Liebe Reiseagentur
Ich habe diesen Sommer mithilfe ihrer Agentur eine Reise nach Kenia gebucht.
Ich habe diesen Sommer mithilfe ihrer Agentur eine Reise nach Kenia gebucht. Da ihr Unternehmen zu einem der größten Anbieter in Europa zählt, war ich davon überzeugt, dass ich es hier mit einer ordentlich operierenden Organisation zu tun habe. Im Jahr 2009/2010 haben sie es immerhin zu einem Umsatz von 16 Milliarden Euro und einem Reinerlös von 113 Millionen Euro gebracht. Ein solcher Erfolg, so dachte ich, kommt nicht von ungefähr.
Dennoch habe ich nun, nach meiner Reise, das zwingende Gefühl, eine verhaltene Kritik in Form einer mir auf der Zunge brennenden Frage zu üben, in der Hoffnung, dass sie dadurch aufschrecken.
Ich kann sie aber gleichzeitig beruhigen, denn meine Kritik handelt nicht von Schimmel im Badezimmer, nicht von hässlichen Vorhängen, nicht von Baustellenlärm oder von zu viel Chlor im Swimming Pool. Nein, hinsichtlich des Hotels (Diani Beach Sea Resort) gibt es keinen Grund zur Klage. Alles war in bester Ordnung: Die Zimmer waren geräumig, der Pool und der Strand waren schön, das Essen abwechslungsreich und köstlich.
Meine Kritik/ Frage handelt von Verantwortung. Und zwar von Verantwortung gegenüber der kenianischen Bevölkerung.
Ich will mich erklären: Am dritten Tag nach unserer Ankunft buchten wir im Hotel über ihre Agentur eine Safari. Für 360 Euro pro Person wurden uns folgende Leistungen versprochen: Eine 2 ½ tägige Fahrt in den Tsavo Nationalpark (Ost und West) in einem komfortablen Jeep mit Allradantrieb, ein einheimischer Fahrer, der fließend Deutsch spricht, Übernachtung in komfortablen, so genannten Tented Lodges, also Zeltanlagen mitten im Nationalpark, Frühstück, Mittag- und Abendessen und natürlich die Big Five (also die Sicht von Löwe, Leopard, Rhinozeros, Büffel, Elefant). Der Flyer bezüglich dieser Safari war so formuliert, dass nicht eindeutig daraus hervor ging, ob für Getränke gesorgt war oder nicht. Hier mussten wie zu unserem Leidwesen feststellen, dass 360 Euro für 2 ½ Tage offenbar nicht reichen, um die Getränke bereitzustellen, so dass wir letztendlich ungefähr 380 Euro pro Person bezahlten.
Am Morgen, an dem die Safari von unserem Hotel aus startete, entdeckten wir die ersten Disparitäten zwischen Info-Broschüre und Realität: Der Jeep mit Allradantrieb entpuppte sich als eher antriebsloser, abgeklapperter Kleintransporter und unser einheimischer Fahrer sprach nur sehr wenig Deutsch und auch nur wenig Englisch. Aber er war nett und bemüht. Und auch seine Fahrweise, gemessen an der Selbstmordkultur der Wagenlenker auf Kenias Straßen, war als besonnen zu bezeichnen. Darüber hinaus waren wir uns auch des geopolitischen Kontextes, in dem unsere Reise stattfand, bewusst: Keine fünfhundert Kilometer entfernt, im Flüchtlingslager Daadab nahe der somalischen Grenze, drängten sich die vor der Hungersnot geflüchteten Somalis und starben im Minutentakt. Angesichts solchen Elends musste es auf unseren Fahrer dekadent und überzögen wirken, sollten wir uns über wenig komfortable Sitze oder mangelnde Sprachkenntnisse beklagen. Also sagten wir nichts und dachten uns unseren Teil.
Dennoch nahm ich diese Safari zum Anlass, eine kleine Rechnung aufzustellen. Wir waren zu viert, zahlten pro Person jeweils zwischen 360 und 380 Euro für zweieinhalb Tage. Insgesamt kam also eine Summe von circa 1500 Euro zusammen. Zog man nach großzügiger Berechnung die Kosten für Benzin, Übernachtung und Essen ab, blieben nach grober Berechnung noch tausend Euro übrig. Von diesen 1000 Euro, so nahm ich an, mussten aber noch die einheimischen Arbeiter in den Tented Lodges und nicht zuletzt unser Fahrer bezahlt werden. Und dies war der Punkt, der mich stutzig machte: Ein normaler Angestellter, wie unser Fahrer, verdient lediglich 65 Euro im Monat, und da unser Fahrer nur zweieinhalb Tage mit uns unterwegs war, können wir die Kosten ihrer Agentur für alle an unserer Fahrt beteiligten, einheimischen Arbeiter auf 100 Euro schätzen, wovon unsrer Fahrer vielleicht 20 Euro sieht. Das bedeutet wiederum, dass von den 1500 Euro, die wir bezahlt haben, maximal nur ein Fünfzehntel der kenianischen Bevölkerung zugutekommt und nur ein Fünfundsiebzigstel unserem Fahrer. Dieser aber hatte den Löwenanteil der Arbeit zu erledigen, denn er musste uns für geschätzte dreißig Stunden durch Kenia fahren.
Worauf ich mit dieser Rechnung hinaus will, ist folgendes: Ich gehe davon aus, dass sie mit unserer Reise einen Gewinn zwischen 500 und 800 Euro erwirtschaftet haben. Mir ist bewusst, dass sie an den Verhältnissen in Kenia nur wenig ändern können. Der Monatslohn eines Kenianers liegt nun einmal bei 65 Euro im Monat und eine eigenmächtige Erhöhung aller unter ihrer Agentur arbeitenden Angestellten würde, wie man so sagt, die „Preise kaputt machen.“
Meine Kritik/ Frage geht in eine andere Richtung. Denn zum Abschluss unserer Reise wurde uns von unserem Fahrer ein Feedbackbogen ihrer Agentur überreicht, denn wir ausfüllen sollten. In diesem Fragebogen wurden wir unter anderem gebeten, die Fremdsprachenkenntnisse unseres Fahrers zu beurteilen. Wahrheitsgemäß bewerteten wir diese als durchwachsen.
Als wir dem Fahrer den ausgefüllten Bogen zurück gaben sah er ihn sich durch und fühlte sich offenbar getrieben, Stellung zu beziehen.
„Deutschkurs“, sagte er lapidar und machte dabei das internationale Zeichen für Geld, „sehr teuer.“
Meine Kritik/ Frage dreht sich nun um folgendes: Angesichts ihrer hoffentlich unstrittigen Gewinnmarge, wäre es da nicht ein Zeichen unternehmerischer Verantwortung, sich um die Fortbildung der eigenen Mitarbeiter zu kümmern? Im Falle unseres Fahrers bedeutete dies zum Beispiel einen kostenlosen Fremdsprachenkurs, ein Fahrtraining oder ähnliches. Denn meiner Ansicht nach sollte neben aller profitorientierten Handlungsweise ihres Unternehmens (und der für sie arbeitenden Subunternehmen) nicht außer Acht gelassen werden, dass sie als Vertreter der westlichen Staaten auch eine Verantwortung gegenüber den Ländern der Dritten Welt und den Schwellenländern haben. Das bedeutet wiederum , dass sie meiner Meinung nach falsch handeln, wenn sie einen Teil ihres Gewinns nicht in die Weiterentwicklung der kenianischen Bevölkerung stecken, um ihnen so einen Ausweg aus dem Kreislauf des ewigen Ausgebeutetwerdens zu ermöglichen.
Es mag nun sein, dass sie solche Entwicklungshilfe bereits leisten. In Ihrer Internetpräsenz ist davon aber bis auf einige Alibi-Aktionen nichts zu sehen. Deswegen will ich meine Kritik auch als Frage verstanden wissen: Gibt es ein solches soziales Engagement? Wenn ja, welchen Umfang hat es und können sie mir darüber Auskunft geben? Wäre es möglich, eine genaue Kostenaufstellung von ihnen bezüglich unserer Reise zu bekommen, damit ich sehen kann, was mit meinem Geld geschehen ist? Und würden Sie sich bereit erklären, einen Teil des Gewinns, den sie durch meine Reise nach Kenia erwirtschaftet haben, wieder in die kenianische Entwicklungshilfe zu stecken? Würden Sie sich ebenso bereit erklären, meinen Brief als Anlass zu nehmen, über ihre soziale Verantwortung in den Entwicklungsländern, in denen sie operieren, nachzudenken?
Es wäre jedenfalls schön, wenn mein Brief nicht in der Flut der Beschwerdebriefe unterginge.





Kommentare
Mal einige Tipps für Leute, die gern per Zelt und Rucksack in Afrika reisen möchten. Ich empfehle da Botswana und Namibia. Wir haben das gemacht und hatten keine Probleme. Besonders der Chobe-Nationalpark in Botswana und eine Flußfahrt dort sind traumhaft. An jeder Ecke Elefanten, große Elefantentreffen, Löwen, Nilpferde, Seeadler u.a. Man muss sich nur ein Auto für die Nationalparks leihen. 4Rad-Antriebe teilweise erforderlich, aber in Namibia nicht notwendig. Wenn man im Chobe-Nationalpark übernachten möchte, empfehle ich doch einen Campervan. Bei uns schlichen die halbe Nacht Löwen um unser Zelt und in der Zeitung lasen wir später, dass eine Touristin von Löwen aus dem Zelt gezerrt und gefressen wurde. In Namibia kann man dagegen problemlos per Zelt in der Etosha übernachten, da sind die Zeltplätze alle umzäunt und bewacht. Sanitäre Anlagen auf den Zeltplätzen sind spitzenmäßig. War ein absoluter Traumurlaub!
21.08.2011, 14:20 von FreydisViel Spaß in Afrika
Zunächst einmal: sehr witzig geschrieben, auch wenn ein offensichtlich ernstes Gedankengut mitspielt.
17.08.2011, 12:09 von The_SpectatorZu den Kommentaren möchte ich mich gar nicht groß äußern - jeder darf seine eigene Meinung haben, diese vertreten und diese auch versuchen, jemandem ins Hirn zu brennen.
Was ich hasse sind vorschnelle Beurteilungen derjenigen Menschen, die Erlebtes berichten. Und das von Leuten, die selbst nicht mal ansatzweise wissen, worum es im Detail eigentlich geht. Und von dieser Spezies tummeln sich hier weiß Gott einige.
Fakt ist: Wer sich aus dem Fenster lehnt, muss mit Gegenwind rechnen. Ich persönlich sehe das Ganze ähnlich wie du, lieber Patrick. Und ich wünschte, es gäbe ein Patentrezept, diesen Mißständen entgegenzutreten. Gibt es aber nicht. Also bleibt den Menschen auch nichts weiter, als (auch durch Safarireisen) wenigstens im Kleinen ihren Beitrag zu leisten.
Alles Gute
Tobias
@The_Spectator Ich sehe das genauso wie mein Vorredner. Diskussion ist gut, Gegenwind auch.
20.08.2011, 01:03 von StahlblutUnd ich finde es faszinierend, wie einerseits Geiz vorgeworfen wird, andererseits Dekadenz.
Ich war 1994 mit meinen Eltern im gleichen Hotel im Urlaub und obwohl ich damals noch ziemlich klein war, fand ich das eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Wir haben den Kindern in unserem Alter übrigens kein Geld gegeben sondern Stifte, Schulhefte, Essen, Fingerfarbe, Luftballons. Und ich als Kind, welches fast alles bekommen hat, war beeindruckt, wie sehr sich Menschen über solch 'kleine' Sachen freuen können und gleichzeitig schockiert von den riesigen Unterschieden. Und schon damals hat mein Vater uns jeden Abend vorgerechnet, was der Kellner am Tisch am Tag verdient (10 Pfennig) und warum er ihm mehr Trinkgeld gibt als jemandem in Deutschland. Und schon damals haben wir alle zusammen ausgerechnet, was die Leute dort wohl von unserem 'Urlaubsgeld' haben werden...
Zur dekadenten Safari: das haben wir damals auch gemacht. Allerdings floss ein Teil von dem Geld dafür in die Nationalparks und ich hoffe, das ist auch heute noch so.
Ich find' es gut, dass sich jemand darüber Gedanken macht. Und ich finde es nicht verwerflich, zu verreisen, auch nicht in ärmere Länder. Denn nur so bekommt man überhaupt einen Eindruck von dieser Welt...
"Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt. Lehre ihn fischen und er wird immer satt." - Chinesisches Sprichwort
Hi! In Ihre Stelle werde ich zusätzlich diese Beschwerde in FACEBOOK stellen... Da die Reiseagentur bestimmt dort mit Marketingforen vertreten ist, dadurch wird die Reiseagentur den Sachverhalt sehr peinlich auswirken... Demzufolge erreichen Sie dadurch Ihre Zweckmäßigkeit...! Pion
12.08.2011, 09:38 von pion@pion Jetzt weiß ich endlich, wer immer diese unglaublichen Bedienungsanleitungen schreibt... ; )
12.08.2011, 15:03 von ...niemand...Nett gemeint, aber zum "aufschrecken" wirst du damit wohl niemand bringen... Willkommen im Kapitalismus, dessen Teil du bist.
12.08.2011, 00:15 von TschoernWas hat das denn mit Neid zu tun? Ich schimpfe doch auch nicht über eine Geschichte, die über eine glückliche Liebe geschrieben wird, obwohl ich vielleicht neidisch bin. Finde sie ja dann eher noch schöner. Neid ist auch so ne Pauschalantwort, wenn man andere Ansichten nicht akzeptieren will...
11.08.2011, 21:36 von deine_locken-rocken@deine_locken-rocken Nee, nicht pauschal, nur in diesem Fall drängt es sich auf, dass es eine Rolle spielen könnte. Könnte jetzt leicht eine Retourkutsche starten, lasse es aber lieber.
11.08.2011, 23:16 von FreydisEigentlich nicht schlecht, wenn solche Briefe an die Reiseagenturen geschrieben würden. Wenn es mehr würden, würde sich evt. auch etwas ändern.
11.08.2011, 20:18 von FreydisBei der emotionalen Diskussion habe ich den leisen Verdacht, dass etwas Neid im Spiel sein könnte.
Ansonsten, wer nicht aus moralischen Gründen nach Kenia fahren möchte, empfehle ich Africam, das sind Webcams an afrikanischen Wasserlöchern. Zurzeit sieht man da Nashörner. ;-)
Um gegen Unterentwicklung anzukämpfen muss sich nämlich jeder an die eigene Nase fassen anstatt die Verantwortung auf die großen bösen Unternehmen zu schieben. Ausserdem gibt es aus vorher schon genannten Gründen auch keine Pauschallösung für Entwicklung. Was würde der Deutschkurs dem Fahrer genau bringen?? Er würde danach doch von der Firma genauso schlecht bezahlt!
11.08.2011, 12:25 von deine_locken-rocken@deine_locken-rocken Er hätte eine Qualifikation, die es ihm erlauben würde, anderweitig tätig zu werden. Gesetzt den Fall, er könnte nicht mehr Auto fahren, böte sich ihm durch die Deutschkenntnisse die Möglichkeit , an der Rezeption, im Service, oder woanders zu arbeiten. Wir müssen doch hier nicht über den Wert von Fremdsprachenkenntnissen diskutieren.
11.08.2011, 21:53 von PatrickManganIch muss ehrlich sagen, dass mich diese moralisch überhebliche Haltung gegenüber einer Reiseagentur, also einem rationalen Marktakteur der noch nicht mal die Ambition hat Entwicklungshilfe zu leisten auch tierisch nervt. Durch Tourismus werden Arbeitsplätze geschaffen, definitiv, und für viele Länder war Tourismus ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu wirtschaftlicher Entwicklung. Ich fand das Beispiel, was jemand gebracht hat, dass SAP dann auch Weiterbildungskurse für chinesische Fabrikarbeiter finanzieren müsste sehr gut. Sicherlich wird der Fahrer sehr gering bezahlt, näcmlich auf dem allgemeinem Niveau des Landes in dem er arbeitet. Sicher ist das nicht unser Standard, und sicher ist das wenig. Aber warum zur Hölle sollte ein international tätiges Unternehmen auf die Idee kommen: ach, nee lass mal den Gewinn halbieren und paar Sprachkurse organisieren?! Warum sollte ein UNTERNEHMEN das zusatnde bringen, was noch nichtmal die meisten Individuen hinbekommen, die sich als politisch korrekt und altruistisch veranlagt bezeichnen würden?!
11.08.2011, 12:22 von deine_locken-rockenIch finde es SUPER Urlaub in Afrika zu machen, ehrlich. Aber sich dann über die Missverhätnisse bei der Verteilung von Wohlstand bei der REISEAGENTUR zu beschweren finde ich einfach einen volkommenen totalen Trugschluss.
wirklich toll! sehr mutig so etwas zu schreiben.
11.08.2011, 11:12 von Nana1409kam denn schon eine antwort?
@Nana1409 Nein, noch nicht. Sobald was kommt, schreibe ich es hier rein!
12.08.2011, 13:49 von PatrickManganSCHRECKLICH! Wieso fährst Du dann in solch ein Land und erdreistest Dich dort im Luxus zu leben? Ich glaub es hackt! Dann buche doch bitte keine Safari, sondern gib den Armen Menschen statt dessen das Geld! Erst dann hättest DU einen Grund, Dich über die Reiseagentur aufzuregen! Schau Dich doch mal bitte im Spiegel an und reflektiere!
10.08.2011, 18:25 von Das_Uschi@Das_Uschi »Dann buche doch bitte keine Safari, sondern gib den Armen Menschen statt dessen das Geld!«
11.08.2011, 09:45 von sailor?
Und was machen dann die Safarimacher?
Urlaub in Polen?
@sailor Ich denk mal das der Kommentar nicht ernst gemeint sein kann, sailor, der Gedanke kommt mir auch schon ob des Usernamens....^^
11.08.2011, 10:44 von Chiral@Chiral Den Gedanken hatte ich ja auch schon...
11.08.2011, 12:43 von sailor