DerPeder 07.02.2005, 14:33 Uhr 9 2

Das Märchen vom Zeitsparen

Früher hielt ich Michael Endes Geschichte von Momo für ein schönes Märchen. Doch jetzt weiß ich: Die grauen Herren gibt es wirklich...

Seit etwas über einem halben Jahr gehöre ich zur arbeitenden Bevölkerung. Verhältnismäßig guter Job in einem relativ stabilen Unternehmen mit gutem Namen. 28 Tage Urlaub im Jahr, 39,5 Stunden Woche (jedenfalls auf dem Papier), krankenversichert, subventioniertes Kantinen-Essen usw. Soweit so langweilig.

Tag für Tag gehe ich seitdem in dieses Gebäude: anthrazitfarbener Stahl und Beton, viel Glas, verspiegelt natürlich. Meist um die selbe Zeit, zusammen mit über tausend anderen Menschen. Es könnten auch 100 oder zehntausend sein, ohne dass es einen Unterschied machen würde. Ich sehe sie jeden Tag in der Bahn, im Fahrstuhl, in der Kantine. Und kann mir ihre Gesichter nicht merken. Sie sehen alle gleich aus. Lustlos, müde, abgestumpft. Irgendwie grau.

Die Firma hat eine Kleiderordnung. Gedeckte Farben werden bevorzugt, dazu nach Möglichkeit keine schrillen Muster. Nun könnte ja auch ein schönes rostrot oder dunkelblau als gedeckte Farbe durchgehen, aber das trauen sich nur wenige. Meistens Frauen, viele auch "nur" Praktikanten oder Aushilfen, manchmal ein paar von der IT. Die meisten Männer dagegen: Alles graue Herren. Einmal die Woche, am "casual friday", werden die Angestellten dagegen geradezu flippig. Fast die Hälfte trägt blue Jeans, hier und da entdeckt man sogar Turnschuhe. In schwarz, grau oder braun natürlich.

Dazu sind nahezu alle Menschen in dem Unternehmen überzeugte Zeit-Sparer. Beste Kunden der Zeit-Sparkasse im Sinne Michael Endes. Alles muss schnell gehen, jede freie Minute will genutzt werden, Pünktlichkeit ist oberste Regel, der Terminkalender bestimmt den Tagesablauf - und das auch noch nach Feierabend.
"Hast Du nachher noch Lust auf nen Kaffee?" - "Keine Zeit, keine Zeit."

Die IT-Abteilung hat zum Jahresanfang eine Auswertung veröffentlicht, wie viel Zeit durch das neue schnellere Netzwerksystem verbunden mit dem Intranet gespart wurde. Mein erster Gedanke war: "Wohin ist sie denn, die gesparte Zeit?"
Über die Personalabteilung können Seminare gebucht werden, wie man sein "Zeitmanagement" verbessert. Viel zu bringen scheint es nicht. Jedenfalls hatte bisher keiner deswegen mehr Zeit.
Der Chef hat sich letztens eine brandneue Video-Telefon-Anlage installieren lassen, um mit den Regionalleitern vom Büro aus zu konferieren und sie nicht immer vor Ort zu besuchen. Seine Frau hat dann auch so ein Ding bekommen und seitdem hängt er abends noch länger im Büro. Sein neuer Wagen bekommt noch nen Adapter dafür. Der ist übrigens grau.

Die grauen Herren gibt es also wirklich. Und sie stehlen auch meine Zeit.
Nicht genug damit, dass ich mir auf der Arbeit schon ständig Gedanken mache, wie ich meine Aufgaben besser ordnen kann und den Tag strukturieren, um die Arbeitszeit besser zu nutzen. Den Tag s-t-r-u-k-t-u-r-i-e-r-e-n! So eine Phrase gehörte früher nichtmals zu meinem Wortschatz.
Schlimmer aber: Die grauen Herren nehmen auch zuhause meinen Zeitanteil:
- Dauernd muss ich mir neue Klamotten kaufen, weil ich nicht genug gedeckte Farben im Schrank habe. Neulich habe ich mir sogar privat einen grauen Regenmantel gekauft, einfach weil ich mich an die Farbe gewöhnt habe. Und dabei steht mir Grau überhaupt nicht.
- Der "strukturierte" Arbeitstag voller Aufgaben nimmt soviel von meiner Energie, dass ich abends nur noch den Zeittotschläger anstellen kann und mein Leben der Glotze widme.
- Die grauen Herren rufen auch bei mir zu Hause an und wollen Dinge wissen. Wo ich Datei X abgelegt habe? Ob ich morgen früher da sein kann? Dass ich nicht vergesse, Frau Y anzurufen. Manchmal habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich pünktlich nach Hause gehe und diese Fragen von zu Hause beantworte. Ist das ihr Trick?
- Früher hab ich mal gerne gekocht. Dabei Musik gehört, mit jemandem telefoniert oder einfach nachgedacht. Jetzt esse ich innerhalb zwanzig Minuten in der Kantine. Abends ist der Appetit weg. Ich bin dünner geworden. Aber meine Haut dafür schlechter. Ich glaube, sie verliert Farbe.

Letztes Wochenende erzählte mir eine Freundin am Telefon irgendwas, was Ihr eine Arbeitskollegin mittags bei der Kaffeepause verraten hatte. Ganz entrüstet habe ich geantwortet: "Was denn? Für sowas habt Ihr Zeit?"
Ich muss aufpassen. In letzter Zeit scheint es um mich rum immer kälter zu werden. Demnächst fang ich noch an Zigarre zu rauchen.

2

Diesen Text mochten auch

9 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Klasse Text!
    Schade, dass Du scheinbar nicht mehr hier bist!

    11.04.2007, 23:58 von Doktorarbeit
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    du könntest am schreibtisch neben mir sitzen;)
    kommt mir oft genauso vor
    musste stark bleiben und notfalls auch mal gegen die masse schwimmen. das tut gut und gibt einem ein gewisses überlegenheitsgefühl über die ganzen Ja-Sager :)

    15.11.2006, 12:13 von maxcherry
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ohmann... ich hatte echt das Gefühl, Du redest über meine Firma... Deprimierenderweise scheint das wohl fast überall so zu sein. Warum gibt es keinen everyday-casual?
    Pass bloß auf Dich auf ;)

    17.07.2005, 19:53 von mondauge
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Super Text :-) Als Kind fand ich Momo immer super. Es steckt viel mehr Wahrheit in diesem "Kinderbuch" als man meinen würde.
    Ich habe es bisher zum Glück geschafft nicht Grau-in-Grau zu leben. Als Frau kann man sich ja alleine schon von den Arbeitsklamotten wesentlich mehr leisten ;-) Aber es hat auch was mit der eigenen Einstellung zu tun: ich NEHME mir die Zeit mittags in der Sonne zu stehen und frische Luft zu tanken; ich NEHME mir die Zeit morgens mit der Rezeptionistin zu plauschen, und ich NEHME mir die auch mal früher nach Hause zu gehen :-)
    Aber alleine dass Dir bewusst ist was passiert ist ja schon ein gutes Zeichen ;-)

    25.05.2005, 14:52 von Nizzagirl33
    • Kommentar schreiben
  • 0

    frage mich, wie und wann diese metamorphose beginnt. wie lange bleibt man ein farbtupfer und ab wann ist man grau und hats nicht gemerkt? die, die jetzt grau sind, waren doch auch mal bunt, oder? und sind sie jetzt zufrieden in grau oder wenn nicht: warum bricht niemand aus? man muss doch etwas dagegen tun koennen. momo hats auch geschafft! wie eigentlich? ich erinnere mich nicht ... anyway, schoener text, aber so deprimierend, wenn man gerade im buero sitzt.

    08.02.2005, 15:42 von noidea
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Leider mehr Real als Satire.
      Ich frage mich ja, wer als Erster die Phrase von den "gedeckten Farben" definiert hat...

      08.02.2005, 12:59 von DerPeder
    • 0

      @DerPeder ich würd ja gern einen kommentar ala super text da lassen, aber ich hab leider keine zeit! *g*

      08.02.2005, 15:33 von Eiskoenigin
    • 0

      @Eiskoenigin Dann lass es doch! ;-)))

      09.02.2005, 12:42 von DerPeder
  • 0

    zum glück hast du noch zeit dafür, so gute texte zu schreiben!!

    08.02.2005, 09:35 von Nelson
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ganz toller text! und so wahr. aber stell doch mal nen farbphoto ins netz...:-)

    08.02.2005, 01:33 von hui-buh
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare