Unsichtbare Schilder
Da, wo ich jeden Tag hingehe, gibt es unsichtbare mit einem Zauberstift geschriebene Schilder, die man nur dann sieht, wenn man besonderes Licht hat.
Das ist so wie mit diesen Sternen, die man übers Bett klebt, und die man nur dann sieht, wenn es dunkel ist. Es gibt auch diese Zaubertinte, die man nur dann sieht, wenn man Zitronensaft drüberträufelt- oder schreibt man nicht mit Zitronensaft und sieht es nur dann wenn man drüberbügelt.
Wie man sieht, ist meine Zeit als Zauberlehrling schon etwas länger her. Aber ich besonders heute sehr dankbar darum, dass mich meine Eltern in die Zauberschule geschickt haben. Dennoch hätte ich gerne etwas mehr von dem Licht, um die unsichtbaren Schilder zu sehen, die überall in meinem Konzern hängen. Und die man dann sieht, wenn man dort schon länger arbeitet und sich wieder mehr an seine Kenntnisse als Zauberlehrling erinnert.
Da steht zum Beispiel unter dem Jobtitel „Teamassistentin“ mit Zaubertinte: „DvD“ und mit Extrazaubertinte „Depp vom Dienst“. Außerdem steht am Büro der gestressten Assistentin „Lachen verboten“. Auch die Kleiderordnung für Damen im Sommer ist nur mit Zaubertinte geschrieben. Da lernt man dann so Dinge wie „keine Zehen und Schultern zeigen“. Auch Dinge wie „nicht nur Flipflops sind verboten, sondern manche anderen Schuhe, die sich zwar an das „keine Zehen zeigen Gebot“ halten aber trotzdem Flipflop-artige Geräusche machen.“
Ganz wichtig ist es auch zu lernen, dass erstmal kurz das Herz still stehen muss, wenn der Vorstand anruft. Dannach muss man alles tun, was dieser sagt, auch wenn es einem noch so unmöglich erscheint. Wenn der Vorstandvorsitzende selbst anruft, herrscht höchste Alarmstufe. Aber diese Regeln lassen sich noch lernen.
Schwieriger ist es mit dem Zaubertintenschild unten am Empfang das besagt: „Bitte hier alle Menschlichkeit abgeben. Sind sind nur eine Humanressource. Sollten Sie nicht funktionnieren, wenden Sie sich bitte an die Humanressourcenabteilung, vielleicht kann diese Ihnen Ihre Möglichkeiten aufzeigen.“ Auch wichtig ist das kleine P.S. unter diesem Schild, dass besagt: „Wenn Sie Ihre Menschlichkeit über Nacht bei uns lassen wollen, lagern wir sie gerne für Sie ein. Für langfristige Lagerungen stehen auch Kühlfächer im Keller bereit.“
Leid tun mir hier die Ehefrauen und Kinder dieser Mitarbeiter, die nicht in die Zauberschule gegangen sind. Denn wenn sie dort gewesen wären, würden sie möglicherweise alles besser verstehen und könnten vielleicht den Schildern ins Kühlfach folgen. Wir mögen nur hoffen, dass sie auf diesem Weg nicht erfrieren würden.
Denn dort, wo die Menschlichkeit eingefroren wird, ist es ganz schön kalt. Aber im ganzen Konzern ist es kalt. Manche Zauberlehrlinge haben auch eine innere Wärmebildkamera. Denn ein paar warmen Ecken gibt es doch noch. Immer dort, wo man sie am wenigstens erwartet. In den warmen Ecken ist das Lachen noch nicht ins Kühlfach gestellt worden. Das ist meistens dort, wo die Mitarbeiter sich morgens ganz schnell am Empfang vorbei stehlen, ohne ordnungsgemäß ihre Menschlichkeit abzugeben. Manche gehen aus diesem Grund auch immer durch den Seiteneingang.
Leider wird es aber immer kälter im Konzern. Und immer mehr vormals warme Büros stehen leer. Manche der warmen Menschen wollten einfach nicht mehr frieren und sind losgezogen, einen Ort zu finden, wo es wärmer ist. Manche schenken auch bald kleinen warmen Menschen ein neues Leben. Und sie nehmen sich ganz fest vor, dass es diese kleinen Menschen immer warm haben werden. Aber zur Sicherheit werden auch diese kleine Zauberlehrlinge werden, um später die unsichtbaren Schilder lesen zu können, um der Kälte zu entfliehen.




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