Zynischer Zeitvertreib
Jeder kann aus allem Profit schlagen. Warum nicht auch der Arbeitslose aus der Arbeitssuche?!
Ich habe ein neues Hobby. Es heißt Absagen auf Bewerbungen sammeln. Zugegeben, das klingt etwas umständlich. Aber ich habe die Lust verloren, einen griffigeren Namen zu suchen. Ebenso wie ich die Lust an den Absagen verloren habe. Aber die Arbeitslosigkeit bedingt nun einmal sowohl die Arbeitssuche als auch die Zeit für neue Hobbys. Warum also nicht beides verbinden – wenn es auch zynisch sein mag.
Klar, lieber würde ich Einladungen zu Vorstellungsgesprächen sammeln oder direkt zurückgeschickte Verträge, zwischen denen ich mich nur noch entscheiden muss, welchen ich unterschreibe und wieder an den zukünftigen Arbeitgeber sende. Doch von den Absagen gibt es ja viel mehr. Deswegen sammeln Leute auch Briefmarken und nicht etwa Heizkörper. Von den kleinen, klebrigen, gezackten Papierfetzen gibt es viel mehr Varianten.
Und auch Bewerbungsabsagen können sehr interessante Variationen annehmen: Eigentlich steht in allen nur ein und derselbe Text. „Wir wollen Sie nicht!“ Anstatt es aber so direkt und deutlich auszudrücken, versuchen sich die Personalabteilungen und Sekretariate aber lieber in komplizierten Verklausulierungen und Fabulierungen. Das verfeinert das Hobby: Die Absageschreiben werden nicht einfach nur so in eine Box geschmissen, um sie irgendwann mit Sinnesgenossen wieder auszugraben. Sie lassen sich nach Witz und Dreistigkeit ihres Inhalts ordnen.
Die blaue Mauritius unter den bisher eingetroffenen Absagen ist die Formulierung „Wenn Sie nun eine Absage erhalten, so bedeutet das angesichts der großen Zahl der Einsender kein Werturteil.“ Nein? Was bedeutet eine Absage denn anderes als "Du warst zu schlecht für unsere Anforderungen" oder "Im Vergleich zur Konkurrenz warst du nicht gut genug"?! Und "gut" und "schlecht", liebe Personaler, sind nun mal eindeutig Werturteile – auch wenn ihr das natürlich so nie explizit in eine Absage schreiben würdet...
Auf Platz zwei befindet sich ein Satz, dessen Dreistigkeit in einer Absage eigentlich nur von einem Wörtchen abhängt: „Bereits heute ist absehbar, dass es am Ende eher auf andere Bewerber(innen) hinauslaufen wird.“ Was sollen die vier Buchstaben „eher“ in einem Rückbrief, wenn dem gleichzeitig die komplette Bewerbungsmappe beiliegt? Die Chance ist jawohl "eher" vertan.
Für allen Mist gibt es doch Workshops und Seminare. Warum nicht auch fürs Formulieren von Absagen? Da die schon an sich wenig erfreulich sind, erspart doch den frustrierten Bewerbern wenigstens solche dummen Sprüche. Begründet abzusagen wäre ehrlich. Wenn ihr euch das nicht traut, verarscht uns bitte nicht. Denn auch wenn wir – ganz wertfrei – zu schlecht für euch sind, blöd sind wir noch lange nicht.
Aber nicht nur die Anschreiben sind blanker Hohn. Der Höhepunkt im aktuellen Bewerbungsmarathon abseits des Schriftverkehrs war der Anruf einer Sekretärin, die am Tag vor dem potenziellen Vorstellungsgespräch zu diesem Einlud und gleichzeitig als Bedingung stellte, dass der Anfahrtsweg kürzer als vier Stunden sein muss. Schade, dass Deutschland nicht Andorra ist...
Damit liege ich momentan zwar gut im Rennen, wie ich finde. Aber eine Freundin, ebenfalls derzeit arbeitsuchend, hat schon gekontert. Einer ihrer Wunscharbeitgeber hat zurückgeschrieben: „Täglich treffen wir viele Entscheidungen – auch solche, die uns weder leicht fallen noch angenehm sind: Ihnen heute absagen zu müssen, gehört dazu.“ Den Stich hat sie gewonnen.




Kommentare
Ja, bewerben macht keinen Spaß. Es ist aufreibend und zehrend und ständig soll man etwas anderes zu 100% wollen und entsrpechend vertreten. Es ist auch schwer, die unzähligen Absagen nicht persönlich zu nehmen, aber das ist der Weg zu einem besseren Gefühl. So blöd es klingt, es geht ja nicht um dich.
08.04.2009, 09:52 von frolleinmueller