Alltägliche Verwandlung
Mein Tag beginnt nicht als Käfer, sondern als mutierter Primat, was nicht gerade ein Privileg ist, aber umso kafkaesker wirkt.
Vorweg: Das Leben ist nicht so schlimm, wie es sich gerne darstellt. Es sind nur manchmal die Blicke darauf. Gefühlseindrücke, Nuancen, ein Aufstoßen, als würgte man unvermittelt Boshaftigkeit auf die Welt, um sie mit dem zu schmücken, was einer persönlichen Betrachtungsweise unterliegt. Zum zweiten Mal geschieden zu sein lässt nicht viel Spielraum, wenn es darum geht, aus dem Dschungel hormoneller Verwandlungen gesunden Geistes herauszufinden - neigt man nicht hingebungsvoll zur Selbsttäuschung.
Jeden Morgen beginnt für mich eine vertraute Gedankenübung, der ich bis zum Schließen der Haustüre nachgehe. Sie beginnt mit der leiernden Radiostimme, einem Hustenanfall und mit einer dem Blasendruck einhergehenden Erektion. Letzteres ist nicht zwangsläufig ein Hinweis auf einen besseren Tag, denn der Platz neben mir ist leer, als wartete eine Rolle darauf, besetzt zu werden. Ein kurzer Rückblick auf Zeiten, als mich eine Stimme ermahnte, den nervtötenden Wecker abzustellen, nicht so laut zu husten oder sie bitte nicht schon wieder mit der dritten Option zu belästigen, lässt mich eher lächeln als verbittern. Manche klammheimlichen Wünsche gehen doch in Erfüllung.
Dennoch besteht ein Gutteil meines Tagesablaufs darin, auf Hinterteilen, in Dekolletees oder in leuchtenden Augen (Desillusion kann sehr gelegentlich verwirrend sein) ein verheißungsvolles Glück zu finden, obwohl alle täglichen wie zeitlosen Aphorismen einen davor eingehend warnen. Auch dies bezeugt die Dummheit des Menschen trotz inniger und sorgfältiger Reflektion, allerdings bestätigen diverse erfolgreiche Anbahnungen den Unsinn philosophischer Warnung. Aphorismen bestätigen stets banale Weisheiten, wenn sie sich passgenau fügen, lernt man, ihr Umkehrschluss, die Möglichkeit lebensnahe Hilfeleistung daraus abzuleiten, scheitert allerdings kläglich, was ungefähr so hilfreich ist wie Frau Lagardères Augenklimpern, das bisher nur dazu gedient hat, das Redaktionsstockwerk in einen Zustand dauerhafter Erheiterung zu versetzen.
Ich nehme mein Frühstück außer Haus in wechselnden Etablissements und auch nur im Stehen ein. Seit der letzen Scheidung empfinde ich Nahrungsaufnahme als Zeitverschwendung, und ich sehne mich nach kleinen, geschmacksneutralen Pillen, die schnell satt machen und die Verdauung auf ein Mindestmaß reduzieren. Zudem träume ich von Betäubungsdragees, die überbordende Grübeleien und Erwägungen in Schach halten, die man morgens einnimmt und deren Wirkung erst am Abend wieder nachlässt. Ich will nicht ungerecht sein, aber über geistige Ergüsse anderer richten zu müssen ist noch schlimmer als selbst welche für andere anzurichten.
Die Ungerechtigkeit meines Tuns liegt darin, ein Haar in diversen Buchstabensuppen zu finden, die den Weg auf meinen Schreibtisch finden. Als Lektor, Kritiker und Essayist lebt man von der Spannkraft der Worte, aber das, was sich alltäglich über mich ergießt, ist ein zäher Brei ähnlich dem, den ich ausspeie, wenn ich die mir zugewiesene Leserschaft bei Laune halten soll. Der Verlagsleiter hat mir eine Standpauke gehalten, dass nicht mein Talent gefragt sei, sondern die Erheiterung des Leserpotentials, deren Kaufkraft müsste in die Kanäle unserer Abteilung geleitet werden. Als ich ihm aufsässig mit einer albernen Kündigung drohte, fand er, dies sei das Kurzweiligste gewesen, was er in den letzen Monaten von mir vernommen habe, worauf ich wieder pflichtschuldigst hinter meinem Schreibtisch Platz nahm und, ohne eine Miene zu verziehen, mich dem spröden Alltagsgeschehen widmete. Aussprachen mit hierarchisch höher stehenden Menschen hinterlassen stets etwas Erhabenes in mir, was mich wieder auf Verdauung bringt, diesmal eher bezogen auf das Endprodukt.
Der Mittagstisch dient dem Personal eingehend dazu, sich gegenseitig aus vollen Backen anzuspucken, als lieferte Film, Funk und Fernsehen nicht schon genug Geplapper, als wäre jeder Satz so eine Art Rettungsring, um - vor allem bei Tisch! - nicht in Selbstzerfleischung zu versinken. Da es sich stets um ähnliche Geschichten dreht, habe ich gelernt, gleichzeitig zu- und wegzuhören, meine Mimik ist ebenso professionell wie meine Antworten, die nicht floskelhaft klingen, sondern fachspezifisch und treffend. Dennoch weigere ich mich, Essensreste dabei zu versprühen, was mir die Attitüde eines nachdenklichen Menschen verschafft hat, ein Ansehen, das ich einer Angewidertheit und, begrenzt, einem schlichten Verdauungsproblem zu verdanken haben.
Wenn Frau Lagardère mir Unterlagen zukommen lässt, schätze ich sehr an ihr, dass sie keinen dieser figurbetonten schwarzen Hosenanzüge wie die meisten der weiblichen Angestellten trägt, sondern ein Kostüm, meistens mit einem dunkelgrauen Rock aus dünnem Stoff, der an den gespannten Nylons geräuschlos entlang gleitet wie eine kleine breitflächige Magnetschwebebahn. Nicht immer ergibt sich die Gelegenheit die statische Kapazität von Frau Lagardères Garderobe eingehender zu testen, doch in den Momenten, in denen diese Vertraulichkeit stattfindet, ergibt sich schlagartig ein tieferer Sinn hinter morgendlicher Rasur, Dusche, Darmentleerung und notwendiger Stehbarspeisung. Da ich ungern über Selbstverständliches spreche, genügt ein eher beiläufiger Fingerstrich unter den dunkelgrauen Rock entlang der Nylons an ihrem Oberschenkel aufwärts, um festzustellen, ob sie Strumpfhalter trägt oder nicht, denn der Tatbestand eines Strumpfhalters, so hat sich zwischen uns stumm vereinbart, ist ein Indiz für ihre Paarungsbereitschaft, die bitte spontan und ohne viel Tamtam vollzogen sein möchte.
Ich bin mir nicht sicher, ob Frau Lagardères unregelmäßig wechselnde Accessoires bisweilen ein ähnliches Indiz für andere Mitarbeiter des Verlags darstellen, ob zum Beispiel ihre bisweilen zum Zopf geflochtene Haarpracht darauf hinweist, dass sich deswegen Dr. Hanfelhuber von Zimmer 025 zu geräuschlosen Zuckungen hingerissen sieht, oder Herr Hellmann von der Abteilung Romantik aus dem Dritten ein besonderes Auge für die kleine goldene, nur selten angelegte kleine Goldfischbrosche auf dem Revers Frau Lagardères hat, und so weiter, und so weiter, ich fühle mich nicht einmal dazu verpflichtet, mit diesen Herrschaften hormonell oder ideell zu konkurrieren, es ist mir eher gleichgültig, denn Elaine versichert mir durch ihren zuverlässigen wöchentlichen Hüftdruck, dass ich mich zu keinerlei Besorgnis veranlasst sehen muss, weder auf mir nur allzu vertraute Handübungen zurückgreifen noch das Wagnis eines dritten Versuchs frühmorgendlicher Hinweise auf Radiowecker, Hustenreiz oder gutdurchblutetem Hormonpegel eingehen zu müssen.
Am Abend nehme ich mein Essen im Sitzen ein, wieder in wechselnden Restaurants. Manchmal besuche ich ein Bar, vermeide es aber, Blickkontakt mit Damen herzustellen. Einmal saß mir auf der Nachhausefahrt in der U-Bahn kurz vor Mitternacht eine brünette Frau gegenüber, deren übereinander geschlagene Beine einen dunkelgrauen Rock auf glänzenden Nylons etwas weit nach oben rutschen ließ, so dass ich ansatzweise auf den entsprechenden Haltemechanismus schließen konnte. Ihren leuchtenden Blick zufolge klassifizierte ich sie binnen weniger Sekunden als paarbereit, zu vollem Recht, wie sich noch in der gleichen Nacht herausstellen sollte.
So gesehen kann man beziehungstechnisch durchaus behaupten, dass mein Leben noch nie so wenig sprunghaft gewesen ist wie heute - ich bleibe nicht nur meinen Reiz-Reaktions-Mustern treu - was mich gelegentlich auf den Gedanken bringt, ob Freiheit prinzipiell möglich ist, betrachtet man die konditionierte Veranlagung zeitgemäßer Fortpflanzungsstrategien. Ich schaltete übrigens in dieser Nacht den Radiowecker aus, trank mit der Nylon-Dame vor dem Schlafengehen noch heißen Salbeitee und gestand ihr, dass ich morgens bisweilen hartnäckige Erektionserscheinungen hätte.
"Sehr schön...", meinte sie lächelnd.





Kommentare
Sehr nett... :-)
01.09.2007, 20:58 von roxanne...!
25.07.2007, 14:17 von KiyanSehr schön, meine auch ich lächelnd ob dieses Textes.
16.07.2007, 17:17 von NinaBerthObwohl dein Protagonist ein Arschloch ist.
Und das hier unterschreibe ich voll: "Ich will nicht ungerecht sein, aber über geistige Ergüsse anderer richten zu müssen ist noch schlimmer als selbst welche für andere anzurichten."
Wunderbarer Satz!
:))