Montenegrienerin
Montenegroanerin, Montenegrinerin oder Montenegranerin?
Noch dreimal den Bändel aus der Öse am Handy ziehen und wieder einfädeln. Dreimal noch bis ihr Badtürgeräusch ertönt und ihre Barfußschritte. Es gibt vier Bäder auf dem Stockwert. Ihr Lieblingsbad ist das zu ihrem Zimmer am nächsten gelegene. Um ihr auf dem Gang zu begegnen muss er in den wenigen Sekunden, in denen sie vom Bad zu ihrem Zimmer läuft, sein Zimmer verlassen. Jeden Augenblick kommt sie aus dem Bad. Bis dahin muss er noch dreimal den Handybändel rausziehen und wieder einfädeln. Er glaubt das dreimal Rausziehen und dreimal Einfädeln endet genau dann, wenn sie aus dem Bad kommt. Beim zweiten Einfädeln hört er ihr Schritte. Er nimmt immer das Bad das am weitesten von seinem Zimmer entfernt liegt. Damit er an ihr vorbei muss.
Alles muss nach Zufall aussehen. Alles muss aussehen, als begegne er ihr zufällig auf dem Gang. Er will ihren Körper sehen und ihre Brüste, über die ihr Handtuch spannt. Er will ihr Shampoo riechen, endlich die nur „Hola“-Gewohnheit überwinden und seine Hand auf ihre duschwarme Haut legen.
Alles könnte so einfach sein. Rausgehen, auf sie zulaufen und vor ihr stehen bleiben. Nein. Dreimal einfädeln nicht geschafft. Als wieder Gutmachung muss er sich entscheiden, wie sie, als Bürgerin des Staates Montenegro korrekt bezeichnet wird. Montenegroanerin, Montenegrinerin oder Montenegranerin. In den Sekunden in denen er ihr entgegen läuft. In die Nachbarländer schauen. Bulgarin oder Bulgarienerin. Kosovoranerin oder Kosovarin. Kein Google. Dafür Zeitdruck. Er setzt sich selber unter Druck mit der Aufgabe sich entscheiden müssen. Er liebt es die Situation zu verkomplizieren. Alles könnte so einfach sein. Vor ihr stehen, „Hola“ sagen, ihr Ingwer-Kirsch Shampoo riechen und die Hand auf ihre Schulter legen.
Sie hält wie immer das Shampoo und mit der der anderen Hand sichert sie ihr Handtuch. Obwohl sie es mit einem Knoten über ihrer Brust zusammengebunden hat. Ihre Haare tropfen auf ihre Schultern. Sie hat Gänsehaut. Die Frage, ob sie Montenegrienerin, Montenegroanerin oder Montenegranerin verhindert, dass er mit lächelt, als sie das Loch vorne in seinem Socken entdeckt und grinst. Das sich entscheiden müssen verhindert den Geruch ihres Shampoos einzuatmen. Es verhindert, dass er die Situation voran bringt, in dem er seine Hand auf ihre Schulter legt. Er liebt den Druck, der entsteht beim künstlichen Verkomplizieren der Situation. Das sich entscheiden müssen verhindert, dass er ihr das Shampoo wegnimmt. Es kommt nicht soweit, dass sie das Shampoo nicht los lässt, weil sie nicht versteht, dass er nur zeigen will dass er ihr Shampoo mag.
Er steht da und bewegt sich nicht. Keiner bewegt sich. Sie kommt nicht auf die Idee, dass er seine Hand auf ihre Schulter legen will und dass er ihr Ingwer-Kirsch Shampoo mag. So weit kommt es nicht.
Hinter ihrem Körper steigt der Wasserdampf aus ihrem Lieblingsbad und verteilt sich im Gang. Er hat sich nicht entschieden. Das sich entscheiden müssen zu vergessen ist einfach. Es misslingt immer. Er legt ihre Hand nicht auf ihre Schulter und führt sie nicht zurück in ihr Lieblingsbad. Es kommt nicht dazu, dass er mit ihr unter heißen Wasser duscht, bis Schweißtropfen auf der Stirn glitzern und die Fenster beschlagen. Es kommt nicht zum gegenseitiges Einreiben mit Ingwer-Kirschshampoo. Er hat sich nicht für Montenegrienerin, Montenegroanerin oder Montenegranerin entschieden.
Das Stehen im Gang liegt noch im Sekundenbereich. Dass aus dem sich Entscheiden müssen eine Blockade geworden ist, ist zu wenig. Es geht immer noch ein bisschen mehr. Er muss sich auch noch entscheiden, ob Montenegro eine eigene Sprache hat. Ob sie gleich auf montegrinisch oder montenegroanisch, serbisch oder albanisch flüstert, dass sie vorbei will.






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