tonella 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

An einem Sonntag im August

Sieben Stunden Busfahrt von Zagreb in Richtung Sarajevo geben Zeit zum Sammeln erster Eindrücke vom kriegsgeschundenen Bosnien und Herzegowina;

sie geben Zeit für melancholische Erinnerungen; und sie geben Zeit, um mir einmal wieder die Frage zu stellen: Warum mache ich das eigentlich? Eine persönliche Kurzgeschichte vom Abschied nehmen und Ankommen.

Busch. Gestrüpp. Trockenes Gras. Ich schaue aus dem Fenster, sehe die vorbeiruckelnde Landschaft. Ein Häuschen. Dann endlich ein Maisfeld, groß wie ein Schrebergarten, fast vertrocknet. Eine Deutsche ist den Anblick ungenutzten und ungepflegten Grund und Bodens nicht gewohnt. Die kleinen Felder schwimmen wie Inseln in einer wilden, rauen See. Ich sitze im Bus von Zagreb nach Sarajevo. Klimaanlage und Beinfreiheit machen die 7-stündige Fahrt erträglich. Unverhoffter Luxus.

Plötzlich ändert sich das Bild. Die Landschaft wird durchzogen von grauen Ruinen, verlassenen Häusern, zerbombt, zerschunden, zerfallen. Die Natur bemächtigt sich nach und nach der Überbleibsel, verwischt Spuren menschlichen Handelns. Hier und da ein Versuch, mit farbenfrohem Hausanstrich die Tristess auszutreiben. Meist jedoch bleiben neugebaute oder reparierte Häuser unverputzt, betongrau und irgendwie provisorisch. Wir haben die Grenze passiert. Vor den Rädern unseres Busses erstreckt sich Bosna i Hercegovina, meine neue Zweitheimat auf Zeit.

Ich bin überrascht, dass mich das Land so schnell vor seine geschichtlichen Tatsachen stellt. Die Weite der Ebene, die gähnende Leere der Ruinen – für ein Stadtkind beengend, bedrückend. Menschengruppen ziehen meinen Blick auf sich. Ein altes Ehepaar wirft Körner vor die Hühner. Drei kleine Jungen jagen einen streunenden Hund über die Straße. Familien sitzen vor dem Haus oder in ungeschlossenen Wohngaragen. Es ist Sonntag, Familientag. Man isst, man trinkt, man tanzt sogar. Ich muss lächeln. Das Leben geht seinen gewohnten Gang. Angesichts der Vergangenheit unbeeindruckt, trotzig, oberflächlich? Ich werde es herausfinden.

Je weiter wir ins Land vordringen desto gewohnter die Umgebung. Die Häuser sind frisch gestrichen, Blumen in den Balkonkästen, Rabatten vor dem Haus. Ein Wegweiser zu Kaufland lässt heimische Gefühle aufkommen. Wie einfach das doch geht, erschreckend. Und trotzdem: Doch nicht aus der Welt.

Es wird dunkler, mit Straßenlaternen wurde gespart. Wozu auch? Häuser gibt es nur vereinzelt. Schließlich existieren nur noch fünf Personen, zwei Busfahrer und unser Bus. Ein umhergeisterndes Glühwürmchen, Fremdkörper in der Schwärze der Nacht. Die Gedanken schweifen ab zu dem, was ich zurückgelassen habe. Ich lese eine letzte Nachricht aus vertrauten Händen. Rückblicke in die Vergangenheit lassen stille Tränen meine Wangen herunterlaufen. Es war doch so schön. Warum das alles auf’s Spiel setzen? Erwartete Fragen, zurechtgelegte Antworten. Irgendwie muss man sich ja vorbereiten. Weggehen heißt Abschied nehmen und gleichzeitig Empfangen werden. Abenteuer. Herausforderungen. Neue Situationen. Sich selbst ausprobieren, sich selbst finden. …was heißt das eigentlich? Vielleicht herausfinden, was mir wichtig ist; was mich ausmacht; was mich deutsch macht; was mich zu mir macht und gemacht hat. Und was ich eigentlich für meine Zukunft will. Aber Vieles davon ist mir schon bewusst, glaube ich. Schon jetzt bin ich für Vieles und Viele in meinem Leben sehr dankbar.

Ich versuche es etwas banaler. Einfach mal raus aus der Behaglichkeit. Bisher lief alles wie geschmiert. Dann muss man sich eben selbst mal einen Stein in den Weg legen. Oder gleich ein Gebirge. Von München nach Venedig wandern war ein erster Versuch. Aber das reichte nicht. Ich wollte den ganzen Weg umleiten, mich in eine fremde Kultur werfen, die Sprache nicht verstehen, zwischen anderen Menschen wandeln und einen ordentlichen Job machen, mich nicht nur von Lehrern und Professoren mit Wissen berieseln lassen und hoffen, dass etwas kleben bleibt. Mh! Ja, das war es wohl. Und das ist es auch. Gut, dass wir das geklärt hätten. Ich schlafe ein.

Die nächsten Stunden vergehen unruhig, gestört von Pausen an dubiosen Gasthäusern oder neonhell erleuchteten Imitaten von Busbahnhöfen. Der Bus kam in Zagreb 40 Minuten zu spät. Fahrplanmäßige Ankunftszeit in Sarajevo: 0.00Uhr. Ich rufe bei meinem Abholer an, er solle doch später kommen.

Ich schrecke auf. Wir fahren über einen Schotterweg mit ausreichend Schlaglöchern, um den Bus zum Hochseeboot werden zu lassen. Baustelle. Drumherum graue Häuserblöcke, irgendwie fast städtisch. Es ist halb zwölf. Wo sind wir? Als die wenigen Mitreisenden ausgestiegen sind, ruft mir der Busfahrer etwas zu. Irgendwie scheint er mich rauszuschmeißen zu wollen. Ich gehe freiwillig. Das also ist Sarajevo. Ich warte in der Kälte der Nacht auf meinen Abholer, schließlich sollte ich ja viel später ankommen. Es ist eine etwas unsanfte Begrüßung von meiner neuen Heimatstadt. Aber so schnell vergeht der Mut nicht. Nachts ist alles schwärzer. Und ich freue mich auf das Tageslicht.

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