Kiyan 05.03.2007, 16:11 Uhr 21 20

3 Äpfel und ne Packung Schnittbrot

Ich hatte richtig gesehen, die Äpfel verschwanden nacheinander in ihrer Tasche. Jetzt klauen die alten Leutchen schon aus Langeweile...

Mal wieder so ein beschissener Tag.

Stress und Ärger im Job.
Zuhause zwar alles soweit ok, aber wir fielen beide seit Monaten abends todmüde ins Bett und eine Auszeit war dringend mal wieder angesagt. Ich muffelte in Gedanken vor mich hin und konnte mich nicht entscheiden, welchen Salat ich einkaufen sollte. Es war schon kurz vor 8 und ehrlich gesagt hatte ich keine große Lust, gleich noch in der Küche rumzuwursteln. Ein wenig Käse, Trauben und gut ist, prima. Habe ich da gerade richtig gesehen? Ich hatte. Über den Trauben hing aus beleuchtungstechnischen Gründen ein rechteckiger kleiner Spiegel und ich sah zufällig, wie die alte Lady hinter mir einen Apfel in ihrer Tasche verschwinden ließ. Breit grinsend zupfte ich an den Früchten und verfolgte neugierig das Kidnapping zweier weiterer Äpfel.

Dass die alten Leutchen jetzt schon aus Langeweile klauen, fand ich töfte. Ist gar nicht so abwegig, dass sich mit dem Alter gewisse Dinge aus Kindertagen wiederholen.

Schnell noch ein Baguette und nichts wie raus aus dem Laden.

Die alte Lady huschte gerade um die Ecke, als ich nach der Baguettestange griff, in ihrer Hand ein Päckchen geschnittenes Brot, das sich bei der nächsten Begegnung an der Kühltheke ebenfalls in Luft aufgelöst hatte. Offensichtlich war ich der einzige, der es gesehen hatte, denn niemand reagierte. Gut so, mir war es eh egal. Erst jetzt in dem grellen Neonlicht der Theke konnte ich sehen, dass es keine Langeweile war, die sie zum Klauen trieb. Ich wurde rot. Scheiße. Der Mantel war längst aufgetragen und leicht schmutzig und ihre Schuhe hätten einen diesjährigen Wintereinbruch genauso wenig überlebt wie die löchrigen Wollsocken. Die alte Dame stahl sich hier ihr so genanntes täglich Brot zusammen. Da war es wieder. Dieses blöde Gefühl, wenn man mal wieder mit der Realität außerhalb des eigenen Umfelds konfrontiert wird.

Bei allem Bewusstsein und Interesse für die Belange anderer, für soziale und politische Dinge, ist es trotzdem schon teilweise hart, wenn man face to face daran erinnert wird, wie gut es einem doch selbst geht.

Dieses „face to face“ berührte mich besonders.
Sie tat mir leid. Ich schätzte sie auf Mitte 70, ihr weißes Haar war zu einem Knoten zusammengebunden und wenn man richtig hinschaute, konnte man sehen, dass sie ganz sicher keine üppige Rente bekam. Ich dachte an meine Oma, die bis zum Schluss finanziell bestens versorgt war, an meine Tanten, an deren Freundinnen und Nachbarinnen, alles lustige Witwen, die es sich gut gehen lassen können. Die alte Lady schien das Lustige in ihrem Leben zu vermissen, traurig und trüb ihre Augen. Sie zitterte. Fast unmerklich, aber sie hatte klapprige Hände, als sie die zwei Bananen aufs Laufband legte.
Dieses Gefühl war nicht nur blöd, richtig beißend stach es in meiner Brust. Verdammt, ich hatte beschämtes Mitleid. Überlegte, ob ich ihr gleich was zustecken oder sie zu einem Kaffee einladen sollte. Aber am Ende wäre sie noch gekränkt, wenn ich sie anspräche. Ich konnte mich nicht entscheiden, schaute mich aufmerksam um. Nein, es schien tatsächlich niemand bemerkt zu haben, dass sie sich etwas in ihre Tasche gesteckt hatte.

Ein Profi war sie nicht.
Hektisch klaubte die alte Frau mit gesenktem Kopf ihre Centstücke aus dem Geldbeutel, zahlte und verließ schnell den Laden. Ich atmete erleichtert auf, zahlte ebenfalls, packte die Lebensmittel ein und ging. Es nieselte. Nichts wie ins Auto und rein in die warme Wohnung, für heute hatte ich genug. Ob die alte Frau es wohl warm hat, da wo sie wohnt? Das Gefühl wieder. Doch, manchmal beschleichen mich merkwürdige Bedenken, so ein bisschen Angst, wenn ich ans Alter denke. An mein Alter. Klar, es ist müßig. Trotzdem, manchmal.

Durch das Klacken der Autotür hätte ich ihr leises „Danke“ fast überhört.

Überrascht drehte ich mich zu ihr um.
Sie stand ein, zwei Meter vor mir, schaute mich verlegen, beinah schüchtern an und ich stotterte etwas von „...kein Problem“ und guckte ebenso verlegen drein. Die Lady hatte irgendwie mitbekommen, dass ich sie im Spiegel beobachten konnte und war erstaunt, dass ich an der Kasse nichts gesagt habe. Ich sah, dass sie ängstlich war. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, faselte, dass es schon in Ordnung sei und sie für Brot und Äpfel sicher eine gute Verwendung hat. Jetzt wirklich verlegen knabberte ich an meiner Unterlippe und lugte unsicher zu ihr rüber. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie sagte, das hätte sie, bedankte sich noch mal und tippelte in die Dunkelheit.

Ich zündete mir eine Zigarette an.

Dachte nach.
Über die Frau, das Alter und die Dinge überhaupt. Nee, ich hatte ihr zu danken. Dafür, nicht zu vergessen, hier und da mal über den eigenen Tellerrand zu schauen...

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21 Antworten

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    Manchmal helfen so Momente wirklich einzusehen, wie gut es einem doch geht... das man z.B. hören kann, sehen, laufen, genug Geld hat um sich die Sachen zu leisten, die man braucht... z.B. Zigaretten und ein Auto wie ich oben gelesen habe... alles Güter, die mir nicht vergönnt sind momentan, aber wenn man sich zusammen reißen muss, merkt man erst, welche Dinge wirklich zählen im Leben.
    Sehr guter Text

    17.05.2007, 16:46 von talentfrei
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    Traurige Geschichte. Sehr traurig. Aber was soll man machen? Man sieht, registriert und fühlt sich schuldig, weil man sowas nicht nötig hat. Ansprechen? Wie helfen ohne zu kränken?

    04.05.2007, 13:27 von Connyi
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    Wow! Super geschrieben!

    04.05.2007, 13:08 von Principessa
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    ps. bitte entschuldigt meine grammatik bzw rechtschreibung ;)

    28.04.2007, 14:24 von lina-ribena
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    have you seen the old girl who walks the streets of london, dirt in her hair and her cloths in rags she´s no time for talking she just keeps right on walking carrying her home in two carrier bags....so how con you tell me you´re lonely

    ich weiss es ist nicht das gleiche aber immer wenn ich streets of london höre hab ich genau das gefühl, das du da beschrieben hast.

    sehr schöner text.

    28.04.2007, 14:23 von lina-ribena
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    traurig und schön gleichzeitig. macht nachdenklich.
    der text hat mich an eine alte frau erinnert, die ich schon öfter vom fenster aus dabei gesehen habe, wie sie die mülleimer nach pfandflaschen durchsucht... sie hat immer den gleichen rock an, und sie schiebt ihr fahrrad, das mit lauter körben behängt ist, ganz langsam jeden tag hier durch die straßen.
    ich schmeiß jetzt öfter mal meine pfandflasche in den mülleimer.. kanns das sein???
    und wie so oft überleg ich, ob und was ich tun könnte...

    14.03.2007, 00:29 von HerrNilsson
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    schön erzählt... gefällt mir! auch wenns so traurig ist.
    liebe grüße

    10.03.2007, 22:48 von ninasofie
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    Sehr interessante Begegnung; Es sind diese zwischenmenschlichen Begegnungen, die - ist man empfänglich dafür - einen prägen.

    10.03.2007, 11:09 von Dareios
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    ein richtiges märchen...
    wie märchen sein sollten!

    08.03.2007, 12:07 von juhulia
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      @juhulia Märchen? Puuh, schön wärs, leider eher bittere Realität.

      08.03.2007, 12:13 von Kiyan
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