Benedikt_Sarreiter 20.10.2006, 15:42 Uhr 0 1

A bis Z: Rauchen

Rauchen

Der uralte Krieg zwischen Rauchern und Nichtrauchern geht in die letzte Runde. Es sieht so aus, als hätten Letztere den längeren Atem. Bevor sich der Dunst lichtet, hier nochmal das Wichtigste über Kultur, Geschichte und Gefahren des Rauchens in 26 Stichworten.

A Anfangen: Nicht nur das Aufhören ist schwer, auch das Rauchen anfangen muss man erst mal schaffen. Von >Genuss kann nämlich zu Beginn der Raucherkarriere überhaupt keine Rede sein. Beim ersten >Inhalieren geht es dem Jungraucher so richtig dreckig. Die Bronchien schmerzen, der Kreislauf sackt ab, Rauch sticht im Auge. Das Schlimmste aber: Der Rauchanfänger steht unter strenger Beobachtung der Meinungsführer in seiner Gruppe und darf sich sein Elend nicht anmerken lassen. Schließlich verspricht er sich von seiner ersten Zigarette einen Zuwachs an >Coolness. Coole Typen aber werden von dem bisschen Nikotin nicht gleich blass um die Nase.

B Benzpyren : Schon mit dem ersten Zug zieht sich ein Raucher eine Vielzahl von Giftstoffen in die Lungen, darunter Kohlenmonoxid, Blausäure oder Formaldehyd. Besonders unbeliebt bei Bronchien ist der polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoff Benzpyren. Die Substanz entsteht beim Abbrennen der Zigarette und ist Krebserreger Nummer eins.

C Coolness: Die 40er-Jahre-Ikone Lauren Bacall lässt lässig den Rauch ihrer Chesterfield durch die Nase entweichen; Serge Gainsbourgs Kippe hängt im Mundwinkel, er raucht freihändig, das können nur Franzosen. Cool Smoking. So wie Bacall und Gainsbourg will man beim Rauchen aussehen und schafft es doch nur selten.

D Drehen: Die urige Alternative zu Filterzigaretten. Vor allem in alternativen Kreisen weit verbreitet. Außerhalb der Subkultur war Drehen bis vor ein paar Jahren etwa so schick wie ein verlauster Punker-Schäferhund. Seit aber die Steuer auf Filterzigaretten ab 2004 stufenweise erhöht wurde, drehen immer mehr: Der Feinschnittkonsum stieg um mehr als 30 Prozent.

E Existenzialisten: Jean-Paul Sartre war starker Raucher, Albert Camus steckte sich so unermüdlich Zigaretten an, wie Sisyphos seinen Stein den Berg hinaufrollt. Neben schwarzem Rollkragenpulli und schwarzem Brillengestell war die schwarze Lunge ein weite res Accessoire der Existenzialisten und ihrer Fans.

F Feuerzeug : Die Feuerzeuge eines Rauchers kommen und gehen. Nur eines bleibt, denn es ist teuer und ein Mythos – das Zippo- Sturmfeuerzeug. Wenn das Klicken der Verschlusskappe erklingt, weiß man, der Feuergebende ist ein Mensch, der das Abenteuer vermisst. Eigentlich würde er sich gerne mit John Wayne eine Kippe im Schützengraben teilen oder mit der Zigarette im Mund seinen Jeep aus Amazonas-Schlamm befreien. Doch dann ist er nur im Büro, und es stinkt nach Feuerzeugbenzin.

G Genuss: Beliebter Kampfbegriff der Raucher, mit denen die Sucht vor >Nichtrauchern verteidigt werden soll. Die Tabakindustrie bediente sich dieses Argumentationsmusters mit dem Slogan »Jede Zigarette, die man nicht genießt, ist eine zu viel«. Wobei verschwiegen wird, dass auch das Stillen des Suchtdrucks einen gewissen Genuss verschafft.

H Hollywood: Rauchende Filmstars sind nach Meinung der Antiraucherlobby ein schlechtes Vorbild für Teenager und für deren Griff zum Glimmstengel mitverantwortlich. Die von dem Medizinprofessor Stanton A. Glantz ins Leben gerufene »Smoke Free Movies«-Bewegung fordert ein R-Rating für Streifen, in denen geraucht wird. Dann dürften Jugendliche unter 17 solche Filme nur noch in Begleitung ihrer Eltern ansehen.

I Inhalieren: Richtiges Rauchen, bei dem die Lungenbläschen das Nikotin absorbieren und mit Teer verschmieren. Das Gegenteil von Paffen, bei dem es der Rauch nur in die Mundhöhle schafft. Junge Raucher paffen besonders gerne, um die Strapazen des >Anfangens etwas abzumildern.

J Jean Nicot: Französischer Diplomat im 16. Jahrhundert und Namensgeber des Nikotins. Nicot brachte Tabak nach Europa und warb dafür wie ein Wanderprediger. Das Wunderkraut sollte Migräne und Pest heilen.

K Kettenrauchen: Der Körper des Kettenrauchers scheint das Nikotin zu brauchen wie ein Auto Benzin. Kettenraucher sind extrem süchtig, rauchen bis zu 120 Zigaretten am Tag. Berühmte Kettenraucher sind: Joaquin Phoenix, Kiefer Sutherland, Britney Spears’ Gatte Kevin Federline und Pete Doherty.

L Lavendel: Diente vor der Entdeckung Amerikas in Europa als Rauchkraut. Aber der Qualm enthielt nicht mal Nikotin. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren heute Kräuterzigaretten, mit denen schwer abhängige Raucher endlich ihren letzten >Zug schaffen wollen. Statt Lavendel stinkt hier eine Mischung aus Haselnuss, Papaya und Eukalyptus. Das Kräuterzigarettenrauchen kann man sich damit schnell abgewöhnen. Vor allem, weil eine Schachtel 7 Euro kostet.

M Milliarden: 20 Milliarden Euro haben deutsche Raucher 2005 für Zigaretten ausgegeben, 14,4 Milliarden Euro Steuern hat das in die deutsche Staatskasse gespült, 2 Milliarden Euro verliert der Fiskus angeblich durch Schmuggelware jährlich. Die EU subventioniert den Tabakanbau mit fast einer Milliarde Euro pro Jahr. Und gibt 72 Millionen für Anti- Nikotinkampagnen aus.

N Nichtraucher: Feind des Rauchers. Der Nichtraucher, besonders wenn er mit Sendungsbewusstsein versehen ist, war früher meist selbst >Kettenraucher. Ist er in der Minderzahl, etwa im Nachtleben, leidet er still. Ertappt er hingegen tagsüber einen einzelnen Raucher beim Anstecken der Zigarette, wird mit Handwedeln, Hüsteln und bösen Blicken tiefe Verachtung signalisiert.

O Objekt der Begierde: Dieses ist für ehemalige Raucher tabu. Eine Zigarette reicht nämlich schon, um alte Suchtmuster im Gehirn wieder zu reaktivieren. Inner halb kürzester Zeit ist man so wieder beim ursprünglichen Konsum.

P Passivrauchen: Der Begriff wurde das erste Mal 1939 in dem Buch »Tabak und Organismus« verwendet. Geschrieben hat den 1000-Seiten-Wälzer der Arzt Fritz Linckint im Auftrag der Nationalsozialisten. Hitler (»Die deutsche Frau raucht nicht!«) und Co. Waren entschiedene Rauchgegner. Zugunsten der Volksgesundheit führten sie Nichtraucherabteile in der Reichsbahn und rauchfreie Zonen in öffentlichen Gebäuden ein. Der deutsche Soldat durfte sich auf dem Schlachtfeld seine Reval freilich schon anstecken und mit Nikotin seine Angst betäuben. Einer Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums zufolge sterben in Deutschland jährlich 3300 Nichtraucher an den Folgen des Passivrauchens.

Q Quarzen: Nur einer von vielen Jargonausdrücken fürs Rauchen. Ebenfalls beliebt sind qualmen, eine durchziehen, eine anstecken, schmauchen. Nur in Österreich gebräuchlich ist der Begrifftschicken, der sich von Tschick, österreichisch für Zigarette, ableitet.

R Rauchverbote: Im 17. Jahrhundert musste man als Raucher mutig sein, denn damalige Potentaten verfolgten das Rauchen gnadenlos. In Russland drohte Zar Michael Feodoro mit harten Prügelstrafen und Naseabschneiden, Schah Abbas von Persien ließ Lippen von Rauchern verstümmeln, und in der Türkei wurde Rauchen sogar mit dem Tode bestraft. Saparmurat Nijasow, der sich selbst in Turkmenbashi (Führer aller Turkmenen) taufte, verbot in Turkmenistan das Rauchen in der Öffentlichkeit, nachdem er es sich selbst wegen einer Herzoperation abgewöhnen musste.

S Schwäche: Alles kann Grund zum Wiederanfangen sein: ekstatisches Glücksgefühl ebenso wie teerschwarze Depression, nervenzerrüttender Arbeitsstress wie Fünf-Uhr-Morgens-noch-nen-Wodka-Feeling. Und selbst das völlige Fehlen derartiger Extremsituationen, also bleierne Langeweile, kann einen zur Zi garette locken, weil man sich damit das Nichts in appetitliche Fünfminutenhäppchen portionieren kann.

T Luther Terry: Ab 1964 spürte die Tabakindustrie massiven Gegenwind. Diesen blies Luther Terry, der Vorsitzende des US-Gesundheitsministeriums. Er stellte den nach ihm benannten Terry-Report vor. Das erste Mal wurde der Zusammenhang von Lungenkrebs und Zigarettenkonsum wissenschaftlich und offiziell bestätigt.

U Unsinn: Um sich gegen die Anti Smoking League zu wehren, gründeten mehrere amerikanische Rauch unternehmen das Tobacco Institute. Wissenschaftler sollten dort die gesundheitsschädlichen Folgen von Zigarettenkonsum in Frage stellen. Das Institut war als Propagandatool gegen eine schärfere Rauchergesetzgebung gedacht. Dessen Ergebnisse konnten aber oft widerlegt werden, sie gelten als wissenschaftlicher Unsinn.

V Vatikan: Seit 1. Juli 2002 gilt im Vatikanstaat Rauchverbot. Aber früher qualmte dort nicht nur Weihrauch: Kardinal Prospero Pubblicola di Santa Croce führte den Tabak, das »Heilige-Kreuz-Kraut« im 16. Jahrhundert im Vatikan ein. Papst Leo XIII. (1878–1903) soll ein leidenschaftlicher Raucher gewesen sein, Pius XI. (1922–39) rauchte nach dem Essen, Pius XII. (1939–58) musste das Rauchen wegen einer Lungenentzündung aufgeben. Johannes XXIII. (1958–63) rauchte bis zu einer Schachtel am Tag, und selbst der asketische Paul VI. (1963–78) rauchte gelegentlich. Papa Ratzi freilich raucht nicht.

W Warnhinweise: In Kanada, Brasilien, Singapur, Thailand und Australien sind bildliche Warnhinweise auf Zigarettenschachteln vorgeschrieben. Wenn man sich in Rio ein Päckchen kauft, lachen einen Raucherlungen und -beine an.

X X-Rays: Auch Röntgenstrahlen, sind im wahrsten Sinn des Wortes Todesstrahlen für den Raucher. Klingt ein hartnäckiger Husten auch nach vier Wochen nicht ab, ist es an der Zeit, sich mal den Brustkorb röntgen zu lassen. Zeichnen die X-Rays dann den Schatten des gefürchteten Bronchialkarzinoms auf die Mattscheibe, ist es aber oft schon zu spät. Nur 12 Prozent über leben die ersten fünf Jahre nach der Diagnose.

Y Yen: 270 Yen kostet in Japan eine Schachtel Zigaretten, das sind umgerechnet zwei Euro. Damit sind Zigaretten in Japan so billig wie in sonst keiner großen Industrienation.

Z Zug, letzter: Diesen bewusst zu machen – und dann für immer aufzuhören, da zu ermuntert Allen Carr mit seinem Ratgeber »Endlich Nichtraucher«, dem populärsten Rauchentwöhnbuch. Damit sollen Raucher lernen, ihre >Schwäche zu analysieren und sie so in den Griff zu bekommen. Im Juli gab Carr bekannt, dass er an Lungenkrebs leide und noch etwa neun Monate zu leben habe.

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