abstorz 28.11.2006, 19:17 Uhr 15 10

Mit dem Radio zur Revolution

Es gibt im Moment einen Weg der Kommunikation, der die Menschen in Oaxaca zusammenhält: Das Radio der Universität. Die Polizei wird es bald räumen.

Es ist das Radio der Universität, das in diesen Tagen das wichtigeste Kommunikationsmittel der Bewohner der aufständischen Stadt Oaxaca ausmacht. Es wundert nicht, dass die mexikanische Polizei das Radio bald räumen wird. Seit gestern Abend laufen offensichtliche Vorbereitungen.

Wie in vielen Ländern Lateinamerikas spielt das Radio auch in Mexiko eine Rolle, die es in den meisten westlichen Ländern schon lange eingebüßt hat: Es verbindet die Menschen und macht sie stark gegen die Übergriffe der Polizei und von Todesschwadronen. In Regionen, in denen nur die wenigsten Menschen Zugang zum Internet haben, das nächste Zeitungskiosk womöglich einen stundenlangen Fußmarsch von der eigenen Gemeinde entfernt liegt und das Fernsehen von der Regierung kontrolliert wird bleibt das Radio oftmals das einzige Mittel der Kommunikation, das die Bewohner selber kontrollieren. Hier kann es vorkommen, dass die Menschen ihr Leben geben würden um einen Radiosender zu verteidigen. In Oaxaca ist dies im Moment der Fall.

Die mexikanische Stadt Oaxaca, die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates im Süden Mexikos, befindet sich seit einem dreiviertel Jahr im Aufstand. In dem bitterarmen Distrikt mit einem sehr hohen indigenen Bevölkerungsanteil demonstrierte am 22. Mai 2006 die Lehrergewerkschaft SNTE für höhere Löhne und eine bessere Bildung der Kinder. Der im Jahre 2004 vermutlich durch Wahlbetrug an die Macht gekommene Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz lehnte jedoch jegliche Verhandlungen ab. Als dieser die Versammlung von der Polizei gewaltsam auflösen wollte wurde diese mitsamt der Regierung aus der rund 260.000 Einwohner zählenden Stadt vertrieben und konnte diese Monatelang nicht mehr betreten. Bei den Auseinandersetzungen kamen 3 Lehrer sowie ein Kind zu Tode. Ruiz versucht seitdem den Bundesstaat vom extern gelegenen Flughafen aus zu kontrollieren, doch die Gemeinde in Oaxaca hat mit der Asamblea popular de los pueblos de Oaxaca (zu deutsch: Volksversammlung der Völker Oaxacas), kurz APPO, eine eigene Regierung gegründet, die auf dem Zusammenschluss über 350 verschiedener Gewerkschaften, Bauern-, Studenten-, und Indígenaorganisationen basiert. Die Zufahrten zur Stadt wurden von den Anhängern der APPO mit Barrikaden verrammelt und die Stadt sollte solange von dieser kontrolliert werden, bis der Gouverneur Ruiz zurücktritt und Neuwahlen angesetzt werden. Diesem Wunsch wollte Ruiz jedoch nicht entgegenkommen und versucht nun seit mehreren Wochen die Stadt militärische wieder unter Kontrolle zu bekommen, wobei er volle Unterstützung vom Präsidenten Vincente Fox erhält. Erst als der US-amerikanische Indymedia Reporter Brad Will beim filmen der Auseinandersetzungen durch zwei gezielte Schüsse von Paramilitärs zu Tode kommt, erreicht der Konflikt kurzzeitig einige ausländische Medien.

Nachdem das Protestradio der Bewegung gewaltsam geräumt wurde, besetzten Aufständische mehrere Radiostationen, unter anderem das Radio Universidad auf dem Campus der Universität. Mehrfache schwere Angriffe der Polizei konnten verteidigt werden und wurden regelmäßig von großen Demonstrationen beantwortet. Auch der Rektor der Universität erklärte sich solidarisch und forderte die Studenten auf, sich dem Eindringen der Polizei auf universitäres Gelände entgegenzustellen. Nach mexikanischem Recht ist es der Polizei nur mit Zustimmung des Rektors gestattet, die Universität zu betreten. Dass die Polizei sich daran halten wird, glauben wohl nur wenige Menschen, von denen sich einige als Wachen, bewaffnet mit Steinschleudern und selbstgebauten Raketen, vor dem Radio postiert haben.

Nahezu täglich kommt es in diesen Tagen zu großen Demonstrationen, gewaltsamen Auseinandersetzungen und Angriffen der Polizei auf die Institutionen der Selbstverwatung. Das Radio Universidad sendet, unterbrochen durch kurze Einspielungen von Musik, ohne Pause Berichte von Übergriffen, rät den Bewohnern, ihre Türen nachts für Menschen offen zu lassen, die sich verstecken müssen, und beschwört die Wachen an den vielen Barrikaden, gewaltfrei durchzuhalten. Während die Polizei seit gestern Abend mit schwarzen Geländewagen auffährt, die durch kein Nummernschild gekennzeichnet sind, werden im Radio Listen von Gefangenen und Vermissten werden verlesen, medizinische Hilfe koordiniert, zu Brennpunkten mobilisiert und nach so viel Solidarität wie möglich gebeten.

Ob wohl viele deutsche Radiostationen ihren kleinen Partner in Oaxaca unterstützen werden? Es ist zu erwarten, dass sich keines der deutschen kommerziellen und öffentlichen Radios auch nur mit dem Thema befassen wird. Weil sich wohl kaum ein Hörer darüber bewusst sein will, wie wichtig es sein kann, für ein freies Radio seine Stimme zu erheben. Wenn diese doch noch zum Jubeln beim Verlesen der Fußballergebnisse gebraucht werden könnte.

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15 Antworten

Kommentare

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    sorry, scheint ein NEON-Problem zu sein. Bei Links also erstmal die Leerzeichen rausfischen.

    04.12.2006, 01:54 von abstorz
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    Alles nochmal ohne die lästigen Leerzeichen:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24082/1.html
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24121/1.html
    http://www.nzz.ch/2006/11/13 /al/articleENI14.html
    http://elenemigocomun.net/107

    04.12.2006, 01:53 von abstorz
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    Sehr gut über den Aufstand in Oaxaca wird auf www.de.indymedia.org informiert

    03.12.2006, 22:21 von Fliegenblatt
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    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24082/1.html

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24121/1.html

    noch zwei Artikel über die aktuelle Situation in Oaxaca

    03.12.2006, 04:42 von abstorz
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    Soweit ich es mitbekommen habe, wurde das Radio inzwischen geräumt. Ich habe leider keine genauen Berichte finden können, dafür aber zwei interessante Artikel:

    http://www.nzz.ch/2006/11/13/al/articleENI14.html

    ein Bericht der NZZ über eine Ärztin, die im Radio sehr engagiert war, und

    http://elenemigocomun.net/107

    Ein Interview mit derselben Dame am 27. November. Dort steht auch "RIP Radio Universidad" und "in memory of the Radio", weswegen ich davon ausgehe, dass es geräumt wurde. Konnte leider keine weiteren Artikel zur Räumung finden.

    03.12.2006, 04:35 von abstorz
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    hallo abstorz,
    mich ueberrrascht wirklich wie du alles betrachtest und beschriben hast, in oaxaca gibt es grade ein echtes problem und es hat zwar komplett null mit bessere bildug der kinder zu tun, ganz im gegenteil, die lehrergewerkschaft SNTE in zussamenarbeit mit der APPO hat nun seit ca 6 monate den studenten als geisel genohmen und das ganze land oaxacas zur unruhe,desestabilisierung und noch mehr armut gebracht.
    gruss

    01.12.2006, 18:43 von delincuente
    • 0

      @delincuente abstorz, delincuente - was ist denn nun wahr daran?

      abstorz - guter artikel, wenn auch ein bißchen zu schnell geschrieben. ich mags, wenn die leute hinterher noch einmal korrektur lesen.
      z.B.(zit.)
      " Dass die Polizei sich daran halten wird, glauben wohl nur wenige Menschen, von denen sich einige als Wachen, bewaffnet mit Steinschleudern und selbstgebauten Raketen, vor dem Radio postiert haben."
      das haut logisch nicht hin. wenn sie zu den wenigen menschen zählen, die daran glauben, würden sie das uniradio ja nicht zu verteidigen haben.

      02.12.2006, 01:08 von sokrates
    • 0

      @sokrates Vielen Dank für den Hinweis!

      was ist denn nun wahr daran? Dazu kann ich leider auch nur sagen, dass ich mich nicht persönlich in Oaxaca befinde und auf Berichte angewiesen bin. Ich verfolge den Konflikt seit dem Beginn im Mai lose, und da Mainstreammedien, wie gesagt, leider nur wenig berichten ist man in der Regel auf Artikel anderer Augenzeugen im Internet, Pressemitteilungen und Newsletter angewiesen. Momentan bekomme ich täglich den Augenzeugenbericht eines Amerikaners zugesendet, der sich seit ca. 20 Tagen in Oaxaca aufhält. Seine Ausagen decken sich mit anderen Quellen und die Berichte sind sehr ausführlich, objektiv und klingen plausibel, weswegen ich ihnen Glauben schenke. Des weiteren kenne ich einige Menschen persönlich, die sich intensiv mit der Region beschäftigen, den Konflikt gibt es also wirklich, und auch der Tod von Brad Will wurde in Mainstreammedien behandelt.

      Zu Delicuente: Ich weiß nicht, woher du deine Informationen hast. Ich habe nicht behauptet, dass der Aufstand nur für bessere Bildung sorgen soll. Falls ich dies falsch formuliert habe, tut mir dies Leid:

      Die Demonstration der SNTE für mehr Gehalt und bessere Bildungsbedingungen sollte von der Polizei gewaltsam neidergeschlagen werden. Daraufhin brach ein Aufstand aus, dem mit Sicherheit mehr als die schelchten Bildungsbedingungen zugrunde liegen. Es ist kein Geheimniss, dass im Süden Mexikos regelmäßig Meschen verschwinden, Paramilitärs indigene Gemeinden terrorisieren, die medizinische und schulische Versorgung miserabel ist und allgemeine Armut herrscht. Nicht ohne Grund bauen die Zapatisten im Nachbarstaat Chiapas seit 20 Jahren ein eigenes Netzwerk aus Schulen, Krankenhäusern, Wirtschaft und Selbstverwaltung auf, weil die Region schlicht und ergreifend vernachlässigt wurde.

      Über die unmittelbaren Auswirkungen eines Aufstandes lässt sich auch nicht diskutieren, natürlich sind die wirtschaftlichen Folgen in erster Linie schlecht. Ob man nun Aufstände gegen ungerechte Zustände befürwortet oder nicht, dass muss jeder selber entscheiden. In Oaxaca befürworten scheinbar so viele Menschen den Aufstand, dass die Stadt nun seit knapp 7 Monate unter Selbstverwaltung steht und die Polizei monatelang die Stadt nicht mehr betreten konnte. Wenn so viele Menschen diesen Aufstand unterstützen, auch gegen den Hintergrund einer möglicherweise momentanen Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse, das müssen die Verhältnisse vorher so miserabel gewesen sein, dass es nicht mehr viel zu verlieren gibt.

      Ich freue mich trotzdem gerne über jeden Artikel, der den Konflikt von der anderen Seite beleuchtet!

      02.12.2006, 02:04 von abstorz
    • 0

      @abstorz hallo abstorz
      woher ich meine informationen habe? ich bin in bzw aus mexiko und daher habe meine ganz persoenliche meinung ausgedrueckt.
      du hast vollkomen recht ,dass im Süden Mexikos und allgemeine Armut herrscht und dass
      die medizinische und schulische Versorgung miserabel sind, aber glaub mir , die regierung hat sie sich sehr intensiv mit diesen problemen beschaeftig und zwar nun schon seit 1994versucht das zu aendern, als der sub-comandante marcos eine neue revolution anfangen wollte.
      wo is jetzt das problem? die lehrgewerkschaft is eine ganz korrupte burokratie die daran denkt dass die regierung omnipotent ist und dass sie die wirtschaftliche situation oaxacas aus einen schlag aendern kann. die APPO mach sie sich ueberhaupt nichts draus ob die kindern seit 6 monate nicht mehr zur schule gehen(falls sie ironische dafuer kaempfen) oder ob sie die tourismus industrie in oaxaca kaput gemacht haben, sie sorgen fuer ihre eigene persoenliche interese und versuchen mit gewalt ihr eingenes ding durchzuziehen ,daher haben sie keine untersztutzug mehr.
      Es ist kein Geheimniss, dass im Süden Mexikos regelmäßig Meschen verschwinden?? eine gute frage, ich frag mich nur wo er is, mein zerstoerte held!
      ich moecht dich gern alles gruendlcih erklaeren koennen aber leider kann ich kaum deutsch und kann meine idee nicht richtig zum ausdrueck bringen
      gruss

      02.12.2006, 03:11 von delincuente
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      @delincuente der zerstoerte held bezieth sich auf subcomandante marcos

      02.12.2006, 03:14 von delincuente
    • 0

      @delincuente Sehr guter Artikel. Freunde von mir sind in Menschenrechtsgruppen und waren auch schon als internationale Menschenrechtsbeobachter in Mexiko, andere Bekannte von mir sind als Journalisten unten.

      An dieser Stelle einige Anmerkungen zu "delincuente":

      Sicherlich kann man auf einen politischen Konflikt verschiedene Sichtweisen haben, die deinige ist allerdings sehr weit rechts einzuordnen. Sie entspricht in etwa den Verlautbarungen der seit 70 Jahren in Oaxaca herrschenden PRI. Sie hat keineswegs seit 1994 versucht irgendwas an der miserablen Bildung und sozialen Versorgung der Menschen vor Ort zu ändern. Und die APPO wird von der deutlichen Bevölkerungsmehrheit Oaxacas unterstützt, was alleine durch die riesigen Demonstrationen in der Hauptstadt des Bundeslandes belegt ist. Der Verdacht drängt sich mir daher auf, dass Du garkein normales NEON-Mitglied bist, sondern in diesem Forum deiner Arbeit nachgehst... (nix für ungut)

      06.12.2006, 16:50 von buenaventura
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    Es freut und überrascht mich, dass sich so viele für das Thema interessieren!
    Ich denke es ist in unseren Medien sehr üblich nicht über Geschehnisse innerhalb anderer Länder zu berichten, aus welchen Gründen auch immer. die großen Medien focusieren sich sehr stark auf innerdeutsche und internationale Geschehnisse, und lassen die Aufstände und Krisen überall auf der Welt als voneinander unabhängige Ereignisse erscheinen. Ich will dem widersprechen, denn ein Ereigniss wie in Mexiko, einem der von der Marktliberalisirung am stärksten betroffenen Länder, haben sehr wohl internationale Zusammenhänge. Darüber liese sich Bände schreiben, ich erwähne nur einmal kurz die NAFTA, die in Mexiko Millionen von Kleinbauern in den Ruin getrieben und wahre Flüchtlingsströme in die USA ausgelöst hat - was wiederum an die vielen Artikel über die neuen privaten Grenzkontrollen in den USA erinnert. Über 360 Menschen sind letztes Jahr an der Grenze gestorben... und dies lässt sich wiederum leicht mit der Situation an der Marokkanisch-Afrikanischen Grenze vergleichen, eine Süd-Nord Völkerwanderung. und schon sind wir wieder in Europa.
    Ich finde es wichtig, die Geschehnisse der Welt von unten zu betrachten - von den Auswirkungen, die wirklich bei den Menschen ankommen. und dann rückzuschließen auf die Entscheidungen die auf den internationalen Konferenzen von WTO, IWF und Konsorten getroffen werden.
    Natürlich haben wir niemals Platz alle Ungerechtigkeiten der Welt zu beachten - aber die Geschehnisse globaler zu betrachten und zu realisieren, dass ein aufstand in Mexiko auch uns angeht, kann in unserer globalen Welt sicherlich nicht schaden. Auch in den Mainstreamradios.

    01.12.2006, 01:50 von abstorz
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