Heldenkotze der Arbeit
Eine Frage der Leistung.
Die Zeiten des eindimensionalen Leistungsbegriffs sind längst nicht vorüber und werden beharrlich stupide wiedergekäut. Common Sense ist vielfach immer noch: Erwerbsarbeit = Leistung. Das wars.
Wer wem wirklich etwas leistet und womit, nicht zu welchem Wert, sondern zu welchem „Preis“, wird dabei gern übersehen. Die Ansprüche an Verdienst und Auskommen steigen stetig, die an ihre elementar menschlichen Voraussetzungen hingegen kaum in dem Maße. Das erzeugt nicht nur eine Menge Spannung und Druck, sondern eben auch Dauermeldungen aus dem Handbuch der Zivilisationskrankheiten. Burnout, Herz-Kreislauferkrankungen. Depressionen.
In der (Erwerbs)Arbeit besonderen Leistungsdruck zu haben,
gilt als weithin gesellschaftlich akzeptierter, als in zivilen, vermeintlich
idealistischen oder sogenannten privaten Angelegenheiten, die nur auf den
ersten Blick scheinbar weniger mit Ökonomie und Geldvermehrung zu tun haben.
Scheinbar.
Das führt unter Umständen dazu, dass Menschen eine zentrale Quelle ihrer
Lebensqualität und Energie: die zwischenmenschliche Hygiene vernachlässigen,
belastende Mängel in der Arbeitsflucht "ausgleichen" wollen und zum
Workaholic mutieren. Von der Wirtschaft ist das gern gesehen. Eine tragende
Beziehung scheitert? Eine jahrelange enge Freundin noch aus Kindertagen bricht
drastisch die Loyalität? oder vielleicht hatte jemand noch nie so fähige
Sozialkompetenz? da haben wir was für dich – such dein Heil in der Selbstausbeutung, im
Hamsterrad des Kapitalismus, acker dich schwach, besinnungslos und krank, und
du bist ausm Schneider.
Völlig egal wie desaströs dein Sozialleben aussieht, ob dein Mann oder deine
Kinder dich hassen, deine Frau dich betrügt, ob dir die Krankenkasse schon den
zweiten Bypass und seit Jahren aufwendige Schmerztherapien bezahlt, ob du mit
deiner verlagerten Geltungswut in deinem Haifisch-Unternehmen jeden Tag hunderte
Kleinbauern in Südostasien ruinierst.
Hauptsache ist, das Konto brummt und die Kollegen klopfen dir auf die Schulter.
So sieht Lebensqualität aus. Das ist (Ab)wirtschaften, das ist es was die
Volkswirtschaft braucht und nicht so alberne Dinge wie (geistige) Gesundheit,
humanistische Ideale oder Lebensfreunde.





Kommentare
Ich stimme dir da vollkommen zu! War auch mal im Hamsterrad, jetzt hab ich ne "niedrigere" Stellung, dafür wieder Lebensqualität. Besonders richtig beobachtet finde ich:
28.12.2011, 18:39 von Sterling4ever"In der (Erwerbs)Arbeit besonderen Leistungsdruck zu haben,
gilt als weithin gesellschaftlich akzeptierter, als.."
Ich weiß nicht so recht, ganz kann ich mich mit der Stoßrichtung des Artikels nicht anfreunden.
04.12.2011, 17:24 von holo...Die Leistungsdoktrin, die du da skizzierst, ist heute bestimmt auch noch anzutreffen (gerade in "klassischen" Bürojob/2KindFamilie/Reihenhaus-Biographien), aber generell lese ich hier eher eine etwas überholte Sichtweise heraus, die eher auf unsere Elterngeneration anzuwenden war.
Ich glaube, das heute das Leistungsdenken gerade auch die Bereiche erfasst hat, die du als vernachlässigt bezeichnest. Den klassischen Arbeitsnehmer, der sich nur über seinen Beruf definiert (und definiert wird) gibt es heute immer weniger.
Viel wichtiger ist es doch auch geworden, wie man sein Leben neben dem Beruf gestaltet. Man sollte ein aktives Freizeitleben aufweisen, breit gefächerte soziale Beziehungen aufrecht erhalten, seinen Kindern (oder eher: seinem einen Kind) gute Eltern (wenn nicht gar Über-Eltern) sein, seinem Partner auch nach 20 Jahren Beziehung ein ausgefallenes und spannendes Sexualleben bieten können und das alles natürlich auch aggressiv nach außen präsentieren.
Dieses "Bring deine leistung im Job, alles andere ist sekundär"-Ding war einmal, das Primat der Leistung wurde auch auf die zwischenmenschlichen und privaten Bereiche ausgeweitet - meiner Meinung nach ist das einer der Gründe, wieso sog. Zivilisationskrankheiten so stark auf dem Vormarsch sind.
Was meiner Meinung nach fehlt, ist die Bereitschaft, Scheitern und Verweigerung als wichtige Bestandteile eines ausgeglichenen lebens zu akzeptieren.
Wire sollte man es sonst erklären können, dass auch bei Menschen, die sich bewusst gegen eine nach ökonomischen Gesichtspunkten ausgerichteten Lebensentwurf (Künstler und sonstige "Kreative") so viele mit Erschöpfungssymptomen finden?
Das Problem ist, dass immer noch alle dem Kapital hinterher rennen, wobei Geld dabei eine geringere Rolle als früher spielt. Soziales Kapital dagegen ist wichtiger geworden.
Bester Artikel since 2004!
03.12.2011, 10:19 von FrauKopfIch könnte kotzen, dass sowas nicht auf der Startseite landet!
ich will nicht auf "mag ich!" mit herzchen drücken. da sträubt sich mir innerlich alles dagegen.
03.12.2011, 07:25 von Der_Misanthropaber ich empfehle diesen artikel.
ich empfehle jedem, den mal gelesen zu haben, drüber nachzudenken, konsequenzen zu ziehen.
Ich glaube auch nicht, das es bei Burn-Out so unbedingt um die unerfüllten Luxuswünsche geht. In meinen Augen ist es eine Sache der fehlenden Anerkennung. Man fühlt sich zu wenig beachtet, arbeitet um so härter, dann können die anderen stolz auf mich sein, wenn ich Ihnen so schon nichts Wert bin. Irgendwie ist es wie ein Strudel, und irgendwann wird einfach erwartet, dass man immer mehr leistet, als andere. Andere ruhen sich auch gerne auf Kosten dieses "brennenden Menschen" aus.
22.11.2011, 11:26 von TaneaIch seh das im Bekanntenkreis. Burnout ist kein Problem, dass Leute haben, die mit sich selbst und ihrer Umwelt im reinen sind.
meistens ziemlich genau das. exakt.
22.11.2011, 15:01 von schaubyvielen Dank für die wertvolle Ergänzung zum Text.
ich stimme dir in vielem zu.
22.11.2011, 11:06 von pocketfür mich ist auch unverständlich wie man z.b. in einem konzern wie nestl* arbeiten kann ohne den ganzen tag zu kotzen.
was das abrackern vieler betrifft, bis hin zu burnout oder depression, denke ich, dass der großteil derer die das tun, das nicht machen um im luxus zu schwelgen, sondern um zu überleben. die ansprüche werden immer höher, auf arbeitsrechte kackt man vielerorts, ist man nicht willig, stehn drei an um den job.
die lebenserhaltung wird immer teurer, das was im lohnbeutel ist, ist immer weniger wert.
die furcht vor dem finaziellen crash ist denk ich sehr hoch. und so strudelt man sich ab, rackert und denkt: jetzt beiß ich in den saueren apfel und irgendwann wirds besser!
nur wirds das?
aber was ist die alternative?
gibt es eine Alternative zur Gesundheit ?
22.11.2011, 15:26 von schaubyEs geht ja nicht darum, sich keine Mühe zu machen, sich nicht einzusetzen für seine Ziele.
Ganz und gar nicht.
Die Frage ist vielmehr für jeden zu realisieren, zu welchem Preis Ansprüche an Lebensstandart, Anerkennung und Wertschätzung gesucht werden. Die Achtsamkeit zu schärfen für eine intelligente Balance seiner Bedürfnisse, und nicht eines davon zum Schaden und offenkundig krankmachenden Missverhältnis aller anderen zu machen.
nein, es gibt keine alternative zu gesundheit,da hast du schon recht.
22.11.2011, 20:37 von pocketich arbeit in dem bereich in dem das burnout mehr oder weniger "geboren wurde" und mich hats "noch"(?) nicht erwischt. und ich arbeit mit menschen dies voll erwischt hat. was ich seh ist ein fehlen von ressourcen, welches die depression o/u burnout fördert.
egal ob äussere ( z.b. die sicherheit zu haben, in den krankenstand gehen zu können wenn ma sich scheisse fühlt) oder innere - eben mit seinen kräften haushalten können, seine grenzen erkennen, ausgeglichen zu sein, sein privatleben geniessen....
das böse ist, beginnt der teufelskreis lässt als erstes die normalen warnmechanismen aussetzen, wie z.b. die selbsteinschätzung ( "ich gebe genug")...
schön wärs könnten das alle: haushalten mit ihren ressourcen und ihre grenzen erkennen.
es gibt in guten firmen projekte die, die ihre mitarbeiter genau darauf schulen...
und daneben ist es natürlich eine persönlichkeitsstrukturfrage...
guter artikel! falls das bis dato nicht rübergekommen ist ,)
zum ersten mal: vollste zustimmung.
18.11.2011, 11:19 von HerzInFucked»Von der Wirtschaft ist das gern gesehen.«
17.11.2011, 16:25 von sailorIst das noch so...? Ein Kunde von uns, der mal zum attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands gekürt wurde, achtet schon darauf, daß die Mitarbeiter sich nicht auslaugen. Zumal er es sich auch nicht leisten *höhö* kann, das die Mitarbeiter nicht Leistungsfähig sind... Oder sich verschleißen.
Kranke Mitarbeiter freut die Wirtschaft nicht.
Es gibt solche Arbeitgeber, gewiss. Der Chef der dm-Drogeriekette
bspw. Und einige andere. Aber wieviele stehen dem gegenüber, die das überhaupt
nicht interessiert? Wer Menschen wie
Waren und Objekte nur stur beschränkt nach „Gebrauchswert“ misst, den kümmert
es nicht, wer kaputt geht und dafür neues kommt. Und schon gar nicht warum .. Zieht
man den Zirkel über deutsche und ein paar wenige europäische Grenzen hinaus,
wirds mitunter richtig finster.
17.11.2011, 16:45 von schauby
Ja...
17.11.2011, 16:59 von sailorZweifels ohne...
Warum sind solche Texte nie auf der Home zu finden?
17.11.2011, 15:46 von JustaffNun, was frag ich dich - schon klar. Wollte es nur erneut deutlich machen, dass mich dieses Versäumnis ärgerlich stimmt.