Geschlechtsumwandlung im Briefkasten
Ich bin ein Mann, dachte ich zumindest. Seit 29 Jahren bestätige ich mir jeden Morgen beim Gang zur Toilette:Du bist mit Adam verwandt, nicht mit Eva.
Schon der Frauenarzt meiner Mutter konnte noch vor meiner Geburt sagen: "Es wird ein Junge." Als äußerst gutgläubige Menschen entschieden sich dann meine Eltern ihr Kind "Jens" zu nennen.
Alles schien sich völlig normal zu entwickeln. Der Sprößling ging schon mit fünf Jahren zum Fußballverein, erfreute sich von kleinauf an den besten Freundinnen seiner älteren Schwester und hörte am liebsten Rockmusik.
Doch eines Tages drang eine mir vorher unbewusste feminine Seite ans Tageslicht, als ich von meinem Abi-Jahrgang als "bester Zuhörer" gewählt wurde. Ein Mann, der gut zuhören kann? Ein Oxymoron auf zwei Beinen, warum schauen die Leute mich so komisch an? Erschrocken griff ich an meine Brust, doch noch war alles flach...noch.
Nach der Schule ging ich zum Zivildienst - Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Hatte ich Angst vor Bagdad oder vielleicht doch eher vor Testosteron, das nachts von der Stubendecke tropft? Das Unheil nahm weiter seinen Lauf.
Mit Beginn des Studiums wurde ich für werbende Unternehmen interessant. Mein Briefkasten war jeden Tag prall gefüllt mit Zeitungen oder Broschüren. Wenn man dann noch wie ich ab und zu bei einem Gewinnspiel oder Kundenbefragungen teilnimmt, bekommt man als Hauptpreis automatisch neue Freunde. Sie schrieben fast täglich und teilten tolle Geheimnisse mit mir, z.B. über das Remington KF20i Lockenwickler-Ionen-Set mit Samtbeschichtung.
Ganz oben auf meiner Wunschliste stand zunächst aber ein ganz anderes Produkt: ein Saxophon, immerhin ein relativ geschlechtsneutrales Instrument. Knapp 3 Wochen nach meinem Kauf lud mich der kleine Musikladen höchstpersönlich zum Weihnachtskonzert ein, mich: "Jutta H." Sofort rannte ich zum Spiegel und riss mir die Kleider vom Leib. Glück gehabt, meine Augen sahen immernoch einen "Jens".
Mir war klar, dass ich meine Außendarstellung ändern musste. Norah Jones machte Linkin Park Platz, DSF verdrängte Sat.1 und Bier das süße Radler. Doch es kam wie es kommen musste: "Sehr geehrte Frau Jutta H., hiermit laden wir sie recht herzlich zu unserem Osterkonzert ein."
Ich weiß nicht mehr weiter, es sind noch 6 Monate bis Weihnachten. Ich will endlich wieder als richtiger Mann unterm Weihnachtsbaum sitzen! Doch es ist ein langer Weg und ich habe mit Rückschlägen zu kämpfen. Gestern bekam ich eine Bestätigung für den Eingang meiner Bewerbung, adressiert an "Frau Jens H."
Ich bin mal auf das Vorstellungsgespräch gespannt, immerhin: Das Unternehmen will die Frauenquote erhöhen...



Kommentare
Lässt grinsen :)
17.10.2010, 20:04 von LuannaHahaha. Wahnsinnig gut! Ich liebe es.
08.09.2010, 16:05 von justagirlMänner sollten einfach öfters solche Dinge schreiben. Super Schreibstil! Mein Kompliment. Fast wie ne Frau.
hihi ein text zum schmunzeln ...
23.02.2010, 12:35 von iloveparisbepisst vor lachen, echt geil!!
13.11.2009, 23:58 von Muh-Kuhdanke für die amüsante lesepause
11.09.2008, 16:16 von evali:)
28.06.2008, 01:38 von Mord_WanzeHm, mir wurde nur mal ein Doktortitel in der Anrede verliehen. Den Brief hab ich mir aber aufgehoben, so einfach bekomme ich den nie wieder. :)
30.05.2008, 21:13 von hanatabaIst das klasse! Ich komme aus dem Schmunzeln nicht mehr raus. Bei mir steht nämlich manchmal "Herr Juliane St." und als es um Bewerbungen ging, kam irgendwann ein Rückruf einer Firma, die wollten gern "Julian St." sprechen. Danach bin ich auch hastig in mein Zimmer gelaufen, um mich davon zu überzeugen, dass ich auf dem Bewerbungsfoto eindeutig als weiblich erscheine. Schöner Artikel!
25.05.2008, 20:18 von bunteWollsockesuper. super lustig. super nett. super gemein.
09.04.2008, 14:26 von miraliiund super geschrieben.