DocFunkenstein 02.10.2005, 19:14 Uhr 4 0

Vom Wachstum und anderen Utopien

Die Stimmungslage der Wirtschaft ist gut wie schon lange nicht mehr. Kommt jetzt der langersehnte Aufschwung? Zweifel sind angebracht.

Seit Jahren versucht man uns nun weiszumachen, durch mehr Wachstum entstünden neue Arbeitsplätze. An sich richtig, nur müssen wir uns von der Idee des ständigen Wachstums ein für allemal verabschieden.

"Wachstum schafft Arbeit", "Mehr Wachstum, mehr Arbeit" - so oder so ähnlich klingt es aus allen Lagern. Die einen wollen es mit angebotsorientierter Wirtschaftspolitik schaffen, die anderen mit der Stärkung der Binnenkonjunktur. Und nach Meinung der Neokonservativen in unserem Land müssten, um dieses ominöse Wachstum zu erreichen, natürlich die Steuern gesenkt, der Kündigungsschutz gelockert und Sozialleistungen gekürzt werden. Und das alles auf Kosten der Kleinen, die zynischerweise nicht abwandern können, respektive keine Lobby haben. Kurz: Alles, wofür unsere Eltern und Großeltern gekämpft haben, soll geschliffen werden. Sozialstaat? - Sei obsolet. Eigentum verpflichtet? - Linkspropaganda von vorgestern. Progressive Einkommenssteuer? - Nicht in Henkel-Land.

Dabei stößt der gegenwärtige Kapitalismus doch ganz offensichtlich an seine Grenzen. Schwupps, sind wir mal wieder beim Beispiel Deutsche Bank. Keine Angst, wird nicht schlimm. Nur soviel: Deren wirtschaftliche Situation hat sich in den letzten Jahren, nicht zuletzt dank Herrn Ackermann, enorm verbessert. Riesige Gewinne wurden kumuliert. Aber was tun, mit einem solchen Haufen Geld? Verschenken wäre zu einfach, Verbrennen nicht p.c.; hmmmm? In Arbeitsplätze investieren? Weit gefehlt. Stattdessen wurden Vorstandsgehälter erhöht und zeitgleich Tausende Stellen gestrichen. Das Verwegene daran ist nur: Man kann es ihnen nicht einmal vorwerfen. Hätte Ackermann anders gehandelt, wäre die Deutsche Bank nach der Hypovereinsbank womöglich der nächste Übernahmekandidat für die Heuschrecke ihres Vertrauens. Die international agierenden Unternehmen sind nun mal zur Rationalisierung gezwungen um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Und es zeigt sich: In Zeiten der Globalisierung ist der Kapitalismus als Sozialstaat hoffnungslos überfordert. Hier dreht er sich im Kreis, hier pervertiert er sich selbst. Man könnte die Steuern noch ein Dutzend Mal senken, die Gewinne würden, statt in Arbeitsplätze investiert zu werden, als Dividenden verwurstet bzw. zur Eigenkapitalerhöhung genutzt.
Zusammengefasst: Die Unternehmen machen seit Jahren wieder größere Gewinne, trotzdem steigt das Wirtschaftswachstum kaum bis garnicht. Das heißt gerade WEIL die deutsche Wirtschaft so tüchtig und erfolgreich ist (Stichworte: Automatisierung/ Rationalisierung), ja gerade deshalb verlieren wir mehr und mehr Arbeitsplätze. Darum spreche ich von der Wachstumslüge.

Wir müssen einfach lernen, mit zwischen 3 und 4 Millionen Arbeitslosen zu leben. Die Globalisierung und das aus ihr resultierende Lohndumping trägt ihren Teil dazu bei; und dies wird wohl vor allem die Geringqualifizierten treffen.
Schockiert uns das? Vielleicht. Aber auf keinen Fall sind wir paralysiert.
Vielmehr sollten wir umdenken und umsteuern. Wie in den skandivischen Ländern sollten wir eine Art "Bürgergeld" einführen, nicht vergleichbar mit einer Grundsicherung am Existenzminimum. Es muss ALLEN ermöglicht werden am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen, um somit gesellschaftlicher Ausgrenzung vorzubeugen. Denn immer extremer werdende Klassenbildung und soziale Polarisierung sind der Nährboden für gesellschaftliche Unruhen, wie wir sie noch vor kurzer Zeit bei unserem direkten westlichen Nachbarn beobachten konnten.

Warum erhalte ich heutzutage eigentlich auf jede Frage immer die gleiche Antwort? "Wirtschaft!".
Schon Clinton behauptete im 96er-Wahlkampf kühn: "It's the economy, stupid!" Aber sind denn alle Belange unserer Existenz nur noch durch Ökonomie bestimmt? Gibt es denn nicht auch ein intellektuelles, spirituelles und leidenschaftliches Leben NEBEN dem Job? Ich will in einer solchen Welt jedenfalls nicht leben. Wir müssen diesen Teufelskreis endlich durchbrechen, diesem Dämon mal so richtig in die Weichteile treten. Es ist möglich. Niemand (naja, fast) will den reinen Sozialismus, so wie er in der DDR gescheitert ist, aber es muss endlich wieder ein gesundes Mittelmaß geben, das den globalen Kapitalismus bändigt, dem seit dem Fall der Mauer und des damit verbundenen Zusammenbruchs des Korrektivs Kommunismus, keine Grenzen mehr gesetzt sind. Es ist Zeit für Veränderungen.


Utopien sind wichtig!

4 Antworten

Kommentare

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    Alles schön und gut, was Du da schreibst, aber eben auch naiv und an der Realität vorbei. Die Hauptlügner sind (Überraschung) Politiker, die das deutsche Sicherheitsbedürfnis befriedigen, indem sie herunterleiern "Alles kann bleben wie es ist", obwohl sich natürlich alles ändern muß.
    1.
    Die Sozialleistungen betreffen auch Dich, weil Du dafür zahlst. Es scheint die Meinung zu herrschen, Sozialleistungen gäbe es kostenlos vom Staat. Nein. *Du* zahlst die Leistungen bzw. Dein Nachbar etc. Niedrige Steuern bringen auch Dir etwas. (Wobei ein progressiver Satz auch noch keinen umgebracht hat, aber irgendwann hauen die Leute eben ab).

    2. Beispiel Deutsche Bank. und erwirtschaftete Gewinne Die Deutsche Bank befindet sich mehrheitlich im Besitz ausländischer Aktionäre, namentlich Fondsinvestoren. Dikese wollen, daß die Gewinne ihnen zugute kommen. Wer sind diese Investoren? Häufig finanziert sich so ein Fonds aus US/GB- Altersrücklagen. Das heißt: Die Deutsche Bank erwirtschaftet Gewinne für ihre (ausländischen) Aktionäre, damit diese im Alter gut leben können. Weil die Deutschen lieber auf eine schrottige staatliche Rente ("Die Rente ist sicher. Alles kann bleiben wie es ist") vertrrauen und wenn sie investieren, dann lieber in Bundesschatzbriefe u.ä.

    Daher gibt es einfach viel weniger "deutsches" Kapital, das auf dem Weltmarkt lenkt. Es bestimmen nicht pauschal "die Reichen", sondern die Aktionäre. Wer zu feige für den Aktrienmarkt ist, der muß halt anderen das Feld überlassen. Die Rendite der Deutschen Bank war übrigens im Internationalen Vergleich eher mau. Es wird in den nächsten Jahren zu einem echten Ausverkauf von deutschen Untenrehmen an ausländische Investoren kommen, weil eben die Deutschen zu blöde für Aktien sind.

    #Die Vorstandsgehälter wirken zwar unappetitlich, sind aber auch eine typische deutsche Neiddebatte. Wer bestimmt schlußendlich die Vorstandsgehälter? Die Aktionäre. Denen gehört der Laden, also dürfen sie auch bestimmen, was mit ihrem Geld geschieht.

    2. Stichwort 3-4 Millionen Dauerarbeitslose.

    Auch hier sind m.E. staatliche Subventionen schuld. Viele dieser 3-4 Millionen haben jahrelang geringqualifizierte bzw. martktfremde Stellen ausgeübt.
    Ein geringqualifizierter Deutscher muß sich aber mit einem Inder oder Chinesen messen, was er nicht will. Denn der Inder und der CHinese hocken nicht den ganzen Tag vor der Glotze und gucken Barabara Salesch. Die Automatisierung betrifft hauptsächlich die produzierende Industrie. Kein anderes OECD-Land hat einen so hohen Industrieanteil am Gesamt-BIP wie die BRD. Das ist absolut rückständig. Dienstleistung heißt das Buzzword. Aber nee, Strukturwandel ist zuviel Streß. In der Dienstleistung macht sich die Automatisierung auch nicht so bemerkbar, aber man braucht halt qualifiziertes Personal. Das ist dem deutschen Unterschichtler aber nicht zuzumuten, daß er mal sien Hirn anstrengt, das wäre "sozial ungerecht". Lieber Kühlschränke zusammenmontieren.

    3. Bürgergeld. Das ist eine gute Idee, die übrigens in der FDP seit den 80ern gefordert wird. Die tTeilnahme am öfgfentlichen Leben wird aber auch durch Hartz IV schon gewährleistet, denn 780€ Sach- und Geldwerte im Monat sind schon ganz OK fürs Nichtstun. Das Problem der Unterschicht ist, daß sie gar keinen Bock auf Teilnahme am Leben hat. Lieber rumgammeln.

    Die Franzosen haben übrigens einen noch ausufernderen und noch paternalistischeren Staat als wir. Trotzdem gab es Unruhen. Also ist das auch keine Lösung.

    4. Bestimmt Ökonomie unser Leben?

    Bis zu einem gewissen Grad ja. Wer konsumieren will, muß Geld verdienen. Häufig ist es die Unterschicht, die kritiklos konsumiert und Geld benötigt, diese ist also sehr materialistisch veranlagt. Aber es hindert Dich niemand daran, barfuß durch die Fußgängerzone zu laufen und auszusteigen.

    Die Globalisierugn zu bändigen heißt, auf ihr zu surfen und nicht etwa den Fels in der Brandung zu spielen.

    22.10.2006, 09:41 von Romeo_Flausch79
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    Das Schreckliche an der Ökonomie ist, dass sie immer wieder Bestätigung findet. Nicht zu Unrecht, aber zum Leidwesen der weniger Betuchten. Doch gerade der Konsum der Masse der "Kleinen" ist das Fundament. Bildung ist demnach gar nicht so förderlich für Konsum, denn wer schlau ist, verweigert sich dem selbstzerfleischendem Kreislauf – und unterminiert den ökonomischen Frieden damit erst recht.

    Aber zum Glück lässt einem das Ganze genügend Nischen, in denen man darüber philosophieren kann, ohne hungern, frieren und nur gerade so viel psychisch leiden zu müssen, um aus DEM Grund die Augen zu verdrehen.

    Das Paradies geht jedenfalls anders.
    Doch wer will da eigentlich noch hin?

    zz.

    21.07.2006, 07:52 von zzebra
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