Hoffa 11.04.2010, 11:08 Uhr 61 22

Nach der Uni Hartz IV: Ein Erfahrungsbericht

Mit meinem Einser-Diplom in Politikwissenschaft sitze ich im Wartesaal der Bonner Arbeitsgemeinschaft (ARGE). Ich muss Hartz IV beantragen.

Mit meinem Einser-Diplom in Politikwissenschaft sitze ich im Wartesaal der Bonner Arbeitsgemeinschaft (ARGE). Ich muss Hartz IV beantragen, weil ich auf meine zwanzig Bewerbungen bislang nur Absagen bekommen habe. Hartz IV-Empfänger gelten in der Regel als bildungsfern. Dass auch Hochschulabsolventen staatliche Leistungen in Anspruch nehmen, wird in der öffentlichen Diskussion oft ignoriert. So wie mir, geht es vielen frischgebackenen Akademikern. Sie haben oft keine andere Wahl, als nach der Uni zur ARGE zu gehen, obwohl sie hoch qualifiziert sind, im Ausland waren, fünf Sprachen sprechen und noch dazu sozial kompetent sind. Auf der Anzeigentafel blinkt die Nummer 456. Ich habe noch 47 Menschen vor mir lang Zeit, mir Gedanken zu machen. Muss ich mich schämen hier zu sitzen? Habe ich etwas falsch gemacht? Wo ist das Problem? Ich habe Bauchschmerzen.

Laut Statistik der Agentur für Arbeit in Düsseldorf bekamen im Februar rund 500 000 Nordrhein-Westfalen Arbeitslosengeld II (ALG II), im Volksmund Hartz IV genannt. «Wer noch nie in die Rentenkasse eingezahlt hat und Hilfen zum Lebensunterhalt benötigt, fällt in den Regelkreis des Sozialgesetzbuches II (SGB II) und kann bei der ARGE die Grundsicherung beantragen», erklärt Paul Moser von der Bonner Agentur für Arbeit. Wer hingegen vor der Arbeitslosigkeit innerhalb von zwei Jahren mindestens 360 Tage versicherungspflichtig gearbeitet hat, bekomme Arbeitslosengeld I (ALG I) und damit einen Prozentsatzes seines alten Lohns ausgezahlt. Zuständig dafür ist die Agentur für Arbeit auf Grundlage des Sozialgesetzbuchs III (SGB III). Ich komme direkt von der Uni, habe zwar nebenbei immer gearbeitet, musste aber als Studentin keine Abgaben an die Arbeitslosenversicherung zahlen. Also habe ich nur Anspruch auf Hartz IV. Arbeitslos zu sein, ist zweifellos nicht nur bedrückend sondern auch kompliziert, auch mit Hochschulabschluss.

In NRW waren zu Beginn dieses Jahres 12 489 Akademiker als Hartz-IV-Empfänger gemeldet, das sind 2,5 Prozent. «Wie viele davon direkt von der Hochschule kommen, können die Statistiker nicht nachvollziehen», sagt Elke Schößler von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. Ich gehöre jedenfalls dazu. Und ich alleine kenne etwa sieben andere, deren Karriere nach der Uni ebenfalls bei der ARGE beginnt. Der Hartz-IV-Regelsatz beträgt seit Juli 2009 bundesweit 359 Euro. Mietzuschuss bekomme ich nicht, weil ich bei meinem Freund wohne. Dafür bin ich sozialversichert, und das war der Hauptgrund, der mich zur ARGE getrieben hat. Zu Zeiten der Sozialhilfe hätte ich mit 296 Euro auskommen müssen. Kann ich mich also glücklich schätzen? Ich fühle mich ein bisschen betrogen - vom Leben? Von der Gesellschaft? Weiß ich nicht. Mein Studium habe ich zu einem Großteil in finanzieller Eigenregie bestritten. Und jetzt, mit Abschluss, liege ich meinem Freund auf der Tasche. Freiheit fühlt sich anders an.

Ich bin 27 Jahre alt, habe neben Politikwissenschaft Öffentliches Recht und Französisch studiert, spreche neben Englisch und Französisch Italienisch, habe zweieinhalb Jahre meines Studiums im Ausland verbracht und zahlreiche Praktika gemacht. Ursprünglich wollte ich gar nicht über mich selber schreiben. Doch meine Bemühungen, betroffene Hochschulabsolventen dazu zu bringen, ihre Geschichte zu erzählen, blieben erfolglos. Viele schämen sich, öffentlich über die Arbeitslosigkeit zu reden. «Das kann ich verstehen», sagt ein ehemaliger Kommilitone von mir. «Wenn Du mal überlegst, wie wichtig Arbeit gewertet wird, da will doch keiner der Außenwelt zeigen, ich habs nicht gepackt und musste Stütze beziehen.» Ich frage mich, was ich denn eigentlich nicht gepackt haben soll? Wo ist das Problem? Die Arbeitslosigkeit betrifft nicht nur Geisteswissenschaftler. Ich kenne Betriebswirtschaftler, Physiker, Geografen, die alle nach der Uni auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen können.

«Viele melden sich gar nicht bei uns», sagt Moser. Es sei ihnen peinlich staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Dabei war der Hintergrund der Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe ja eigentlich der, dass die Menschen aus der Anonymität herausgeholt und intensiver betreut werden sollten», so Moser. «SGB II ist schlichtweg negativ besetzt», sagt Ralf Holtkötter, Geschäftsführer der ARGE Rhein-Sieg. Arbeitslosigkeit habe immer einen gewissen Beigeschmack und das öffentliche Bild der Drückeberger und Unfreiwilligen beherrsche die Köpfe. Arbeitspsychologe Karsten Paul in Erlangen erklärt mir: «Kommt es zur Arbeitslosigkeit, machen wir in den westlichen Kulturen immer das Individuum für seine Lage verantwortlich, nicht die Gesellschaft oder die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt.» Dabei stelle der Markt häufig einfach keine Arbeitsplätze mehr zur Verfügung, sagt Moser und fügt hinzu: «Ich weiß, wie wichtig das für die Psyche des Menschen ist, dass er eine Beschäftigung hat.»

Das unterschreibe ich gerne. Denn eigentlich könnte ich mich doch freuen: Ich habe ein Dach über dem Kopf, ausreichend zu essen und ganz viel Zeit. Ich könnte jeden Tag ein Buch lesen. Musik hören. Spazieren gehen. Briefe schreiben. Wenn da nicht dieses Ohnmachtgefühl wäre. Diese Befürchtung, auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht zu werden. Ich brauche die Bestätigung, dass ich etwas kann. So wie jeder andere auch. Holtkötter bezeichnet studierte Arbeitslose als «durchlaufende Posten». «Junge Hochschulabsolventen sind die Ausnahme, nicht die Regel. Sie sind hoch qualifiziert, motiviert und in der Lage sich selbst gut zu vermarkten.» Die Ausnahmen scheinen sich gerade zu häufen.

Das schlechte Image von Hartz IV weckt bei Betroffenen ernsthaft die Sorge, dass sie aufgrund dieses retardierenden Moments in ihrem Lebenslauf erst recht keinen Job finden. Sie haben Angst «aufzufliegen», als Hartz-IV-Empfänger entlarvt zu werden und ziehen sich zurück. Ich habe mir fest vorgenommen, mich nicht für meine Situation zu schämen, sondern in die Offensive zu gehen. Ich will mich nicht verkriechen, sondern meine Gedanken mit anderen teilen. Vielleicht liegen viele Probleme genau darin: Dass wir uns zurückziehen, statt auf die Barrikaden zu gehen, dass wir uns abschieben lassen, statt bessere Bedingungen zu erstreiten, dass wir denken, wir sind selbst schuld an unserer Lage, statt den Fehler im System zu suchen. Ob die Bewerbungschancen wirklich schlechter stehen nach einer Kurzzeitkarriere als Hartz-IV-Empfängerin, konnte ich bislang nicht herausfinden. Ich warte auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

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61 Antworten

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    Als du dich für das Fach Politikwissenschaft entschieden hast, wusstest du doch schon bevor du zum ersten Mal die Uni betreten hast, dass du nach dem letzten Mal zum Arbeitsamt gehen wirst!

    Erzähl hier doch niemanden, dass dies für dich vollkommen überraschend kam!
    Du wolltest nie Arbeiten, deshalb hast du dieses Studium gewählt!
    Genauso wie alle anderen Geisteswissenschaftlerinnen oder "Künstler".

    Aber wenn man euch das alles vorher sagt und meint ihr solltet endlich mal was vernünftiges studieren, dann kommt immer der gleiche schwachsinnige Satz: "aber es macht mir Spaß, dann bin ich auch gut und dann bekomme ich auch einen Job."
    Bullshit! Das Ergebnis hast du gerade beschrieben mit deinem tollen Einser-Examen.

    Als Elektroingenieur hättest du hingegen schon vor dem Diplom die Auswahl zwischen 5 Jobs, selbst mit einem 3er Examen.

    21.05.2010, 14:18 von TST
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    wunderbar geschrieben gegen die Vorurteile, die Sarrazin und Konsorten gegen die Gesamtheit der H4-Empfänger geschürt haben.

    Nicht jeder, der heutzutage Hartz4 benötigt, ist ungebildet und arbeitsscheu, im Gegenteil sind diese Fälle die Ausnahme.

    Gerade Mütter trifft es besonders hart, wenn ihnen kein anderer Weg mehr bleibt.
    Hierzu möchte ich auf einen zu diesem Thema passenden Artikel verlinken:
    http://armut-deutschland.suite101.de/article.cfm/sozialfall-haertefall-kniefall-abfall
    und Teil 2
    http://armut-deutschland.suite101.de/article.cfm/sozialfall-haertefall-kniefall-abfallteil2

    Viel Erfolg noch bei der Jobsuche, bewerben Sie sich doch mal bei der Arge, die haben gute Leute bitter nötig;)

    12.05.2010, 01:18 von Germain
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    Beindruckend. Der Artikel und die Reaktionen darauf.
    Ich bin fast in der selben Situation - denn habe die große Chance auf einen sicheren Arbeitsplatz, denn ich verabscheue, der aber Geld bringt - und bin sehr froh nicht die Einzige zu sein, die nach dem Studium desillusioniert ist.

    21.04.2010, 05:35 von Eber
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    Schön gemacht. Nein, es gibt nichts wöfür man sich in so einer Lage schämen sollte. Ich möchte trotzdem noch 2 Dinge ansprechen.
    1. Ich wüsste nicht wo es einen allgemeingültigen Anspruch von Akademikern auf Arbeit gibt. Wieviele junde Menschen sind nach einer Asubildung ohne Arbeit? Ist man als Akademiker etwas besseres und darf "selbstverständlich" nicht arbeitslos sein? Aufwachen!
    2. Nicht alle Faktoren die für die Arbeitssituation verantwortlich sind liegen direkt in unseren Händen. Aber ganz bestimmt einige sehrwohl. Insofern sehe ich auch immer eine Teil-(!) Verantwortung im Persönlichen. Und bevor du das nun in den falschen Hals kriegst. Ich kenne dich nicht persönlich, aber letztlich wirst du auch Ansprüche an eine Beschäftigung mitbringen. Entfernung zum Wohnsitz, Gehalt etc... wenn Arbeit die Priorität 1A wäre, dann würdest du sicher kein Problem haben Kompromisse einzugehen. Wieder nicht falsch verstehen! Ich würde auch nicht jeden Kompromiss eingehen wollen. Ich möchte damit nur das Prinzip verdeutlichen, dass man eben selbst doch einen Anteil an seiner Situation hat. Wünsche dir alles Gute - TT

    15.04.2010, 11:52 von tortenteufel
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    zwischenfrage...
    hast du dich deutschlandweit beworben?

    13.04.2010, 20:07 von Spice
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    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Oder an Möglichkeiten, sehr sehr günstig zu leben, z.B. mit Etablissements wie der Weinerei, wo man selbst entscheidet, wieviel man zahlt.

      Argh. Mag sein, dass es so nicht gemeint ist, aber wegen dieser Denkweise ist die Weinerei nicht mehr der nette entspannte Ort, der er mal war, sondern ein Laden voller abgewrackter Schnorrer.

      13.04.2010, 14:49 von coronaria
    • 0

      @coronaria Alles eine Frage der Ansprüche.

      Wenn die Leute in der Mehrheit sind, die denken: »Jeder zahlt angemessenerweise das, was er für Richtig hält.« ist es bestimmt ein entspannter Ort.

      Wenn die Leute in der Mehrheit sind, die denken: »Geil, hier gibt's was für lau und Geiz ist geil.« wird es bestimmt sehr schnell sehr unentspannt.

      13.04.2010, 14:58 von sailor
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      @sailor So ist es. Deswegen find ichs blöd, es als Möglichkeit aufzuzählen, "sehr, sehr günstig zu leben" - denn das klingt eher nach letzterer Variante.

      Ich hab als Studentin auch weniger gegeben als mit festem Job, hab aber auch damals immer versucht, es beim nächsten mal auszugleichen, wenn ich mal wenig hatte. So haben es damals die meisten Studenten, "Freischaffenden" oder sonstwie prekären gehandhabt.

      Die "Geil hier gibts was umsonst"-Leute vertreiben aber leider auch die früher oft anwesenden "Für die gute Idee geb ich gern ein bisschen mehr"-Menschen. Denn die haben verständlicherweise keinen Bock, die Schnorrer durchzufüttern.

      13.04.2010, 15:41 von coronaria
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      @coronaria Jeder, wie er kann...

      "sehr, sehr günstig zu leben" - denn das klingt eher nach letzterer Variante.

      Nicht zwingend, wie ich finde...


      Wenn man nix hat, kann man nicht geizig sein.

      13.04.2010, 16:08 von sailor
  • 0

    wie wär´s mit einem Praktikum im politischen, europäischen Brüssel ?!

    13.04.2010, 14:28 von femaleDolphin
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    wie wär´s mit einem Praktikum im politischen, europäischen Brüssel ?!

    13.04.2010, 14:28 von femaleDolphin
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