MaasJan 21.05.2012, 19:48 Uhr 12 16

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Es schallt aus den Lautsprechern durch all die ruhigen Straßen..

"Kommen Sie rein! Dann können Sie raus gucken" - das gilt auch für mich, aber gerade bin ich voll. Nicht im herkömmlichen Sinne, obwohl ich natürlich die ein oder andere Flasche Eierlikör intus habe. Aber sobald sich jemand in mir bewegt, wird es eng. Sicherlich, es hätten auch 2 Leute Platz, aber das ist nicht Sinn der Übung.
Es reicht vollkommen aus, wenn ein Mann in mir mit den Kugeln hantiert. Auf Äußerlichkeiten gebe ich nicht all zu viel, darf ich auch nicht. Hier und da platzt der Lack etwas ab und besser in Form war ich auch schon mal.
Aber in meinem jetzigen Dasein erfülle ich die an mich gestellten Anforderungen. Außenstehende halten mich eigentlich durch die Bank für unterkühlt und ehrlich gesagt, ganz Unrecht haben sie nicht. Aber wenn ich mit meinem sonoren Organ durch die Straßen schalle, laufen sie mir hinter her, ob jung, ob alt, nahezu alle haben dieses spezielle Glänzen in den Augen.
Und wer will es ihnen verdenken, gerade bei schönem Wetter sind die Kostbarkeiten aus meinem Leib eine Delikatesse.
Natürlich ist Schokolade der Renner, aber auch die fruchtigeren Sorten laufen gut aus mir heraus.
Am Abend hat dann auch mein Besitzer glänzende Augen, so er denn die Einnahmen nicht schon vor dem Zählen unter die Barkeeper gebracht hat. Aber auch dann glänzen seine Augen gelegentlich. Nur sind die blutunterlaufenen Äpfel am nächsten Tag dann nicht das Verkaufsargument N° 1, auch wenn die kleinen Augen nicht dann wenigstens nicht in den Ausschnitt der jungen Damen fallen, die uns beehren.
Und eigentlich kann er sich die ganze vernebelte Trinkerei auch kaum erlauben, unsere Konkurrenz schläft nicht und wir müssen jederzeit hellwach sein.

Um die besten Plätze ist wie am Straßenstrich ein Kampf unter den Verkäufern entbrannt. Nun, natürlich ganz ohne Zuhälter, wer will schon bei Eiswagen Schutzgeld kassieren. "Business, diesdas, verstehst?" klingt einfach besser. Der Vergleich hinkt auch nur auf den ersten Blick, die hygienischen Zustände werden zwar nominell kontrolliert, aber im Grunde geht es darum, an der Straße billig in Genuss zu kommen, da muss man auch Abstriche machen.
Jedenfalls ist das meine Meinung.
Wer sich ohne Salmonellen durch das Leben bewegen will, soll in die Etablissements der Innenstädte wandern.
Wir könnten uns höhere Preise gar nicht leisten, es tobt ein knallharter Wettbewerb um jeden Kunden.
Schlimm genug, dass die Schrotthändler mit ihren abgewrackten Wagen Melodien pfeifend durch unsere Gebiete marodieren und mit den Erwartungen unsere Kunden spielen.
Dreister sind aber die anderen Wagen. Mir wurden schon die Reifen zerstochen, die Nummernschilder geklaut und der Lack zerkratzt. Die Fahrtrouten mit genauen Zeitangaben unter Zuhilfenahme schändlichster Methoden ausspioniert und unser Kundenstamm durch Gratissahne und üble Nachrede korrumpiert. Geholfen hat es nur bedingt.
Wir sind noch gut im Geschäft und erkämpfen uns Firmenparkplatz um Firmenparkplatz zurück, Neubaugebiet um Neubaugebiet, unser Schlachtengrund ist unendlich groß. Deswegen mussten wir auch aufrüsten.
Krähenfüße gehören jetzt genauso in die Grundausstattung wie tote Mäuse für das unachtsam aufgelassene Fenster über der Kühlanlage.
Mein Inhaber ist auch gewillt, dunkle Zauber anzuwenden, die Hasenpfoten hat er sich schon besorgt.
Einen ganzen Strauß, frisch geschnitten.
Mitten im Häuserkampf und trotzdem finde ich die Zeit, Ihnen das alles zu erzählen? Es wundert Sie ein wenig? Zu Recht.
Ich erzähle das hier alles aus freien Stücken und brühwarm.
Als Eiswagen. Aber es ist ein Dilemma. Da will man einmal im Rausch des Aktionismus einen Konkurrenten aus dem Geschäft und in den Straßengraben drängen und dann..

Dann steht man in der Blechlawine und atmet Abgase. Wenn ich mir so meinen Besitzer im Spiegel betrachte, spielt er gerade mit dem Gedanken, spontan auf der Autobahn zu öffnen und neue Kundenstämme zu erschließen. Mir soll das recht sein. Kommen Sie rein! Dann können Sie raus gucken. Ich bin für vieles offen, aber eigentlich fast immer voll.


Tags: Lirum, larum, Löffelstiel, kleine Kinder fressen viel
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12 Antworten

Kommentare

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    Haha, tolle Überschrift. Eigentlich wollte ich dir nur zwei geben (an anderer Stelle zunächst geschehen) aber in diesem Fall muss ich das akzeptieren! ;)

    Wirklich ein cooler [sic] Text. Der ganze Erzählstil ist schön. Geistreich und originell. Der Erzählfluss ist grundsätzlich angenehm und funktioniert zum größten Teil. (Ausnahme für mich der Anfang des zweiten Abschnitts)

    Was mich an dem Text eigentlich am meisten beeindruckt, ist, dass er ein echter JanMuus ist, aber doch eine Abwechslung. Schon wieder. Schön.

    In diesem Sinne:

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    28.05.2012, 15:26 von Trebor-Faust
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    Wow...Du wirst immer besser !

    24.05.2012, 19:53 von cosmokatze
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    "Business, diesdas, verstehst?" klingt einfach besser.
    Wuaaaaah, da war ich fast gewillt, nicht weiter zu lesen. Dieses diesdas finde ich gruselig; das ist für mich so ein bißchen "Asi-Sprech" - hört man hier im Norden total oft. ;) Ansonsten ganz lustig, aber am besten sind die Tags. Startseite würd ich jetzt zwar nicht proklamieren, aber als kleines Textchen to go kann man ihn durchaus weiterempfehlen :)

    22.05.2012, 19:27 von topfbluemchen
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