Der Traum vom wunderbaren Leben
Was Straßenkinder aus Bangladesch den Teilnehmern des G8-Gipfels zu sagen haben
Shagor ist allein. Der Zehnjährige schaut aus wie ein schmächtiger Erstklässler. Seine Mutter hat sich erhängt, weil sie die Schläge des Vaters nicht ausgehalten hat. Der wiederum hat den Jungen einfach in Dhaka, Bangladeschs Hauptstadt, ausgesetzt. Jetzt lebt der Junge am Flusshafen der 14-Millionen-Metropole. Er trägt schwere Wasserflaschen und anderes Gepäck für die Reisenden. Er lebt von ein paar Cent am Tag. Nachts schläft er direkt an der Uferböschung unter einer Plastikplane. Niemand weiß, wie viele Kinder so leben. In Bangladesch, wo mehr als 80 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag lebt, kann sich kaum jemand um Straßenkinder kümmern. Shagor und seine Freunde haben noch nicht gehört, dass sich die Staats- und Regierungschefs in der Millenniumserklärung im Jahre 2000 verpflichtet haben, allen Kindern der Welt mindestens die Grundbildung zu sichern.
Zwischen 6. und 8. Juni kommen in Heiligendamm bei Rostock die Staats- und Regierungschefs der reichsten Industrienationen der Welt zum G8-Gipfel zusammen. Die Interessen der Entwicklungsländer sind dabei nicht vorrangig von Belang. Globalisierungsgegner rufen zum Sturm. Das Ostseebad ist längst hinter einem 13 km langen Schutzzaun verschwunden, der mit über 10 Millionen Euro zu Buche geschlagen hat. Die Polizei hält präventive Hausdurchsuchungen und sogar Körpergeruchsproben für das Heilmittel gegen gewaltbereite Radikale. In all dem Trubel wird fast vergessen, dass die meisten Gegendemonstranten friedlich auf Missstände aufmerksam machen wollen.
Worum geht es den Kritikern jenseits der Steinewerfer und Krawallmacher eigentlich? Und was haben Straßenkinder wie Shagor aus Bangladesch den G8 zu sagen? Im Mittelpunkt der Weltwirtschaftsgipfel stehen die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für den globalen Handel und Fragen der internationalen Sicherheit – aus Sicht der Reichen. Laut eigener Aussage begegnen die führenden Volkswirtschaften nun auch den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Wirtschaftliche Prosperität für Industrie- und Entwicklungsländer, Klimaschutz, Biodiversität, Entschuldung der ärmsten Länder und Bekämpfung von Aids stehen auf der Agenda. Für mehr Gehör für diese ökologischen und sozialen Aspekte in der Auseinandersetzung mit globalen Problemen setzt sich eine breite Koalition aus Nichtregierungsorganisationen ein. Sie fordern den Schutz von Ressourcen und Umweltverträglichkeit, faire Bedingungen für den weltweiten Handel, mehr Klimaschutz und die Erfüllung der Millenniumsziele.
Im Rahmen der Kampagne "Deine Stimme gegen Armut" treten am 7. Juni Herbert Grönemeyer, Bono von U2 und Größen der deutschen Rock- und Pop-Landschaft auf, um den ärmsten Menschen der Welt während des Gipfels eine Stimme zu verleihen. Auf dem Konzert „Stimmen gegen Armut“ spielen auch musikalische Vertreter aus acht Entwicklungsländern. Arme Menschen aus diesen symbolischen P8 („Poor 8“) haben Videobotschaften für das Konzert eingereicht. So versucht auch eine Gruppe von Straßenkindern aus Bangladesch, ihr Wort an die Mächtigen zu richten.
Eine Menschenrechtsorganisation hat Shagor gefragt, ob er Leuten auf der anderen Seite der Welt in einem Video von seinen Problemen berichten mag. Die G8 kennt er nicht, aber von Präsidenten und Premierministern hat er schon gehört. Shagor hat ja gesagt, denn so etwas erlebt er nicht jeden Tag. Nun sitzt er in einem der Treffpunkte, welche die Organisation für Straßenkinder eingerichtet hat. Hier können sie sich ausruhen, etwas essen, sich waschen, lernen, spielen, Bilder malen oder einfach nur schlafen. Für einige Stunden raus aus der harten Realität der Straße können sie hier. Die Betreuerin hat Shagor gewaschen und eingecremt. Sein kleines braunes Gesicht leuchtet. Wenn Shagor lacht, reichen seine Mundwinkel vom rechten bis zum linken Ohr. Ein Lausebengel mit Kulleraugen. Ein Betreuer streicht ihm über den kahlrasierten Kopf: „Woher kommt die?“, fragt er und deutet auf eine große Narbe. Shagors Lachen verschwindet: „Mein Vater hat mich manchmal auch geschlagen.“ Ein ganz normaler Zehnjähriger. Aber keine normale Kindheit.
Im Treffpunkt wartet auch Sonia. Das neunjährige Mädchen wohnt mit ihrer Mutter auf der Straße. Sonia schlägt sich mit kleinen Jobs durch. Heute hat sie kleine grüne Ohrringe aus Plastik an und ihre Zöpfe stehen durch bunte Bänder schräg von ihrem Kopf ab. Wer sie so schön frisiert hat, will jemand wissen. „Meine Mutter,“ sagt sie strahlend. Die Mutter arbeitet als Prostituierte. „Sonia ist meine kleine Schwester,“ sagt Shagor beschützend und nimmt sie verlegen in den Arm. Dabei ist er nicht größer.
Die vierzehn Jahre alten Mädchen Asma und Lipi wohnen in einem Slum. Schon als Kinder mussten sie arbeiten und so zum Unterhalt der Familien beitragen. Einen richtigen Schulabschluss werden sie wohl nie machen. Auch die beiden haben sich für das Treffen die besten Kleider angezogen. Lipi trägt glitzernde Ohrringe und etwas Lippenstift. Für das P8-Video sind die beiden zum ersten Mal Reporterin und Kamerafrau - und mächtig stolz. Vor dem eigentlichen Dreh lernen die Kinder etwas übers Filmen, denn sie sollen ihr ganz eigenes Video erstellen. Vorsichtig hält Lipi die Kamera in der Hand. Schnell hat sie den Unterschied zwischen Nah – und Fernaufnahme verstanden. Asma hantiert mit der Mikrofonangel. Die vier beschließen, Straßenkinder und arbeitende Kinder am Fluss zu porträtieren.
Das deutsche Bangladesch-Hilfswerk NETZ hatte die Idee zu den Videobotschaften aus den P8-Ländern. So wie die Menschen in den Entwicklungsprojekten darin unterstützt werden, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sollen die Protagonisten der kurzen Filme die Kamera selbst in Händen halten. Partizipatives Video nennt sich das Konzept: Nicht der Filmemacher aus dem Westen überlegt sich ein Narrativ, dass er inszeniert, sondern die Mensch des grassroots level stellen sich selbst so dar, wie sie es für angemessen halten.
Das versammelte Team fährt mit der Rickscha zum Hafen von Dhaka. Shagor und Sonia sind völlig aufgedreht und klettern auf der kleinen Rikscha auf und ab. Der Fahrer quält sich durch den Verkehr, der in den engen Gassen der Innenstadt immer dichter wird. Dhakas Straßen sind hoffnungslos überfüllt. Die Sonne brennt vom Himmel. Doch Shagor und Sonia sind nicht mehr zu bremsen. Ein älterer Herr in einer Rikscha nebenan muss auch lachen. Vor dem Hafen das übliche Gedränge. Lipi packt die Kamera aus und hält die Menschenmassen am Eingang fest. Das Filmteam erregt sofort Aufmerksamkeit. Die ersten Passanten bleiben stehen. „Was macht so ein verlauster Bub vor einer Kamera?“, steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
Am Hafen führen mehrere große Metallstege über das schräg abfallende Ufer zu Pontons, an denen dutzende Fähren und unzählige kleine Boote festgemacht haben. Von hier brechen Reisende ins ganze Land auf. Es ist immer viel los: Menschen tragen ihr Hab und Gut auf die Schiffe, andere entladen überfüllte Boote, Händler preisen ihre Ware an. Auf den Stegen liegen schlafende Menschen am Boden. Die meisten sind schmutzig, die Haare verfilzt, die nackten Füße verdorrt vom Staub der Straßen und der Hitze. Überall sind Kinder. Sie tragen Wasserflaschen, Säcke und Gepäckstücke. Ein Junge verkauft Erdnüsse. Ein paar Cent kostet das kleine Papiertütchen. Die Uferböschung unter den Stegen ist voller Müll. Hier wohnen die Kinder vom Hafen. Auch Shagor schläft hier. Nachts kriechen sie unter Kartons oder in herumliegende Rohre. Das Wasser des Flusses Buriganga ist schwarz und ölig. Plastik, Essensreste, Tierkadaver, alles treibt auf der schillernden Wasseroberfläche. Das Wasser riecht faulig. Kinder, die hier wohnen und arbeiten, baden im Fluss. Shagor kratzt sich ständig, denn seine Haut ist vom verseuchten Wasser angegriffen. „Es juckt mich immer so, wenn ich mich hier wasche,“ erzählt er. Die Haut an seinen Armen ist grau, nur sein Gesicht glänzt nach wie vor nach Creme.
Kamerafrau Lipi dreht ein paar Eindrücke vom Hafengetümmel. Abfahrende und ankommende Fähren, Menschen, Händler. Ein Junge paddelt auf einem selbstgebauten Floß auf dem Wasser. Sein Körper hat die ölig schillernde Farbe des Flusses angenommen. „Lass mich sehen,“ sagt Lipi, schiebt die gaffende Menge zur Seite und filmt. „Was machst Du da?“, hakt Asma nach. Er fährt um die Boote und sammelt Plastikflaschen, die auf dem Wasser treiben. Für ein Kilo Kunststoff erhält er ein paar Cent. Unter einem alten Metallsteg hausen ein paar Familien. Hier drängen sich ein paar Hütten, zusammengeschustert aus Plastikplanen und Strohmatten. Ein kleines Kind sitzt alleine auf einer Eisenstange des verrosteten Stegs, das Gesicht verkrustet mit Dreck. Hier ist Shagor zu Hause. „Ich hoffe, dass ich eine gute Arbeit finde, wenn ich groß bin. Wenn ich dann krank werde, kann ich zu einem Arzt gehen,“ sagt er in die Kamera. „Ich war noch nie beim Arzt,“ fügt er leise hinzu. Sofort bildet sich eine Menschentraube. Eine Frau will mit auf das Bild: „Schauen Sie nur wie wir hier leben! Wir haben nichts.“
Wie in vielen Entwicklungsländern mangelt es den vier Kindern des Videoteams vor allem an der Möglichkeit, ihre Fähigkeiten durch Bildung zu entfalten. Weil sie arm sind, gehen sie nicht zur Schule, und weil sie keine Bildung haben, bleiben sie arm. Nicht nur Entwicklungshilfeorganisationen, sondern auch die Staats- und Regierungschefs der reichen Länder haben erkannt, dass Bildung ein grundlegender Schlüssel zu Entwicklung ist. Im Jahr 2000 haben die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen ein weitreichendes Programm zur Bekämpfung der Armut beschlossen. Eines der Millenniums-Entwicklungsziele lautet, dass bis zum Jahr 2015 alle Jungen und Mädchen in der Welt eine Grundbildung erhalten – davon können Shagor, Sonia, Asma und Lipi heute nur träumen.
Bei Lipi zu Hause im Slum ist es kaum anders. Sie haben eine Trinkwasserpumpe und die Häuser sind mit Wellblech verstärkt. Doch auch hier derselbe Teufelskreis der Armut. Lipis Nachbarmädchen Sapna ist zehn. Früher hat sie in einer Glasfabrik gearbeitet, jetzt sammelt sie Glasscherben und verkauft sie. Sapna geht in die dritte Klasse, aber ob sie einen Schulabschluss machen wird, ist fraglich. Ihre Mutter hat Asthma und ist aufs Land zurückgekehrt. Das Mädchen muss sich ihren Lebensunterhalt nun selbst verdienen. Auch Kamerafrau Lipi möchte weiter zur Schule gehen und eine bessere Arbeit finden. Dann werden ihre Wünsche in Erfüllung gehen, so glaubt sie: „Ich träume von einem wunderbaren Leben.“
Die Kampagne "Deine Stimme gegen Armut" fordert im Zuge des G8-Gipfels mehr entwicklungspolitisches Engagement der reichen Industrienationen. Auf dem Konzert am 7. Juni setzen sich neben Herbert Grönemeyer, einem der Organisatoren der Kampagne, auch Bono (U2), Die Fantastischen Vier, Die Toten Hosen, Seeed, Silbermond, 2Raumwohnung und Sportfreunde Stiller für die Interessen der Ärmsten ein. Im Gegensatz zu Geldofs „Live 8“ Konzerten während des Gipfels vor zwei Jahren vertreten sich die Entwicklungsländer in Rostock auch selbst. Als einer der musikalischen Botschafter aus den P8-Ländern steht aus Bangladesch die Band Bangla auf der Bühne. Die Ärmsten, Menschen wie Shagor und seine Freunde, kommen mit Hilfe ihrer Videobotschaften zu Wort. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel und die sieben anderen Regierungschefs von Lipis Traum vom wunderbaren Leben hören werden ist fraglich. Aber 65.000 Konzertbesucher und einige Millionen Fernsehzuschauer werden sich der Frage stellen müssen, welchen Beitrag sie leisten können, die unerträgliche Lebensrealität vieler Menschen zu ändern. Shagor sagte auf die Frage: „Wer soll dir helfen?“ ganz einfach: „Du“. Das Konzert „Stimmen gegen“ wird am 7. Juli ab 18:20 von der ARD übertragen. Dort wird auch Shagor in seinem kurzen Film zu sehen sein.



Kommentare
Das hab ich aus einem anderen Artikel kopiert, der das Dilemma mit Fairtrade gut beschreibt:
08.06.2007, 08:37 von scherzkeks123Kommen wir zu Fairtradeprodukten. Die Grundidee dabei ist, den Bauern zum normalen Preis zusätzlich eine Subvention zu zahlen, die es ihnen ermöglichst, besser zu leben. Denn der Weltmarktpreis für Lebensmittel ist deutlich zu gering. Dies liegt an einer völlig wahnsinnigen Überproduktion. Was passiert aber, wenn ein Produkt subventioniert wird? Es wird noch mehr produziert und dadurch sinkt der Marktpreis weiter. Das heißt, dass Fairetrade gut für die Farmer ist, die Fairtradeprodukte produzieren, es aber schlecht für diejenigen sein kann, die außerhalb des Systems sind.
Natürlich ist es gut, wenn Menschenrechte gewahrt werden und Teams, wie "Ärzte ohne Grenzen" helfen.
Wenn man sich aber die wirtschaftlichen Zusammenhänge ansieht, sieht vieles der Entwicklungshilfe schon wieder anders aus. Gerade von einfachen Sach- und Geldlieferungen raten uns sogar afrikanische Volkswirte ab, eben weil sie die Entwicklung hemmen.
Was ich mit "Sabine Christiansen statt RTL2" meinte ist, wie sich die Diskussionen mit dem Publikum unterscheiden. Je gebildeter, desto umfassender. Und da findet man schon mal einen Artikel, der Schuldenerlass kritisiert und Aussagen, die ein ganz anderes Dilemma aufzeigen:
Wenn wir unseren Protektionismus abbauen (keine Exportsubventionen oder Importzölle), sind einige Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. Viel Landwirtschaft oder handwerkliche Arbeit kann im Ausland betrieben werden.
Als Wirtschaftswissenschaftlerin galube ich, dass Deutschland gesamt davon profitiert (ganz schwer zu sagen, aber wir haben halt Vorteile in der Produktion sehr qualitativer Güter wie BMW etc). Aber wenn wir jetzt die Armen Länder betrachten, sind wir bereit, dieses Risiko einzugehen?? Darum wird auf dem G8-Gipfel auch diskutiert..
(Ich war schon öfter in Afrika und hab dort in der freien Wirtschaft gearbeitet und mir ist das Thema sehr wichtig, deshalb werde ich auch meinen Senf dazugeben..)
Also was können wir jetzt tun?
05.06.2007, 14:15 von scherzkeks123Ich schlage vor, man nimmt ein Buch in die Hand (ich empfehle "Ach Afrika" von Bartholomäus Grill), schaut Sabine Christiansen statt RTL2 News und liest die Welt statt Bild.
Denn so einfach helfen kann man nicht. Was man schnell kann, ist sein Gewissen beruhigen oder auch einen Selbstfindungstrip nach Bangladesh unternehmen und Entwicklungshelfer sein. Ob den Menschen damit geholfen ist, ist eine ganz andere Sache.
Transfair Produkte und Sachspenden ruinieren die Preise, so dass Hersteller vor Ort keine Cahnce haben, zu überleben. Vom Schuldenerlass profitiert nur die Weltbank und Geldspenden wandern schnell mal in die Hände korrupter Staatshäupter ("Kümmert ihr euch darum, dass die Menschen was zu essen haben, ich kümmer mich um den Krieg.") Auch die Projekte zur Entwicklungshilfe waren meist sinnlos.
Ich bin nicht dagegen, dass gegen Aids und Menschenrechtsverletzungen vorgegangen wird und bei Katastrophen geholfen wird.
Ich hab schon mal woanders geschrieben, dass mit Handelsvereinfachungen und Subventionsstreichungen viel mehr erreicht werden kann (was zum Glück auch schon umgesetzt wird, aber nicht genug). Wenn es keine EU-Subventionen gäbe, würden arme Länder davon wahrscheinlich hinterher mit doppelt so viel zusätzlichem Geld dastehen, wie mit Spenden.
Ich finde es darüber hinaus unfair, Straßenkinder zu benutzen, um die Werbung für Hilfsorganisationen zu machen. Dass sich Stars wie Bono engagieren ist eine gute Sache, allerdings sind seine Argumentationen etwas simpel. Klar, er hat ja nicht VWL studiert.
@scherzkeks123 Ich glaube nicht, dass das was ich jeden Tag in Bangladesch zu meiner 'Selbstfindung' beiträgt, im Gegenteil, es hat mich schon mehr verwirrt, als mich diesbezüglich weitergebracht. Ich habe beschlossen, dass ich mein Leben nicht in den Büros einer schicken Agentur oder eines gläsernen New Economy Tempels verbringen will, sondern mit den kleinen Möglichkeiten, die ich haben, versuchen will, etwas zum Besseren hin zu verhindern. Ich verschenke in Bangladesch keine Sachspenden (sowas hat man mal in den 60ern gemacht), sondern setzte mich jeden Tag für die Verbesserung der Menschenrechtslage ein. Und ich glaube, dass das den Menschen hilft. Ich sehe, was es bringt, 10 Jahre mit Frauen über ihre Rechte zu sprechen, dass sie beispielsweise ihre erste Tochter mit acht Jahren (!!!) und ihre zweite nach der Bacherlor-Prüfung verheiraten oder sich mal auf die Straße wagen und sich selbstbewusst gegen erfahren Gewalt stark machen. Oder die Straßenkinder: Natürlich kann man nicht von heute auf morgen alles verändern, aber es hilft immerhin im Kleinen, einem Kind Rechtsbeistand zu geben, wenn es Arbeit findet. Shagor aus dem Film hat gerade eine Arbeit gefunden, als Helfer in einem privaten Haushalt. Das ist nicht das Ideal - das wäre die Schule. Aber wir setzen uns dafür ein, dass er für seine Arbeit einen Lohn bekommt UND zur Schule geht.
15.06.2007, 19:20 von patrizia_heideggerIch stimme absolut mit Dir ein, dass eines der größten Entwicklungshemmnis die schlechten Handelsbedingungen für die Entwicklungsländer sind. Es ist aber auch so, dass der Kosument des Nordens durch seine Geiz ist geil Mentalität einen enormen Druck zwischen den Entwicklungsländern aufbaut - im Textilbereich zwischen Bangladesch und China in etwa. Ich bin auch nicht für Fair Trade. Aber faire Löhne zahlen kann man auch ohne den lokalen Markt zu ruinieren, wenn sich (fast) alle daran hielten anstatt Länder wie Bangladesch weiterhin wie eine Zitrone auszuquetschen.
Ja, es ist sehr einfach, Leute, die was bewegen wollen, zu belächeln mit ihrem 'Selbsterfahrungstripp' wenn man selbst Zuhause gemütlich vor dem Laptop sitzt und im Internet surft. Man kann ja eh nichts ändern ist die doofste Ausrede dieser Generation.
Mein Gewissen beruhigt hat mein 'Selbsterfahrungstripp' mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil raubt mir das, was ich dort erlebe den Schlaf - garantiert mehr als Dir mit deiner beeindruckenden Analyse des Weltgeschehens.
Und zu guter Letzt: Ich habe die Straßenkinder nicht benutzt. Wenn Du gesehen hättest, wieviel Spaß ihnen der Dreh gemacht hast, würdest Du das nicht sagen. Und diese Kinder bitten jeden der fagt um Hilfe. Sie sind unglaublich stolz, dass sich mal jemand für sie interessiert und tausende von Menschen in Deutschland ihren Film gesehen haben.
Anstatt hier über andere zu urteilen: Setzt Dich doch einfach für die Verbesserung der Weltwirtschaftsbedingungen ein - oder für die Menschenrechte. Geht auch ohnen Selbstfindungstripp in Deutschland.
Ich zumindest kann mit gutem Gewissen sagen, dass die Arbeit, die ich mit meinen bangladeschischen Kollegen mache, hilft. Sie wird nicht bis morgen die Welt verändern, aber zumindest versuchen wirs.
@taekwon,
04.06.2007, 18:15 von SeiShonagoneben, ob sie diesen Brief läse, oder ob ihn einer der professionellen Briefbeantworter mit einem "Was für ein erschütterndes Schicksal, danke für ihren Brief" abarbeitet, kann man nicht wissen. Die Wahrscheinlichkeit spricht m.E. nicht für die erste Variante. Also, warum sollte sie Frau Merkel schreiben?
Zu meiner eigenen Beschämung mache ich für diese Kinder nichts. Und Du hast Recht - ich sollte schweigen. (keine Ironie!)
SeiShonagon