Dice Stacking gehört? NEON hat mit fünf Meistern bislang rätselhafter Disziplinen gesprochen.

.
»Dice Stacking« mit Dennis Schleußner

Worum geht es? Spielwürfel innerhalb eines Bechers zu einem Turm aufzubauen. Dice Stackern gelingt diese Übung sekundenschnell – und das, ohne dass sie die Würfel überhaupt berühren. Klingt wie ein billiger Taschenspielertrick? NEON hat den besten deutschen Hochstapler nach seiner Technik befragt: Dennis Schleußner, 29, aus Berlin – bekannter unter seinem YouTube-Namen »denyoo06«.
Der Trick: Das Geheimnis ist der richtige Dreh. Schleußner: »Der Becher zeigt zu Beginn eines Stacking-Manövers mit der Öffnung nach unten. Mit einer Schwingbewegung werden die Würfel aufgenommen. Die Fliehkraft drückt die Würfel an die Becherwand, wo sie sich dann zu einem Turm ordnen.« Das Schwierigste ist das abrupte Stoppen der Bewegung, ohne den Würfelturm umzuwerfen. Nach rund einem Jahr regelmäßigen Becherns ist das – zumindest für Dennis Schleußner – kein Problem: Er baut per Punktlandung sogar auf Eddingkappen Würfeltürme auf – oder auf einem einzelnen, quadratischen Drehelement eines Zauberwürfels.
Was braucht man dafür? Am besten zum Stapeln eignen sich echte Las- Vegas-Würfel. Die Würfel aus den Casinos haben keine abgerundeten Kanten wie handelsübliche Spielwürfel, dadurch sind die Seitenflächen größer, und man hat mehr Auflagefläche zum Stapeln. Fehlt nur noch ein leichter Plastikbecher, und schon kann es losgehen.
Dennis’ Geschichte: Früher wurde Schleußner wegen seiner ungewöhnlichen Hobbys Jo-Jo, Dice Stacking und Sport Stacking oft als Spielkind belächelt. Heute ist er achtfacher Deutscher Jo-Jo-Meister und lebt von seinen Jo-Jo-Shows. Dice Stacking ist fester Bestandteil seiner Performance. »Das Schönste ist, wenn ich den Leuten nach einem Auftritt das Dice Stacking beibringe. Erst haben sie offene Münder, und dann packt sie selbst das Fieber.«
Warum Dice Stacking? Gegenfrage: Warum nicht? Gewürfelt wird schließlich vom trendigen Gamblingtisch bis in die muffigen Zimmer der letzten Fantasy-Rollenspieler, die noch nicht ins Internet geflüchtet sind. Das Publikum freut sich immer über eine Zwischeneinlage; auch Kinder kann man mit einem gekonnten »Down-Stack« begeistern. Schleußner schätzt vor allem die kompetitive Seite seines Steckenpferdes: »Man muss sich neue Tricks überlegen und kreativ sein. Alles, bei dem man sich untereinander messen kann, bringt den Sportsgeist weiter.«


»Pen Spinning« mit Robert Heim

Worum geht es? Einen Stift möglichst elegant um die Finger kreisen zu lassen. Wahrscheinlich war jeder in einem nervösen Moment schon einmal Pen Spinner. Robert Heim, 20, aus Neuss, hat daraus einen Sport gemacht.
Der Trick: Übung, Übung und noch mal Übung. Es geht bei allen Pen- Spinning-Tricks und auch bei den fortgeschrittenen Kombinationen darum, den Stift in eine Drehbewegung zu versetzen und flüssig durch die Finger wandern zu lassen. Zuerst sollte man die vier Basictricks »Thumb around«, »Fingerpass«, »Sonic« und »Charge« lernen, auf denen alle weiteren Moves aufbauen. Wenn man den »Back around fall« beherrscht – dabei dreht sich der Stift kontrolliert auf den Knöcheln deiner Hand – ist man wirklich gut. Wer will, kann sich aber auch früher mit Trickideen oder Detailfragen an ein Online-Pen-Spinning-Forum wenden.
Was braucht man dafür? Für den Anfang tut’s jeder halbwegs ausbalancierte Kugelschreiber. Der COG (Center of gravity, zu deutsch: Schwerpunkt) sollte genau in der Stiftmitte liegen. Der Stift darf allerdings nicht zu leicht sein, da die Drehungen sonst zu schnell und damit schwer kontrollierbar geraten. Die schwierigen Tricks und Kombinationen sind fast nur mit modifizierten Kugelschreibern möglich, die aus verschiedenen Stifttypen zusammengesetzt sind und daher über bessere Balance und mehr Grip verfügen.
Roberts Geschichte: In der Schule wurde Robert von seinem Banknachbarn zu den ersten Tricks angestiftet. Bald bekam er Ärger mit den Lehrern, weil er die Stifte nicht mehr zum Schreiben benutzte, sondern um »Thumb arounds« und »Fingerpasses« zu üben. Mittlerweile brachten Robert seine mit hoch gepitchten Technobeats hinterlegten Pen-Spinning- Videos immerhin einen Auftritt in einer TV-Kampagne für ein Mobilfunkunternehmen ein.
Warum Pen Spinning? Pen Spinning ist eine effektive Methode, überschüssige Zeit totzuschlagen. Nebenbei verbessern die Übungen Feinmotorik und Hand-Auge-Koordination. Das hilft zum Beispiel beim Klavier- oder Gitarrespielen – Robert kann beides. Ein souverän platzierter »Twisted Sonic« kann außerdem von akutem Ideenmangel in einer Konferenz ablenken. Pen Spinning ist das vielleicht beste Beispiel, wie das Internet aus einer Übersprungshandlung eine international vernetzte Szene schaffte. »Ohne die Möglichkeit, online die neusten Tricks zu präsentieren, wäre die Pen-Spinning-Community niemals so groß geworden«, sagt Robert.


»Lighter-Tricks« mit Morten Kjølberg

Worum geht es? Möglichst umständlich ein Feuerzeug anzuzünden.
Der Trick: Die Homepage des Norwegers Morten Kjølberg löste in den USA bereits Entrüstung aus, da sie angeblich zum Spiel mit dem Feuer animiere. Stimmt. Aber Zippo-Tricks sind im Prinzip harmlos. Es geht um Fingerfertigkeit – nicht so sehr um das Anzünden. Das Ziel ist eine möglichst fließende Bewegung: Durch Werfen, Drehen, Schnippen, Schwin gen oder Drücken wird dem Feuerzeug eine Flamme entlockt.
Was braucht man dafür? Ein gut geöltes Zippo. Wichtig ist, dass sich der Deckel spielend öffnen lässt und das Scharnier intakt ist – das Scharnier ist der Schlüssel zu vielen Moves. Das Zündrad muss so leichtgängig sein, dass man die Flamme anschnipsen kann. Vorsicht: Wenn die Flamme einmal brennt, dann brennt sie und wird erst durch Auspusten oder Ersticken ausgehen. Beim Üben ab und zu eine Pause einlegen, sonst wird das Feuerzeug zu heiß!
Mortens Geschichte: 2001 kaufte der Zippo- Konzern die Rechte an Morten Kjølbergs Zippo- Trick-Homepage und schmiss sofort die Marketingmaschinerie an: In der »Hot Tour« tingelten »Lighter-Trickers« durch US-Bars und Restaurants. Als jedoch ein Feuerwehrmann das Spiel mit dem Feuer bemerkte, schlug er Alarm. »Bevor wir wussten, was los war, forderten Feuerschutzorganisationen im ganzen Land unsere Köpfe«, erinnert sich Kjølberg. Zippo wurde die Sache zu heiß; die Firma distanzierte sich von der Homepage, die bald darauf geschlossen wurde. Kjølberg machte auf eigene Faust weiter und gründete lightertricks.com – außerhalb des Machtbereichs der US-Anwälte auf einem kanadischen Server.
Warum Lighter-Tricks? »Man sagt, es gibt drei Gründe, mit solchen Tricks anzufangen. Erstens: Man ist beim Militär. Zweitens: Man ist im Knast. Drittens: Man hat keine sozialen Kontakte «, fasst Kjølberg zusammen. Auch wenn man zum Rauchen bald weltweit vor die Tür gehen muss und so schnell wie möglich wieder ins Warme will, funktioniere, so Kjølberg weiter, eine Feuerzeugnummer noch immer als Eisbrecher, um mit Frauen ins Gespräch zu kommen. In Wirklichkeit sind Feuerzeugtricks natürlich ein mehr oder weniger verzweifelter Versuch, andere Männer zu beeindrucken. Kjølberg: »Leider ist die Bewegung weit verstreut. Wettbewerbe zu veranstalten, wäre toll. Vielleicht reicht es ja irgendwann für Olympia.« Als Fackelträger würden die Lighter-Tricker eine gute Figur abgeben.


»Coinage« mit Kevin Spowart

Worum geht es? Coinage ist eigentlich ein Trinkspiel, bei dem man eine Münze so auf den Tisch wirft, dass sie in ein Schnapsglas springt. Kevin Spowart, 19, aus Kapstadt war der einfache Münzwurf zu simpel. Seine Trickwürfe brachten ihm im Internet den Namen »The Coinman« ein.
Der Trick: Man braucht ein gutes Auge für Distanzen. Die richtige Technik muss dann jeder für sich herausfinden. Spowarts Methode: »Die Spitzen von Daumen und Mittelfinger halten die Münze an der schmalen Kante. Der Zeigefinger fixiert das Ganze. Dann wird geworfen.« Die Münze sollte mit der flachen Seite auftreffen, nicht mit der Kante, sonst springt sie unkontrolliert zur Seite.
Was braucht man dafür? Ein Glas. Kleine Münzen. Für das Trinkspiel »Coinage« – übrigens auch bekannt als »Quarters« –, das in den USA, Südafrika und Kanada äußerst beliebt ist, werden gerne Vierteldollar verwendet. In Europa muss man auf andere Münzen zurückgreifen: 10- Cent-Stücke haben die optimale Größe. Damit die Münze gut springt, muss sie auf etwas Hartes treffen – also weg mit den Tischdecken. Exzessives Münzwerfen kann allerdings die Tischoberfläche ruinieren!
Kevins Geschichte: Nach dem Motto »Get a girlfriend« sollten junge Männer für eine Deodorantkampagne zeigen, dass sie als Singles ganz offensichtlich zu viel Freizeit haben. Kevin machte den Spaß mit und wurde als »Coinman« zur Hauptfigur der Kampagne: »Für die TV-Spots habe ich praktisch unmögliche Würfe gemacht: blind geworfen, aus der Fahrt, über viele Meter … Die Reaktionen waren super. Sogar in Deutschland kamen die Leute und sagten ›Hey, du bist der Coinman!‹«, bekennt er im NEON-Interview. »Das war cool, in einem fremden Land erkannt zu werden.«
Warum Coinage? Trinkspiele sind eine prima Gelegenheit, müde Tischrunden in Fahrt zu bringen. Wenn nur noch über Hochzeiten oder amerikanische Serien auf DVD gesprochen wird, kann ein guter Münzwerfer mit ein paar gekonnten Fernwürfen auch die Mädchen am Tisch überzeugen, dass eine Runde »Quarters« vielleicht doch die spannendere Alternative wäre. Die Jungs fühlen sich durch einen guten Trick sofort herausgefordert. So fing es auch bei Kevin an: »Wir zockten oft Coinage, und ich wurde schnell ziemlich gut darin. Freunde und Familie halfen mir, dorthin zu kommen, wo ich jetzt bin, da sie immer wieder ins Spiel einstiegen, wenn ich am Üben war.«


»DDR Freestyle« mit Donnie D’Amato

Worum geht es? »Dance Dance Revolution« ist ein Tanzspiel. DDR-Freestyler wie der New Yorker Donnie »Phrekwenci« D’Amato, 24, machen aus dem Spielautomatentanz eine Hip-Hop-Show: »DDR Freestyle«.
Der Trick: DDR gibt es sowohl in Spielhallen, als auch für zu Hause. Der Spieler steht dabei auf einer Tanzmatte mit vier Pfeilen, die im Takt der Musik aufleuchten. Ein Bildschirm zeigt an, welche Pfeile der Spieler als Nächstes mit den Füßen berühren muss. Je besser er im Rhythmus bleibt, desto mehr Punkte bekommt er. Beim DDR-Freestyle wird zusätzlich vor allem die Performance bewertet. Solange die Freestyler rechtzeitig die Pfeile treffen, ist bei ihren Auftritten alles erlaubt.
Was braucht man dafür? Entweder eine Spielhalle mit DDR (zum Beispiel das Kölner »Gigacenter «) oder eine Spielekonsole. Für die meisten Konsolen gibt es eine DDR-Version, darüber hinaus braucht man nur noch eine entsprechende Tanzmatte. Timing und Tanzen gekonnt zu kombinieren gelingt bei den höchsten Schwierigkeitsgraden des Spieles nur den Besten. »Man darf sich beim Freestyle nicht wirklich auf die Pfeile konzentrieren, wenn man eine gute Performance abliefern will«, weiß Donnie D’Amato.
Donnies Geschichte: Als D’Amato DDR entdeckte, zahlte sich seine Hip-Hop-Tanzerfahrung sofort aus. Nach nur einem halben Jahr Training war er so gut, dass er 2002 den Freestyle Contest beim »SportsWorld DDR Tech and Freestyle Tournament« gewann. D’Amato’s Spezialität: der Reverse Fall, bei dem er kerzengerade umfällt und wieder nach oben schnellt.
Warum DDR? Das Schlimmste, was einem auf einer Party passieren kann? Keiner tanzt. Mit einer DDR-Maschine und ein paar guten Freestyle- Moves im Repertoire wird einem das nicht mehr passieren. Die Homeversion eignet sich auch für ein kleines Fitnessprogramm in der Mittagspause – da ist die Gefahr auch nicht zu groß, erwischt zu werden. •

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare