Sofie_Amundsen 28.12.2006, 21:41 Uhr 8 0

Textilallergie

Meine Begegnung mit dem Horror hinter den Verlockungen der schönen bunten Warenwelt.

Ich komme gerade aus der Stadt und könnte schreien, heulen, mir den Finger in den Hals stecken und kotzen. Ich habe ein unglaublich tolles schulterfreies grasgrünes Kleid erstanden (das leider für seinen Verwendungszweck Abiball zu kurz war, aber trotzdem mitmusste), ein Top für 4,95€ im Winterschlussverkauf und das Best-Of-Album der Gang of Four. Im Endorphinrausch des Konsumentenglücks bin ich durch die Läden gestreift, ein Grinsen im Gesicht. Und dann sprang er mich plötzlich an, der Ekel, in einem Bekleidungsgeschäft zwischen betäubend lauter Musik und grellbunten Fashion Items.
Vielleicht war er schlicht ein Resultat der Reizüberflutung, ein „Besetzt“-Zeichen jener Hirnregionen, die Sinneseindrücke verarbeiten. Jedenfalls war er plötzlich da und mit ihm die Frage, wo denn bitte das ganze Zeug überhaupt herkäme, das ich so genüsslich durch meine gierigen Finger gleiten ließ. Dazu sang auf meinem Mp3-Player passenderweise die Kleingeldprinzessin über Brot für die Welt, Schokoladen-Nikoläuse für neunundzwanzig Cent und No-Name Kaffee. Ich war in Versuchung geraten und hatte mal wieder sämtliche Prinzipien und Ideale über Bord geworfen. Andererseits, welche Alternativen boten sich mir denn? In den ausgefransten Jeans und eingelaufenen T-Shirts von vor drei Jahren herumlaufen? Teure Fair-Trade-Kleidung im Internet bestellen, die allzu oft nur in der Ausführung „esoterische Ökotante“ zu haben ist? Nur noch second hand kaufen? Letzteres ist erstens in Bielefeld sehr schwierig und könnte zweitens nicht den gesamten Bedarf der Weltbevölkerung decken. Klamotten verschleißen nun mal. Außerdem: Was ist mit der Konjunktur? Wir müssen ja konsumieren, sonst gehen wieder ein paar Jobs den Bach runter. Auch wenn in den Geschäften sowieso oft genug nur noch Schülerinnen auf Vierhundert-Euro-Basis arbeiten. Vollzeitkräfte sind eben zu kostenintensiv.
Ich musste dort weg, dringend. Während ich zur Straßenbahn stapfte, biss ich mir von innen in die Wangen. Ob ich das tat, um mich selbst zu bestrafen, oder, um mich vom Schreien abzuhalten, weiß ich nicht.
Ich habe diese Situation schon öfter erlebt, in anderen Städten, in anderen Ländern. Am eindrucksvollsten in Wien auf der Maria-Hilfer-Straße, als ich erkannte, das es dort absolut nichts gab, das es zu Hause nicht auch gegeben hätte. Wieso also Zeit und Geld in der zweihundertdreiundsechzigsten Filiale von H&M verschwenden? Nach diversen Hasstiraden gegen Starbucks- und C&A-Schilder kehrte ich dem Treiben den Rücken und widmete mich für den Rest meines Aufenthaltes der vielfältigen Museenlandschaft.
In der Straßenbahn blätterte ich durch das Booklet des Gang-Of-Four-Albums (in das ich noch nicht reingehört habe, weil ich mir erst einmal den Frust, nein, die Aggression, von der Seele schreiben muss). Während ich den programmatischen Text über den Protest las, welcher sich nicht mehr gegen die Ungerechtigkeit der Außenwelt, sondern nur noch gegen das Selbst richtet, das schwächelt und den inneren Widerstand aufzugeben droht, schlug der Ekel in Wut um, musikalisch untermalt von der sich immerzu wiederholenden Phrase „Was hat dich bloß so ruiniert?“. Wahrscheinlich werde ich übermorgen das Kleid umtauschen. Und mir stattdessen eventuell ein T-Shirt bei www.fairliebt.com bestellen.
Einkaufsstraßen dieser Welt, ihr macht mich krank. Ich kann euch nicht mehr ertragen. Jedenfalls nicht ohne Klaustrophobie und Schuldgefühle.

8 Antworten

Kommentare

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    Ach Sofie, du hast so recht! Mich kotzen diese Einkaufscenter auch so an. Sie sind einfach überall! Zum Glück gibts das Internet und Anbieter wie fairliebt oder American Apparel, die faire Klamotten anbieten - letztere allerdings in der Werbung tendenziell sexistisch. Ist schon schwierig für Gutmenschen wie uns! (Ich kaufe übrigens auch bei Hess Natur per Internet, manche Sachen von denen sind okay im Aussehen).

    01.06.2007, 14:42 von suffee
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    wie ernst meinst du das eigentlich? der text klingt teilweise ja fast komisch! Hab mir dazu speziell noch nie Gedanken gemacht, wenn dann eher über andere Moralfragen. Aber ansprechend geschrieben!

    28.03.2007, 21:24 von nerd
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    gut, dass dazu jetzt mal ein Artikel in der Neon kam! Hat mich echt gefreut!

    26.01.2007, 20:34 von Sofie_Amundsen
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