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chrstphwgnr 03.03.2011, 19:55 Uhr 11 18

Ein in "Carlsberg" investiertes Leben

Tjark hatte einen guten Start ins Leben. Der Tod seiner Eltern änderte alles, vor allem ihn selbst. Er hat mit dem Leben nach 40 Jahren abgeschlossen.

Samstag, Tag der Stadtmusikanten auf der Købmagergade, eine der belebtesten Einkaufsstraßen im Zentrum Kopenhagens. Viele Künstler präsentieren in ihren Gitarrenkoffern ihre CDs, Studenten machen mit einer Bierflaschen-Flöten-Performance auf sich aufmerksam. Und auch rund um einen miserablen Sänger mit den Initialen J.B (ja, ich hab auch gelacht), hat sich eine Menschentraube gebildet. Nur an einem Musikanten stürmen die Leute vorbei, schenken ihm trotz angenehmen Klängen keinen Blick, geschweige denn ein paar Kronen.

"Sicher hätte ich mir mein Leben ganz anders vorgestellt", sagt Tjark und kramt die wenigen Münzen in seinem Gitarrenkasten zusammen. 14 Kronen hat der 66-Jährige in der letzten Stunde verdient. Das sind umgerechnet in etwa ein Euro und 80 Cent. Für musizieren bei Minusgraden. "Egal, zwei Bier werden sich ausgehen, das ist das Wichtigste", meint der gebürtige Kopenhagener. Seit mittlerweile 45 Jahren steht er Tag für Tag mit Gitarre in der Hand, Trommel auf dem Rücken und Rassel an den Fußgelenken auf der Straße. Tjark, was soviel wie "Herrscher" heißt, gibt zu, dass er so gut wie nichts mehr beherrscht: "Der Alkohol beherrscht mich und das wird sich auch nicht mehr ändern."

Der Beginn seines Lebens sei sehr gut verlaufen: Viele Hobbies, liebevolle Eltern, gute Freunde und ein toller Schulabschluss. Tjark spricht ausgezeichnet Englisch, hatte immer den Traum nach Amerika auszuwandern: "Ich wollte nach meinem Abschluss weg von hier. Die Ferne hat mich immer gereizt."

Mit 19 Jahren änderte sich alles. Seine Eltern kamen bei einem Zugunglück ums Leben, Tjark flüchtete in den Alkoholismus. "Ich habe getrunken ohne Ende. Wenn ich richtig besoffen war, ging es mir halbwegs gut. Im Endeffekt ist das ganze Geld draufgegangen, das mir meine Eltern hinterlassen haben." Nicht nur das Geld, auch Wohnung und Auto wurden in "Carlsberg" investiert. Mit 21 verlor er endgültig seine Wohnung und versucht sich seitdem mit Musik ein paar Kronen dazuzuverdienen.

"Ich brauche nicht viel. Keinen Fernseher, kein Radio, keinen Frisör. Nicht mal einen Zahnarzt habe ich mehr nötig", erzählt er und zeigt auf seine drei übergebliebenen Zähne. Die meisten haben sich aus mangelnder Hygiene verabschiedet, ein paar fielen aber auch gewalttätigen Übergriffen zum Opfer. Tjark nimmt das aber mit Humor: "Mit meiner ganzen Ausrüstung läuft und kämpft es sich halt schwer." Seit langer Zeit teilt er sich mit 24 anderen Bedürftigen in einem Obdachlosenheim ein mit Matratzen ausgelegtes Zimmer. "Regelmäßig warmes Essen und eine Nacht allein. Das wären im Moment meine größten Wünsche."

Um 18 Uhr zählt Tjark ein letztes Mal für heute die Münzen im Gitarrenkasten - er ist zufrieden, 46 weitere Kronen. Allgemeine Zuversicht hat der 66-Jährige allerdings keine mehr: "Jetzt rassle ich hier schon seit mehr als 40 Jahren herum, gebe jede Krone für Alkohol oder neue Gitarrensaiten aus. Ich merke, dass ich immer schwächer werde." Tjark hat mit dem Leben abgeschlossen: "Das kann einfach nichts mehr werden."

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11 Antworten

Kommentare

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    Neben dem mal anderen Thema gefällt mir gerade der hier oft kritisierte nüchterne, schnörkellose Schreibstil.

    Wer etwas zu sagen hat, der sagt es frei heraus. Wer eigentlich nichts zu sagen hat, der muss das halt mit möglichst wirren Metaphern und Schachtelsätzen kaschieren.

    08.03.2011, 08:24 von Marvbaer
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    Nicht sonderlich farbig beschrieben, eben schlicht und einfach auf etwas hingewiesen!

    Auf etwas, dass keiner so richtig ernst nimmt....Leider!

    07.03.2011, 12:51 von Rocktaxi
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    Nachdem der neueste Artikel heute auch wieder vom Fremdgehen handelt, ist das hier eine wirklich angenehme Abwechslung und Erdung.

    Die Typen, die "zwischen toten Tauben pennen", haben eben auch eine Geschichte, eine Herkunft und eine Selbstsicht, die es wert ist, gehört zu werden. Und die sich auch freuen, wenn man ihnen ein Lächeln schenkt oder einen "Guten Tag" wünscht und nicht nur der Bäckersfrau.

    Traurig finde ich jedes Mal, wenn diese Menschen wieder Opfer von Gewalt, die im Ergebnis zwischen sinnlos bis zum Raub von 2,80 Euro Tagesgewinn aus Flaschensammeln schwankt, werden. Weil sie die Schwächsten sind, weil niemand sie vermißt.

    07.03.2011, 10:31 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht] Liebe Weda, das sehen wir ganz genauso! Wir freuen uns, wenn solch wichtige Texte geschrieben werden.

      07.03.2011, 10:50 von sophie_servaes
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    Irgendwie kann ich mich nicht anfreunden... Der Text ist so... trocken.

    07.03.2011, 00:20 von Neala
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    langweilig, aber wenigstens kein Herz schmalz

    06.03.2011, 15:45 von KarlKraus
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    Gute geschrieben und beobachtet, und mal was anderes.. klingt wie aus dem echten Leben!

    05.03.2011, 14:41 von FAZ
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    Guter Text, schöne, einfühlsame Beobachtung. Eine wirklich gelungene Alternative zu den ganzen Herzschmerz Artikeln.

    04.03.2011, 16:06 von Kadipurzel
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    Gefällt mir!

    04.03.2011, 13:36 von aniuaniu
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