Eskaja 04.01.2007, 11:49 Uhr 2 0

Die Wirtschaftspresse

Arbeitgeberlobbys und Konzerne nehmen massiven Einfluss auf die Berichterstattung der Medien. Ein Artikel über PR, Anzeigendruck und Schleichwerbung.

"Die wesentlichen Träger der Manipulation und Anpassung des Menschen sind die Massenmedien", sagte einst Rudi Dutschke. Auch wenn diese Aussage überspitzt formuliert sein mag, veranschaulicht sie doch, welch massiven Einfluss die Medien auf die Politik und Gesellschaft haben und dass Presseberichte nie losgelöst von den jeweiligen Interessen betrachtet werden können.

Denn einerseits ist die Unabhängigkeit der Presse einer der höchsten Grundsätze in einer pluralistischen, freiheitlichen Demokratie. Die freie Presse wirkt kontrollierend auf Politik und Wirtschaft ein und schafft durch eine sachbezogene und ausgewogene Berichterstattung die Möglichkeiten für die BürgerInnen, sich über aktuelle Geschehnisse zu informieren und an politischen und gesellschaftlichen Prozessen zu partizipieren.

Doch andererseits sind Medienverlage auch gewinnorientierte Unternehmen, die ökonomisch motivierte Entscheidungen treffen müssen. So sind Werbeanzeigen und Sponsoring die wichtigste Einnahmequellen für Printmedien und private Fernsehsender. In den letzten Jahren wurde der Fokus in den Medien jedoch zunehmend einseitig nur auf betriebswirtschaftliche Aspekte gelegt. Durch die Konkurrenz der oft kostenlosen neuen Medien, eine lang anhaltende Anzeigenkrise im Zeitungsbereich, die immer noch schwache Konjunkturlage sowie die auch vor der Medienbranche nicht halt machende Ökonomisierung der Gesellschaft, wurde in den Medien auf eine einseitige Strategie der Kostenminimierung bzw. Gewinnmaximierung gesetzt. Dies musste zwangsläufig zu einer Beeinträchtigung des unabhängigen und investigativen Journalismus führen.

Berichterstattung für das Kapital

"Wir müssen wieder länger arbeiten!", "Deutschland ist pleite!", Unsere Löhne sind zu hoch!", oder "Arbeit lohnt sich nicht mehr!". Jeden Tag werden in den Medien solche neoliberalen Botschaften verbreitet, die dabei oft nur einseitig Argumente der Unternehmensseite aufgreifen oder schlichtweg die Unwahrheit verbreiten. Das ist auch ein Ergebnis der Arbeit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), einer PR-Agentur der deutschen Wirtschaft, die erstmals im Oktober 2000 an die Öffentlichkeit trat. Ihr Jahresetat von rund 8,8 Millionen Euro wird durch den ArbeitgeberInnenverband Gesamtmetall bereit gestellt. Mit einer äußerst vielfältigen und innovativen Öffentlichkeitsarbeit versucht die INSM, über die Medien die öffentliche Meinung und darüber die Politik für einen radikalen Sozialabbau zu gewinnen. So setzt die Initiative einerseits auf prominente BotschafterInnen, wie z.B. den Grünen Oswald Metzger, die bei bestimmen Themen für die INSM ihre Positionen in den Medien vertreten. Die INSM profitiert bei solcher PR vom Bekanntheitsgrad der BotschafterInnen und ihrer scheinbaren Unabhängigkeit, wobei die Medien auch nur in den seltensten Fällen über die Verbindungen der BotschafterInnen zur Initiative und der deutschen Wirtschaft aufklären.

Auch über andere Methoden gelangt die INSM in die Presse und Öffentlichkeit. So kooperiert die INSM bei Veröffentlichungen offiziell mit einzelnen Zeitungen, wie bei einem gemeinsamen Artikel mit der Welt vom 2. April 2005 über Die größten Jobvernichter der Bundesrepublik oder bei selbst ins Leben gerufen Events wie der Preisverleihung zum "Reformer des Jahres" (2004: INSM-Botschafter Friedrich Merz) und dem Pendant "Blockierer des Jahres" (2003: IG-Metall-Vorsitzender Jürgen Peters) mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird die Zusammenarbeit mit der INSM geschätzt. Die BotschafterInnen der Initiative sind quasi Dauergäste bei Sabine Christiansen und eine dreiteilige Filmreihe von Günther Ederer über "Die Märchen von der sicheren Rente, dem gerechten Staat, und dem blühenden Arbeitsmarkt", bei der die INSM circa ein Drittel der Produktionskosten übernahm, wurde auf der ARD ausgestrahlt, wie der evangelische Pressedienst aufdeckte. Wie objektiv und ausgewogen die Medien bei Kooperationen mit der INSM arbeiten, dürfte klar sein.

Lange Zeit fand in den Medien eine kritische Berichterstattung über die Arbeit, Interessen und Motive der INSM praktisch nicht statt. Kosten- und Zeitdruck erschwerten die Möglichkeiten zur Recherche, andererseits sympathisierten viele Medien auch mit den Forderungen der Initiative und griffen deren PR-Angebote bereitwillig auf. In einer wissenschaftlichen Untersuchung analysierte Christian Nuernbergk von der Universität Münster anhand von Zeitungsartikeln und Pressemitteilungen der Initiative von September 2003 bis April 2004 die Medienberichterstattung über die INSM. Als Resultat konnte festgestellt werden, dass die Berichterstattung meistens einseitig und unkritisch war und die inhaltlichen Positionen der INSM häufig positiv dargestellt wurden. Die INSM wurde laut der Studie nur in rund 7 Prozent der Fälle als ArbeitgeberInneninitiative beschrieben. Das ist ganz im Sinne der INSM, die es durch geschickte PR-Arbeit geschafft hat, sich als "überparteiliche Reformbewegung" darzustellen und die wahren Hintergründe ihrer Interessen lieber verschleiern möchte. Alternative Konzepte zu den neoliberalen Kernforderungen der INSM wurden laut der Studie nur in 25 Prozent der untersuchten Fälle aufgegriffen. Kenyesianische Nachfragepolitik, ArbeitnehmerInnenrechte, stärkere Besteuerung der Reichen: Wenn über die INSM berichtet wird, sind diese Themen anscheinend wenig relevant.

Erschreckend, dass die PR-Angebote laut der Untersuchung häufig die einzige Informationsquelle für JournalistInnen darstellten. 57 Prozent Artikel waren ausschließlich auf die Öffentlichkeitsarbeit der INSM zurückzuführen. Auf eigene Recherche oder Nachforschungen wurde dabei verzichtet. Alles in allem sind die Ergebnisse der Studie ein voller Erfolg für die PR-Arbeit der INSM, zeigen sie doch auf eindrucksvolle Weise, wie viel Einfluss die ArbeitgeberInneniniative auf die deutsche Medienlandschaft hat. Inzwischen wird allerdings kritischer - auch aufgrund der Nürnbergkstudie - über die Iniative in den Medien berichtet. Doch die wirtschaftsfreundliche Stimmung in Teilen der deutschen Presselandschaft hat sich nicht gewandelt.

Anzeigen machen gefügig

Doch nicht nur Lobbyorganisationen, auch Firmen nehmen ganz direkt Einfluss auf die Berichterstattung. Im August 2005 beschrieb eine Reporterin der Badischen Neusten Nachrichten (BNN) die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen bei Lidl, woraufhin Bevollmächtigte des Lebensmitteldiscounters mit der Geschäftsleitung sprachen und auf die Bedeutung ihrer Anzeigen verwiesen, deren Ausmaß laut BNN-InsiderInnen 1,2 bis 1,4 Millionen Euro pro Jahr beträgt. Die Journalistin wurde danach fristlos entlassen. Nach massivem öffentlichem Protest nahm der Verlag diese Entscheidung wieder zurück.

Immer ungenierter versuchen Firmen, ihre Anzeigenmacht auszunutzen. Im Jahr 2000 stoppte VW für längere Zeit seine Anzeigen im Stern, 2001 nahm die Lufthansa die Süddeutsche Zeitung vorübergehend aus dem Bordsortiment und 2004 schaltete Aldi gleich ein Jahr lang keine Anzeigen mehr in der Süddeutschen. Die Anlässe waren allesamt kritische Berichte über die jeweiligen Unternehmen.

Viele Fälle geraten aber erst gar nicht an das Licht der Öffentlichkeit. Durch zunehmenden Kostendruck und die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen hat der Zwang zur Selbstzensur bei JournalistInnen zugenommen. In einer Befragung der Universität Mainz bei RegionalzeitungsredakteurInnen im Jahr 2005 haben mehr als 80 % der Befragten angegeben, dass bei ihrer Zeitung auf Interessen von AnzeigenkundInnen Rücksicht genommen wird und mehr als die Hälfte meinte, dass dieser Trend sich verschärfe.

Schleichwerbung in ganz Europa

"Mit ein bisschen Eigeninitiative werde ich schon irgendetwas finden! Wenn man was wirklich will, dann klappt das schon, früher oder später". Die arbeitssuchende Jenny macht sich selbst Mut, und zufälligerweise findet sie kurze Zeit später eine Anstellung bei einer Leiharbeitsfirma. Bezahlt wurden diese Szenen in der ARD-Serie Marienhof von der INSM. Auch andere Firmen und Organisationen, wie der Deutsche Apothekerverband, das Kinderhilfswerk World Vision, Teppichbodenhersteller oder der Reisediscounter L´tur sponserten heimlich die Inhalte in der Soap. Über zehn Jahre lang konnten Firmen ungehindert für sie gewinnbringende Geschichten unterbringen und die Dialoge zum Drehbuch schreiben lassen. Ein Medienskandal, der in diesem Ausmaß von Schleichwerbung bisher noch nicht vorgefallen war. Schleichwerbung ist bisher gesetzlich in Deutschland verboten, doch nun hat das Europäische Parlament im Dezember 2006 auf Druck der EU-Kommission entschieden Produkt-Placement gegen Kennzeichnung in audiovisuellen Medien zu erlauben. Die Vermischung zwischen redaktionellem Teil und Werbung ist somit stark gefährdet und die Unabhängigkeit von JournalistInnen wird weiter eingeschränkt werden. Begründet wird diese Entscheidung mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Fernsehsender und Werbeindustrie.

Die aktuellen Entwicklungen in der Medienbranche machen eines deutlich: Wirtschaftsinteressen bestimmen immer mehr die journalistische Berichterstattung. Die durch das Grundgesetz garantierte Pressefreiheit verkommt zusehend zur schlechten Farce. Wenn es so weiter geht, werden wir bald zum Frühstück nur noch die neusten "BDI-Nachrichten" lesen können. Na dann, guten Morgen!

2 Antworten

Kommentare

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    Sehr schöne populäre Marx- und Engels-Zitate. Aber ganz so einfach ist dann, glaube ich, doch nicht. Die Kapitalismuskritik ist hart verkürzt und wenigstens für Teile der Presse stimmt die kapitalistische Ausrichtung auch nicht. Die "taz" (sehr gute Zeitung!) gehört einer Genossenschaft, das "Neue Deutschland (ND)" der PDS (dadurch auch nicht unabhängig) und die "Junge Welt (JW)" ist auch eher antikapitalistisch. Wobei im Falle der "ND" und der "JW" antikapitalsitisch nicht gleich gut bedeutet. Bei Berichten über Kuba oder die DDR werden regelmäßig mehr oder weniger Dikaturen verteidigt. Dann doch lieber BRD mit sozialer Marktwirtschaft als sozialistische Diktatur auf Kuba oder in der DDR.
    Wobei natürlich die soziale Marktwirtschaft soweit wie möglich demokratisiert werden muss. Da ist noch viel zu tun und du hast recht, vielleicht geht das auch nicht, aber was geht dann? Wenn ich ehrlich bin fehlt mir die Vision für eine menschengerechtes System...

    05.01.2007, 15:59 von Eskaja
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      @Eskaja Ich denke die Aussage "lieber BRD mit sozialer Marktwirtschaft als sozialistische Diktatur" fast das ganze auch etwas sehr eng.

      Es gibt vieles was in dieser "BRD mit sozialier Marktwirtschaft" so falsch läuft, dass die Ergänzung "soziale" vollkommen an Bedeutung verliert.
      Und gerade hier gibt es so manches was wir von diesen "sozialistischen Diktaturen" lernen können.

      Dein Ansatz, dass "die soziale Marktwirtschaft soweit wie möglich demokratisiert werden muss", ist unterstützungswert.
      Allerdings habe ich den Eindruck das dies sehr schwer werden wird, da ja der heutige Trend eher in die Richtung des Gegenteils geht.

      Des weitern finde ich es schade, dass dir eine "Vision für ein menschengerechtes System" fehlt.
      So kann es passieren das mensch schnell in eine Resignation ("Da kann mensch ja eh nichts machen!") verfällt, anstatt die eigenen Möglichkeiten, etwas zu ändern, zu sehen und zu nutzen.

      Ein bessere Welt ist möglich!

      23.01.2007, 23:08 von Goetz_v_B
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      @Goetz_v_B Klar, ist eine bessere Welt möglich! Aber die Systemfrage ist ja schon durchaus schwieriger zu beantworten. Ein besserer Kapitalismus und ein besserer Sozialismus sind beide möglich, aber daraus resultiert ja nicht, dass es gleich „ ein menschgerechtes System“ ist, das für mich für definitorisch sozial, ökologisch und freiheitlich organisiert wäre. Für diese Veränderungen streite ich auch und setze ich mich ein, resigniere also keineswegs, aber an den großen Wurf, die Revolution hin zum perfekten Gesellschaftsmodell, glaube ich eben nicht.

      Für mich heißt das: lieber Engagement bei attac oder dem BUND als bei der Antifa. Nicht dass die Arbeit der Antifa nicht schätzen würde, die machen viele gute Sachen, aber ich bin persönlich lieber für etwas, das auch realistisch zu erreichen ist, als vor allem gegen etwas oder die sofortige Revolution.

      25.01.2007, 16:07 von Eskaja
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  • 0

    Die Presse ist genauso in der Hand von Kapitalisten, die die Menschen hier und anderen Ländern ausbeuten, wie viele andere Bereiche des Lebens.
    Wie in jeder Phase der Menschheitsgeschichte stehem sich 2 Klassen frobtal gegenüber, wobei die Kapitalitenm ihre Waffen zur BEeinflussung der Massebn gekonnt einsetzuen und dem Volk reine scheiße vorsetzen, um es von seien eigentlichen Interessen abzulenken und die mErhebung der Masssen zu verhindern.
    Soziale Marktwirtschaft geht und klappt nicht!
    Kapitalismus abschaffen!

    05.01.2007, 15:37 von fantafee
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