primelee 25.08.2008, 23:53 Uhr 1 0

Geld und andere wichtige Dinge

Kolumnist Wolf Lotter schrieb in einem brandeins Artikel über den Wert des Geldes. Danke! Ich weiß nun endlich, wie viel Geld mein Glück braucht.

Wieviel kostet Glück?

Guter Schlaf, gutes Essen, Freundschaft und Liebe. Wieviel Geld kostet Glück? Ein Haus am See, ein Loft in Kreuzberg, oder ein süßer Kaffeeladen in einer quirligen Prenzlberger Seitenstraße. Wie viel Geld kosten Träume? An Träumen und Wünschen mangelt es nicht, an Geld schon. Überhaupt zerplatzen die meisten Seifenblasen, weil wir einfach zu wenig Geld haben. Daran ist das Finanzamt Schuld. Oder die Politik, der Markt, die Bank, die Medien, mein Chef oder gar das Wetter. Das habe ich früher gedacht. Heute weiß ich, dass es falsch ist.
Wenn Wünsche nicht wahr werden, mangelt es meist an was ganz anderem. Zeit, Wissen, Kompetenz und Kontakte zum Beispiel. Manchmal habe ich mich mit meinem Wunsch schlicht und ergreifend geirrt. Auch das kann passieren. In Wahrheit steckte ein anderes Bedürfnis hinter dem Wunsch. Und dieses ist oft sogar viel einfacher zu stillen, als eine Weltreise, ein Loft oder eine Schule in Laos. Das was man für sein Glück einsetzen muss, ist also weitaus mehr als nur Geld. Ich will es mal Kapital nennen, und was Kapital eigentlich ist, beschreibt Wolf Lotter in der brandeins Ausgabe 03/2006 sehr schön.

Ein Pulli? Das macht 0,25 Schaf bitte.

„Der Kapitalismus ist in seinem Wesen zutiefst sozial“, schreibt Lotter. Bevor 2.600 vor Christus ein König namens Krösus das Geld erfand, haben die Menschen vom Tauschgeschäft gelebt. Ein äußerst beliebtes Tauschmittel war das Schaf. Weil man damit viel machen konnte. Lammkotelett zum Beispiel, oder Milch, oder Käse. Wenn es kalt wurde, konnte man aus dem Fell Wolle gewinnen, und sich eine Decke weben oder einen Pulli stricken. Die einen Hirten haben sich darauf konzentriert ihre Schafe zu Nahrungsmittel zu verwursten, andere haben sich auf Felle spezialisiert und so weiter. Das war praktisch, denn so konnte man das, was man zu viel hatte gegen das tauschen, was man zu wenig hatte. Fleisch gegen Fell, Milch gegen Teppiche und so weiter. Auf diese Weise konnte man alle Grundbedürfnisse befriedigen. Eigentlich hätte man die Münzen und Taler von Krösus gar nicht gebraucht, denn das Schaf hatte sich als Zahlungsmittel bewährt: Um zwei Wollpullis in XL herzustellen, brauchte man vielleicht ein halbes Schaf, also kostete ein Pulli 0,25 Schaf. Die erste Währung der Welt. Die Naseweise, die ungeschickten Käufern einen Pulli für ein ganzes Schaf andrehen konnten, haben sich gefreut. Sie haben einen Mehrwert gewonnen, den sie zur Vergrößerung ihrer Schafsherde einsetzen konnten. Anders ausgedrückt: Sie haben in ihre Capute (Lat: Schafsköpfe) investiert. Die ersten Investitionen der Menschheitsgeschichte fanden statt. Aus Caput wurde das Wort Kapital. Der Kapitalismus war geboren.

Die Erfindung des Geldes

Wozu ein weiteres Zahlungsmittel? Wieso brauchten die Menschen da noch Geld? Ganz einfach: Weil es keinen Kühlschrank gab. Wenn ich als Fleischer eine große Menge Felle kaufen wollte, um mich für den Winter zu rüsten, hatte ich ein Problem. Ich verfüge zwar über ein ordentliches Kapital, das ich einsetzen konnte, und zwar karrenweise Fleisch. Aber was zum Teufel soll ein einzelner Mensch mit einem Karren voll Fleisch anfangen. Das verdirbt, und der Kühlschrank war ja noch gar nicht erfunden. Also quittierte man dem Käufer die Menge an Fleisch, die er noch gut hatte auf einem kleinen Zettel. Der Käufer konnte diesen Gutschein einlösen, wenn er wieder Bedarf an Fleisch hatte. Also erfanden die Menschen anstelle der Kühltruhe die Quittung, und damit hier kein Schabernack getrieben wird, wurden Silberstücke eingeführt. Das Geld war im Kapitalismus angekommen. Plötzlich konnte man mit einer Tasche voll Geld um die Welt reisen und in fernen Ländern tolle Gewänder und Gewürze kaufen, ohne blökende Schafe mit sich rumzukarren. An sich eine wirklich sinnvolle Innovation.

Casino Global

Doch das Geld hatte eine Kehrseite. Weil es so abstrakt war und so schön handlich, konnte man es zum Spaß verwetten. Auf das schnellere Pferd, auf den stärkeren Käfer oder einfach auf eine Figur im Kartenspiel. Das Glückspiel kehrte im Kapitalismus ein und veränderte den Kreislauf des Tauschhandels nachhaltig. Natürlich hätte man auch davor sein Haus oder seine Schafe verwetten können. Am Pokertisch kam es einfach sehr unsexy, mit einem stinkenden Schaf aufzutrumpfen. Funkelnde Silbertaler machten sich besser. In dem Moment, als die Spieler anfingen, mit ihrem Kapital, also Geld, zu spielen, um noch mehr Geld daraus zu machen, stirbt der ursprüngliche Gedanke des Kapitalismus. Denn ein Tauschmittel war nichts wert, wenn man es nicht eingetauscht hatte. Sprich, wenn aus einem Schaf kein Pulli oder eine Decke wurde, war das Schaf einfach nichts Wert. Warum sollte es mit anderen Tauschmitteln anders sein. Wenn man Geld nicht gegen einen Wert eintauscht, sei es ein Haus, ein Grundstück oder einfach ein leckeres Vier Gänge Menü, sondern immer nur einsetzt, um noch mehr Geld daraus zu gewinnen.
Wenn die Wirtschaft lahmt, kann man ja immer noch dorthin, wo der Rubel rollt: Ins Casino. Das dachte sich womöglich Bankkaufmann Dirk Lamprecht, der sich als Bezirksstadtrat für Wirtschaft in Berlin-Mitte um die Geschäfte der Investoren kümmerte. Nach zehn Jahren Wirtschaftspolitik wurde es ihm vielleicht zu langweilig. So richtig investieren wollte keine Sau in den Standort Berlin. Also ging es ab in die Spielothek. Dort wird wenigstens noch richtig gezockt. Heute ist Lamprecht Geschäftsführer der AWI. Das ist die Lobby, die die Interessen der Automatenhersteller vertritt. Jackpot für Lamprecht, und sein Konto.

Aktionäre in Aktion

Fast 1.000 Spielhöllen und Gaststätten mit Automaten zählt mittlerweile allein eine Stadt wie Berlin. Tendenz steigend. Die Anträge für neue Konzepte liegen in mehreren Bezirken vor. Lamprecht hat alle Hände voll zu tun. Casinos profitieren von einem bestimmten Phänomen. Psychologen nennen dieses Phänomen Sucht. Die Leute verpassen es immer, im richtigen Zeitpunkt aufzuhören, um die vielen vielen bunten Smarties in der echten Welt gegen viele tolle Dinge einzulösen. Anstelle dessen werden die wieder in den Black Jack, oder in den Parlor gesteckt. „Spieler investieren nicht. Spieler wollen spielen.“, schreibt Wolf Lotter. Spieler interessieren sich weder für den Geschäftsbericht der Hersteller der Slotmachines, die sie benutzen, noch für das Arbeitsklima des Casinopersonals. Sie interessieren sich einzig und allein für das, was unten rauskommt, wenn da was rauskommt. Eine recht passive Tätigkeit. Die einzige Aktion, die stattfindet, ist die Entscheidung, für welches Spiel man wie viel einsetzt.
Komisch eigentlich, dass diese passiven Leute, die das im großen Stil machen, Aktionäre genannt werden. Auch diese interessieren sich meist wenig für das Wohl der Firma, deren Anteile sie kaufen. Was zählt ist, was unten rauskommt.

Das Blatt wendet sich

Es gibt auch Investoren, die sich gar nicht als solche sehen, sondern als Retter, als Visionäre oder wie es bei dem Berliner Verlag der Fall ist, als Verleger. Der irische Investor David Montgomery hat mithilfe seiner Aktionäre den Berliner Verlag gekauft. Das ist der große graue Plattenbauriegel am Alexanderplatz, in dem auch die Berliner Zeitung gemacht wird. Eine gute Zeitung. Sie gehört neben dem Spiegel zu den meist zitierten Zeitungen Deutschlands. Ihre Artikel sind mehrfach für hervorragenden Journalismus ausgezeichnet worden. Und der Umsatz stimmt. Es gibt keine Tageszeitung in Deutschland, die mehr Abokunden hat als die Berliner Zeitung. Wer sie kennt, weiß, dass sie wie keine andere für die Annäherung von Ost und West einsteht und sensible Themen wie Stasivergangenheit in den eigenen Reihen oder Reibereien mit dem eigenen Chefredakteur thematisiert. Die Berliner Zeitung ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zur journalistischen Presselandschaft, sondern hat auch einen gesellschaftlichen Wert. Dieser lässt sich schwer messen. Messbar sind Abokunden, Umsatz, Gewinn und Kosten. Und diese Kenndaten sind alles andere als problematisch. Das Problem ist, dass Montgomery seinen Aktionären einen Gewinnzuwachs von 18 % versprochen hat. Als Verleger, wie er sich selbst bezeichnet, müsste ihn eigentlich eher der gesellschaftliche Wert und nicht der Spekulationswert interessieren: Der gesellschaftliche Einfluss seines Blattes. Die besondere Rolle seiner Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur.

Von Brockhaus, Bertelsmann und anderen Wertschöpfern

Ein Verleger würde sich Mühe geben, diese abstrakten Werte sichtbar zu machen. Rudolf Augstein, der den Spiegel gründete, wollte politische Ungereimtheiten öffentlich machen, stand dabei stets mit einem Bein im Gefängnis. Durch seinen investigativen Spürsinn sind die Medien in der Gewaltenteilung des Staates angekommen. Neben Judikative, Legislative und Exekutive gesellte sich eine vierte Kontrollinstanz hinzu: Die Macht der Medien. Augstein leistete einen wertvollen Beitrag für die Rechtsstaatlichkeit. Carl Bertelsmann, Ursprung des Bertelsmann Konzerns, hat sich mit seiner Druckerei für die evangelischen Werte stark gemacht. Seine Druckerei stellte unter anderem Gesangsbücher für die Kirche her. Der nach ihm benannte Carl Bertelsmann-Preis zeichnet heute Beiträge für innovative Lösungen für Politik und Gesellschaft aus. Friedrich Arnold Brockhaus machte den Philosophen Arthur Schopenhauer berühmt und brachte die Memoiren des Casanova heraus. Achja, darüber hinaus engagierte sich Brockhaus mit seinen Conversations-Lexicons, der heutigen Brockhaus-Enzyklopädie, für die deutsche Sprachkultur. All diese Verleger haben zweifelsohne nachhaltige Werte geschaffen. Was wird Montgomery an Werten schaffen? Von 90 Entlassungen ist die Rede. Das entspricht einem ganzen Drittel. Unmut und Angst unter der Belegschaft, Unsicherheit unter den Lesern und vermehrte Rechtschreibfehler (weil alle Lektoren gestrichen wurden) sind das Resultat seines Wirkens. Von Wertsteigerung kann hier nicht die Rede sein. Eher von Wertminderung.

Made in Germany - Lost in stocks

Die Folgen sind bekannt, der Fall jedoch ein Novum. Noch nie sich hat ein ausländischer Investor für einen Verlag interessiert. Neuerdings interessieren sich Großinvestoren wie Blackstone auch für renditeschwache Branchen wie Wohnimmobilien: die Gehag oder die defizitäre Wohnungsgesellschaft WCM dürften sich gefreut haben. Die Hilton-Hotelkette, die Blackstone bereits im Einkaufskorb hat, gibt offenbar nicht genug Kick im Börsenroulette. Die üblichen Aufkaufe umfassen Pharmakonzerne, Industrieunternehmen oder Automobilkonzerne. Daimler zum Beispiel hat das größte Aktienpaket an Kuwait verkauft, die mit knapp 8 % die größten Aktionäre sind an dem Inbegriff von Deutscher Qualität. Man könnte auch sagen: Unsere deutscheste Marke ist auch ein wenig arabisch. Der Aktienkurs bei Daimler ist allerdings so schlecht wie nie zuvor, und so kommt es, dass eines der größten und erfolgreichsten Automobilkonzerne der Welt auf einmal fürchten muss, von einem Investor feindlich übernommen zu werden. Vielleicht stecken die Scheichs den Stern ganz in die Tasche, oder auch jemand ganz anderes? Wer weiß das schon. Was dann passiert, kann man sich ja ausmalen. Menschen werden entlassen, Standorte werden geschlossen und an teurem Personal wird gespart. Interessant ist, dass genau in so einer spekulativen Phase die Aktionäre am liebsten in Aktion treten und Daimler-Aktien kaufen.

Wachstum bis zur Insolvenz

In der Tat ist der Kurs wieder leicht gestiegen. Damit helfen eigentlich die neuen Aktionäre dem Unternehmen. Doch sie tun es nur, weil sie darauf hoffen, dass sich ein Großinvestor einkauft und die Firma „aufräumt“. Normalerweise freuen sich Unternehmen, wenn ihr Unternehmen wächst. An Reputation, an Marktbedeutung, an Fachpersonal und Marktanteilen. Dass hierbei der Gewinn niedrig ausfallen kann, ist nicht schön, aber langfristig gesehen kein Unding. Aktionäre definieren Wachstum anders. Wenn ein Unternehmen schrumpft, wächst die Rendite. Nur dieses Wachstum ist für Spieler interessant. Ist das nicht irre? Im Casino gelten andere Regeln. Vom ursprünglichen Gedanken des Kapitalismus findet man in diesen Mechanismen wenig.
Dabei ging es doch ursprünglich um den Einsatz von Kapital um Werte zu schaffen. Was sind denn nun Werte? Wie wäre es mit einem sicheren Arbeitsplatz, oder ein guter Schlaf ohne Albträume. Ein Schaf wird uns da nicht nutzen. Eine wärmende gemütliche Felldecke hingegen schon. Wenn zur Wertsteigerung eines Unternehmens auch Arbeitsplätze und letztendlich das Unternehmen selbst draufgehen dürfen, stellt sich die Frage: Was versteht der Finanzmarkt eigentlich unter Wertschöpfung?

Erschöpft vor lauter Wertschöpfung

Wikipedia weiß es: Produktionswert – Vorleistung = Wertschöpfung. Ich darf das mal anders deuten: Getreide allein ist nichts wert. Sobald der Bauer jedoch sein Getreide zu Mehl verwertet, ist es auf einmal was Wert, weil man daraus etwas machen kann, was einen Nutzen hat z.B. Brot. Mit diesem Nutzen kann man ein Bedürfnis stillen: Hunger. Erst jetzt wird das Getreide zum Kapital, weil es Bedürfnisse decken kann. Natürlich muss der Bauer das Brot nicht selber backen. Er könnte das Mehl etwas teurer verkaufen und mit dem Restgeld ein Brot kaufen. So oder so kommt er dazu seinen Hunger zu stillen. Das Getreide, sein Kapital, findet sich am Ende in seinem Bauch wieder. Der Kreislauf ist geschlossen. Wertschöpfung als mathematische Gleichung. Das klingt einleuchtend. Pervers wird es, wenn der Hunger geplagte Bauer anfängt, Getreide gegen mehr Getreide einzutauschen, um daraus noch mehr Getreide zu machen. Und am Ende stirbt er, weil er kein Brot hat.

Werte in Häppchen

Die einschlägigen Lehrbücher der Betriebswirtschaftslehre bringen nützliche Hinweise zum Wertebegriff: Als Wertsystem wird hier der Ablauf von Produktionsschritten verstanden. Wem es gelingt, möglichst viele kostenintensive Schritte einzusparen, gewinnt das, was alle Firmen wollen: Einen Wettbewerbsvorteil. Spezialist in diesem Gebiet ist Ökonom Michael Eugene Porter, der in seinen Vorlesungen an der Harvard Universität den Wirtschaftsstudenten beibringt wie man Fleisch verarbeitet: Ein Schafshirte kann seine Riesenherde zum Schlachthof karren, um sie dann dort verbrauchergerecht zu zerlegen. Oder er spart sich die Transporttortur und schlachtet und zerlegt sie gleich an Ort und Stelle, bevor er seine Schäfchen in abgepackten Portionen ins Trockene bringt. Betriebswirtschaftlich hat er einen Mehrwert gewonnen, weil er die Kosten des Transportes eingespart hat. Doch sind die Kosten die einzigen (Kenn)Werte, die zählen? Nehmen wir mal an, der Transportfahrer träumt nachts schlecht, weil er den armen Tierchen während der langen Fahrt in die Augen sehen muss. Er schläft nun - mit den kleinen Päckchen im Gepäck - womöglich nachts besser. Manchmal bedarf es einfach eines anderen Umgangstones vom Chef, und der Mitarbeiter schläft auch schon besser. Dadurch wird er weniger krank, hat bessere Laune und ihm macht die Arbeit mehr Spaß. Was die Firma davon hat? Vielleicht arbeitet er durch die gestiegene Zufriedenheit gerne länger oder ohne Gehaltserhöhung. Mithilfe dieses Wertes lassen sich auch Kosten sparen: Glücklichkeit. Kommt dieser Wert eigentlich in irgendwelchen Wertesystemen vor?

Karma-Kapitalismus

BWL-Professor Josef Wieland hat ganz andere Botschaften für seine Studenten, und diese sitzen nicht nur in Deutschland (FH Koblenz), sondern auch in China (Jiangsu Universität in Zhenjiang). In einem Dossier des Goethe-Instituts sagt Wieland: „Es ist darauf zu achten, dass ethische Grundsätze eingehalten werden. Das muss normaler Bestandteil der Führungsaufgaben jeder Management-Ebene sein.“ Damit meint er Kinder- und Sklavenarbeit, Einsatz von schädlichen Umwelttechnologien, Korruption und Bilanzfälschung und spricht indirekt die ehemaligen Topmanager bei VW, Siemens und Deutsche Telekom an. Doch warum sollten die Manager das tun? „Die Moral ist eine Frage mit wirtschaftlichen Konsequenzen“ heißt es weiter Wieland behauptet, es gebe zunehmend Konsumenten, die darauf achten, unter welchen Umständen das Produkt entstanden ist. Offenbar sind es noch zu wenige, die das so sehen. Denn weder bei VW, Siemens noch bei der Deutschen Telekom, wo die Staatsanwaltschaft ermittelt, sind die Umsatzeinbrüche eindeutig den Skandalen zuzuordnen. Wieviele Deutsche Bank-Kunden haben ihr Konto gekündigt, nachdem sie Josef Ackermann mit Siegergrinsen und Victoryzeichen verlautbaren haben sehen, dass der Gewinn gestiegen ist und dennoch Mitarbeiter entlassen werden müssen. Ich habe es zumindest nicht.
Dennoch nimmt das Wohl der Mitarbeiter eine immer größere Bedeutung an. Dafür sorgt auch seit 2002 der Deutsche Corporate Governance Kodex, Benimmregeln für börsennotierte Firmen. Noch völlig unverbindlich. Fairer Handel wird gefordert. Gerechte Bezahlung. Sogar die Hühner sollen unter menschenwürdigen Bedingungen brüten und Schweine kein Schweinefraß erhalten. Bio ist in, und dafür sind tatsächlich viele Menschen bereit, mehr Geld auszuzahlen. In Amerika spricht man vom Caring Capitalism, und das Trendbüro Hamburg beobachtete gar eine esoterische Note in der Entwicklung der Globalisierung und taufte den neuen Trend Karma-Kapitalismus.

Wieviel kostet nun das Glück?

Karma und Wirtschaft folgen im Grunde genommen dem gleichen Prinzip: Es geht um Geben und Nehmen, oder anders: Angebot und Nachfrage. Und beides lebt von dem ewigen Kreislauf. Ein Kreislauf, der beim Kapital anfängt (z.B. Schaf, Getreide oder auch Geld) und in Bedürfnisse mündet (z.B. Hunger, Sicherheit, Freiheit und so weiter), die dann wiederum das Kapital aufstocken Was Glück für jeden einzelnen bedeutet, muss jeder selbst herausfinden. Das kann eine Familie sein, anregende Freundschaften, eine spannende Tätigkeit. Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Diese definieren das eigene Glück. Die richtige Frage lautet also nicht: Wieviel Geld brauche ich, sondern: Welches Kapital muss ich einsetzen muss, um mein Glück zu „bezahlen“. Sehr schnell wird man darauf kommen, dass man sich so was wie Familie oder anregende Freundschaften mit keinem Geld der Welt erkaufen kann. Hier muss man ein anderes Kapital einsetzen. Wie wäre es mit Zeit? Oder Fähigkeiten? Zum Beispiel die, zuzuhören, oder zu unterhalten. Humor, Ehrlichkeit und Mut, wichtige Schritte zu gehen. Meine Netzwerke und Kontakte sind ein wichtiges Kapital für mich, das mir viele Jobs und Freundschaften beschert hat: Kiss FM, VIVA, radiomultikulti und mich zu Persönlichkeiten gebracht hat, die scheinbar unerreichbar sind. Ob Politiker, Sänger wie Lenny Kravitz oder andere namhafte Schriftsteller und Schauspieler. Die Fähigkeit, sagen zu können, was man denkt, ist ein Kapital, dass mich an viele Ecken der Welt gebracht hat. Übrigens für wenige hundert Euros: Nach Stockholm, New York und Tel Aviv zum Beispiel, wo ich mich als Jugendlicher in der Nachbarschaftsheimbewegung engagiert habe. Auch Charme ist Kapital. Dieses muss entscheidend gewesen sein, als mein Wohnungsvermieter sich schlussendlich für die Bewerbung meiner Freundin und mir entschieden hat. In einem Fall konnte ich sogar mit einem Kapital eine Rechnung in Höhe von 79,90 Euro bezahlen, ohne Geld einsetzen zu müssen. Hier setzte ich meine Pressekontakte ein, die ich im Verlaufe meiner PR-Tätigkeiten in einem Büro gesammelt hatte.

Arbeiten für Karma.

All diese anderen Kapitale, die jeder von uns besitzt, stehen meines Erachtens dem Kapital Geld in Nichts nach. Als Student jobbte ich bei Burger King in der Nachtschicht. Damals dachte ich, Arbeit ist wie ein Deal. Ein Tauschgeschäft. Ich tausche meine Arbeitskraft gegen Geld. Und mit diesem Geld kann ich mich dann um mein Glück kümmern. Heute denke ich anders. Fast ein Drittel meines Lebens verbringe ich bei meiner Arbeit als Architekt. Wofür? Für Geld, welches ich dann in der übrig bleibenden Zeit meines Lebens gegen Glück eintausche? Also für die wenigen Stunden pro Tag und die wenigen Wochen Urlaub im Jahr?
Nein, ich habe mir vorgenommen, nicht mehr für Geld zu arbeiten. Sondern für Karma. Deswegen versuche ich bereits während der Arbeitszeit mein Glück zu finden. Wie? Indem ich versuche meine Arbeit so zu gestalten, dass es viele Bedürfnisse deckt. Zum Beispiel das nach geistigem Wachstum, das nach Anerkennung und das nach sozialen Kontakten. Das ist sicherlich nicht in jedem Büro möglich. Aber dennoch erstrebenswert. Egal ob Frittenbude oder Architekturagentur.
Schaut man in die Broschüren einer Bank, wundert man sich heute nicht mehr über die vielen Angebote und innovativen Konzepte, um Geld zu vermehren. Man hat sich daran gewöhnt, dass es beim Thema Geld einfach viele Angebote gibt „Wer Millionär werden will, darf nicht für sein Geld arbeiten“ rät Money-Coach Bodo Schäfer „das Geld muss für sich selbst arbeiten.“ Doch Geld ist doch nur Messinstrument, nicht mehr als Liter oder Zentimeter, wie Wolf Lotter erkannt hat. Nur eines von vielen Kapitalen.

Komisch, warum sich die Menschen soviel Gedanken über Geld machen, und arbeiten bis zum Umfallen, um immer nur Geld anzuhäufen. Eigentlich müssten wir mit gleicher Intensität auch in unsere anderen Kapitale investieren: Zeit, Glück, guten Schlaf, gutes Essen, Kritikfähigkeit, Freundschaft und Liebe.

1 Antworten

Kommentare

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    Nach wenigen Zeilen habe ich mich enschieden, nur den letzten Absatz zu lesen.
    "Eigentlich müssten wir mit gleicher Intensität auch in unsere anderen Kapitale investieren: Zeit, Glück, guten Schlaf, gutes Essen, Kritikfähigkeit, Freundschaft und Liebe."
    Müssten WIR?
    Mach DU doch einfach!

    Für mich ist das eine der vielen möchtegern tiefgründigen Floskeln. Wie inverstiert man bitte in Zeit, wie investiert man in Glück? Für mich ist sowas belangloses Gefasel!

    26.08.2008, 08:55 von Matsumoto
    • 0

      @Matsumoto Du darfst mich beleidigen, aber bitte nicht Wolf Lotter (brandeins). Der hat mir wirklich die Augen geöffnet, was Geld und Kapital anbelangt. Ja, seitdem versuche ich wirklich in Zeit zu investieren. Das fängt damit an, sich Zeit zu nehmen. Und es zu vermeiden zu sagen: Ich habe keine Zeit. Denn wenn man ehrlich ist, hat man immer zeit, man muss sie sich halt nehmen für dinge, die einem wichtig sind. Ich beobachte, dass es viele Menschen gibt, die so viel und so hart arbeiten, dass sie kaum noch zeit haben für die dinge, die ihnen spaß machen, Ich gebe zu, die meisten Menschen können mit meinen Gedanken nicht viel anfangen. Wie bist Du denn dazu gekommen, meinen Artikel anzuklicken? Was hast Du erwartet von meinem Text?

      Prime Lee

      23.09.2008, 21:27 von primelee
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