Antianti 03.01.2012, 12:58 Uhr 0 0

Große Sauerei

Wie erlebt ein Tier einen Tierversuch? Denkt es dabei? Eine Spekulation darüber, wie ein Schwein einen Tierversuch erleben könnte.

Zuhause werde ich abgeholt. Mit meinen Schwestern und Brüdern lebe ich in einem großen Käfig. 
Insgesamt sind wir sechs Ferkel. 
Von unserer Mutter bekommen wir noch warme Milch aus ihren wunden Zitzen. 
Wenn es um die Fütterung geht, sind wir alle sehr gierig. Da wird viel gequiekt und gezankt unter uns. Aber ich will mich nicht beklagen, wir haben ein saumäßig schönes Leben. 
Mein Vater ist meistens bei den anderen Schweinen, sie hängen zusammen am größten Futternapf in unserem Gehege. 

Am liebsten habe ich es, wenn es nachts still wird im Stall. Wenn kein Quieken und Gegrunze mehr zu hören ist und unser Bauer das Tor zum Stall schließt. Erst morgens öffnet er es wieder, dann bekommt Mama ihr Futter. 
Wenn Mama aufgegessen hat, machen wir alle einen Mittagsschlaf, meistens kuschelt sich dann auch Papa an uns ran. 
Eines Morgens, Mama hatte gerade ihr Mahl verspeist, haben meine Geschwister und ich gesehen, wie Papa aus dem Stall gebracht wurde. Jeden Morgen nahm der Bauer ein paar Schweine und Säue mit hinaus. Es waren immer die größten und ältesten, die er mitnahm. Mama wusste nicht, wo Papa hinging. Wir warteten einen Moment, er würde bestimmt zum Mittagsschlaf kommen, meint Mama. 
Aber das tat er nicht. 
Auch als die Sonne unterging, und der Bauer das Tor zum Stall schloss, war Papa nicht zurück. 
Mama war beunruhigt. Das merkten wird. 
Auch in den nächsten Tagen kam Papa nicht zurück, doch bald kehrte wieder ein gewisser Alltag ein, doch kurz nachdem Mama uns abgestillt hatte, verschwand auch sie. 
Meine Geschwister und ich kannten uns nicht gut aus in dem großen Stall. Wir wussten von dem Handeln der anderen Schweine, dass wir, um zu fressen an die große Futterbar gehen mussten. Schnell nahmen wir zu, das Futter setzte mehr an, als die Milch, die wir aus den Zitzen meiner Mutter gewohnt waren. 
Meine Schwestern bekamen bald ihre eigenen Ferkel, und auch wir begannen uns zu paaren. Nach einigen Monaten des geregelten und täglich gleichen Ablaufes lebten wir alle in unseren kleinen Familien. 
Nur an der Futterbar trafen wir noch aufeinander. 
Bald fehlten auch meine Schwestern. Sie waren verschwunden, wie Mama und Papa eines Tages verschwunden waren, und auch sie tauchten nicht wieder auf. 

Im Stall sprach man nicht viel darüber, eine Erklärung fanden wir ohnehin nicht. 
Es war, als grübelte man über die Entstehung des Stalls. 
Es entging mir nicht, dass es kälter wurde im Stall. Viel merkte ich davon wegen meiner Fettschichten jedoch nicht. 
Ich bediente mich gerade an der Bar, als ich ein unangenehmes, warmes Stechen an meiner Backe spürte. Der Bauer stand hinter mir, mit einem pieksenden Etwas in der Hand. Vermutlich hatte er damit in meine besagte Backe gepiekt, 
Mir wurde leicht schwummerig, aber ich merkte nicht viel, nur, dass ich ging. Langsam. Der Bauer führte mich und ein paar andere Schweine, unter ihnen mein Bruder, aus dem Stall. Eine neue Wirklichkeit öffnete ihre Tore. In meiner Benommenheit konnte ich gar nicht so genau hinschauen, wie mir lieb war. Und dabei war ich doch immer so neugierig gewesen, was mich hinter dem Tor erwartete. 
Er führte uns auf irgendwas hinauf, meine Umgebung wurde wieder klarer, und ich vernahm, dass wir fuhren. Das rasende Tuff Tuff war total überfüllt, normalerweise hätte nur die Hälfte von uns auf dem kleinen Ding Platz gefunden. 
Wir fuhren lange und der kalte Fahrtwind machte sich sogar durch meine dicken Fettschichten bemerkbar. 
Irgendwann kamen wir an. Irgendwo. 
So wie wir auf das Tuff Tuff getrieben wurden, wurden wir wieder herunter getrieben. 
Der Bauer ging sehr unsanft mit uns um, das gefiel mir ganz und gar nicht. 
Wir liefen durch Schächte, eng an eng. Lautes Gegrunze erfüllte die schmalen Gänge. 

Am Ende des Schachts standen weiß bekleidete Ungeheuer und betäubten ein Schwein nach dem anderen mit so einem pieksenden Etwas. Ich erahnte schon den Schmerz, der mich gleich durch den Stich durchfahren würde. 
Jetzt war nur noch ein Schwein vor mir. Mein Bruder. Sein Quieken erschütterte alles in mir, es war erfüllt von Schmerz und Leid. Vor Monaten tat man das gleiche mit Mama und meinen Schwestern. 
Es blieb mir keine Zeit, den Gedanken zu Ende zu führen. Voller Wucht stach der weiße Tyrann das lange Teil in die Backe, die noch von dem ersten geschwollen war. 
Ich bemerkte, wie langsam der klare Blick aus den Augen der anderen Schweine wich, die nun langsam durch noch schmalere Schächte geführt wurden. 
Das Teil schien bei den übrigen Schweinen eine andere Wirkung zu haben, als bei mir. Ich bemerkte keine Änderung meines Zustands. Ich nahm meine Umgebung wahr, wie ich sie vor dem Stich wahrnahm. So entging es mir auch nicht, dass es kälter wurde, umso weiter wir den Schacht entlang gingen. 
Bald kamen wir an ein Ende des Schachts, in eine mir wieder fremde Wirklichkeit. 
Ich fror und draußen war es ungemein grell. 
Der unebene, weiße Boden war ungeheuer kalt, er schmelzte unter meinen Pfoten. 
Einzelne Schweine fielen um und versanken ein Stück weit in der weißen, mir unbekannten Masse. 
Sie rührten sich nicht mehr, nach und nach fielen alle Schweine um. Bald waren nur noch mein Bruder und ich auf vier Pfoten. Zitternd standen wir uns gegenüber und warteten auf das Ende. 
Gegenwärtig fiel das kalte, flockenartige auch vom hellen Himmel, ein starker Wind kam auf, der sich die weiße Masse häufen ließ. 
Ich bemerkte, dass ich den Teil eines großen Gebirges für den Himmel hielt, denn er hatte die gleiche, helle Farbe. Wir waren gefangen in einem Schneelabyrinth, dem wir nicht entkommen könnten. 
Wie Wellen stürzt die weiße Pracht hinab und begräbt uns unter sich. 

Fakten: 
Im Januar 2010 berichtete ZEIT ONLINE von Tierversuchen mit Schweinen, in denen erforscht werden sollte, woran Lawinenopfer sterben. In den Versuchen wurden narkotisierte Schweine lebendig unter Schneemassen begraben, begutachtet hat diesen Versuch ein internationales Forscherteam. Der Versuch wurde mit sehr heftigen Reaktionen konfrontiert und wurde letztlich vorzeitig abgebrochen.

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